Winfried Kretschmann (Bündnis 90Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat)

"Hinterher ist man immer klüger"

Kretschmann räumt Fehler im Corona-Krisenmanagement ein und wirbt für Impfung

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Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat im Umgang mit der Pandemie Fehler der Landesregierung eingeräumt. Nun gehe es aber darum, die zweite Welle zu brechen. Hier wirbt er fürs Impfen.

Am Ende lasse sich die Pandemie nur durch Impfen besiegen, sagte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. "Die Alternative wäre eine Durchseuchung der Bevölkerung, das würde viele Jahre dauern und wäre mit Hunderttausenden Toten und mit schweren Erkrankungen zu bezahlen."

"Eine Impfpflicht durch die Hintertür ist nicht geplant"

"Eine Impfpflicht durch die Hintertür ist nicht geplant", bekräftigte der Grünen-Politiker dabei. "In der Demokratie gibt es nur den Weg der Überzeugung." Er könne verstehen, dass einige Menschen unsicher seien. Aber grundsätzlich seien Impfstoffe die mit am besten geprüften Medikamente. Er wolle deshalb mit Nachdruck für das Impfen werben und darüber aufklären.

Er selbst wolle sich natürlich auch impfen lassen, kündigt der 72-Jährige an. "Und zwar wenn ich an der Reihe bin." Zuerst kämen andere Gruppen dran, etwa Ältere und Pflegepersonal.

Regierungschef hält nichts von Privilegien für Geimpfte

Kretschmann macht sich nach eigenen Angaben wenig Sorgen wegen Corona-Leugnern, die sich partout nicht impfen lassen wollen. "Die, die das Virus für ungefährlich halten, sind eine kleine Minderheit. Die zu überzeugen, ist fast unmöglich. Die sind aber auch nicht das Problem", sagte er. "Um bei der Virusbekämpfung Erfolg zu haben, brauchen wir eine Impfquote von 60 bis 70 und nicht 97 Prozent."

Viele Menschen werden sich seiner Meinung nach allein deshalb schon impfen lassen, damit sie in einen normalen Alltag ohne Einschränkungen zurückkehren können. Von Privilegien und Belohnungen für Menschen, die sich impfen lassen, hält Kretschmann nichts.

Zum Krisenmanagement: "Wir hätten schneller reagieren können"

Was den Umgang der Landesregierung mit der Corona-Pandemie anbelangt, zeigte sich der Regierungschef selbstkritisch. "Hinterher ist man immer klüger. Wir hätten durchaus schneller reagieren können als die Inzidenz über 50 gestiegen ist", sagte er mit Blick auf die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. "Aber ich darf daran erinnern: Vieles ist uns im Land, aber auch bundesweit, von den Verwaltungsgerichten eingesammelt worden. Wir mussten alles immer auch verhältnismäßig machen." Mitte Oktober hatte etwa der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim das Beherbergungsverbot der damaligen baden-württembergischen Corona-Verordnung gekippt.

Eine Manöverkritik nütze im Moment nichts, sagte der Grünen-Politiker weiter. "Denn der Mensch kann bekanntlich die Vergangenheit nicht ändern. Jetzt geht es erst mal darum, die zweite Welle unter Kontrolle zu bringen."

Kretschmann zeigt Verständnis für Pandemie-Müdigkeit

Kretschmann zeigte sich wenig überrascht darüber, dass die Zufriedenheit mit dem Krisenmanagement der grün-schwarzen Landesregierung während der Corona-Pandemie im Vergleich zum Frühjahr gesunken ist. "Die Menschen sind natürlich Pandemie-müde, das kann doch jeder nachvollziehen", sagte er. "Die Eingriffe ins persönliche Leben, die existenziellen Sorgen von Unternehmen - wenn ich Künstler bin und ich kann monatelang nicht auftreten, kann ich doch nicht zufrieden sein."

Laut einer aktuellen SWR-Umfrage sind derzeit noch 62 Prozent der Baden-Württemberger mit dem Regierungshandeln von Grün-Schwarz in der Pandemie zufrieden - das sind 11 Prozentpunkte weniger als im April während der ersten Corona-Welle. Kretschmann freut sich dennoch über das Ergebnis. "Das ist ein großer Vertrauensbeweis."

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