Eine Frau nimmt am Waschbecken einer Toilette kostenlose Tampons und Binden aus einer Holzkiste. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Uwe Anspach)

Pilotprojekte gegen Periodenarmut

Karlsruhe, Heidelberg und Tübingen bieten kostenlose Tampons und Binden an

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Frauen müssen in ihrem Leben viel Geld für Tampons oder Binden ausgeben. Karlsruhe und Heidelberg starten Pilotprojekte, um gegen sogenannte Periodenarmut vorzugehen. Tübingen hat das in Januar gemacht.

In Baden-Württemberg bekommt das Problem "Periodenarmut" mehr Aufmerksamkeit. So erklärt die Stadt Heidelberg, Periodenarmut erschwere einkommensschwachen Frauen wegen der Kosten für Hygieneartikel eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen und öffentlichen Leben.

In Karlsruhe und Heidelberg erhalten Frauen und Mädchen im Rahmen von Pilotprojekten von September an kostenlose Binden und Tampons.

Die frauenpolitische Sprecherin der baden-württembergischen Grünen-Landtagsfraktion, Stefanie Seemann, forderte bereits im Frühjahr eine stärkere Rücksichtnahme auf Menstruationsbeschwerden in Schule, Beruf und Verwaltung. Sie sprach sich dafür aus, dass in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen oder Universitäten, aber auch in privaten Unternehmen Hygieneartikel wie Binden und Tampons kostenlos bereitliegen sollen.

Feray Şahin vom Verband Paritätischen Baden-Württemberg äußerte in SWR Aktuell, man sollte sich Schottland sofort zum Vorbild nehmen: “Vor allem angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten wäre es ein gutes und richtiges Signal, dem Beispiel aus Schottland zu folgen."

Schottland verankerte Gesetz gegen Periodenarmut

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In Schottland müssen städtische Einrichtungen und Bildungseinrichtungen seit kurzem kostenlose Periodenprodukte zur Verfügung stellen. Seit Mitte August gilt ein entsprechendes Gesetz gegen die sogenannte Periodenarmut.

BW-Kommunen mit Gratis-Angeboten für Binden und Tampons

In Tübingen gibt es bereits seit Anfang des Jahres insgesamt 23 Binden- und Tamponspender in Schulen und öffentlichen Gebäuden wie im Rathaus und in der Stadtbücherei sowie in zwei öffentlichen Toiletten. Die Einrichtung der Hygieneartikelspender ging auf Anträge der SPD-Gemeinderatsfraktion und des Jugendgemeinderates zurück. Die Stadt lässt sich das Angebot 10.000 Euro im Jahr kosten.

Die Stadt Karlsruhe will ab diesem Schuljahr zunächst einem Gymnasium, einem städtischen Amt und allen Jugendhäusern ein Jahr lang Menstruationsprodukte gratis zur Verfügung stellen.

Periode: "Ein schambesetztes Thema"

In Heidelberg werden ab Anfang September an vier Standorten kostenlose Menstruationsartikel in kleinen Holzkisten bereitgestellt, im Rathaus, im Bürgeramt Mitte, in einer Gemeinschaftsschule und in einem Kulturzentrum. Für das zunächst auf ein Jahr befristete Angebot werden 20.000 Euro veranschlagt. Zudem ist eine Evaluation des Projekts geplant.

Bürgermeisterin Stefanie Jansen (l.) in Heidelberg und Gleichstellungsbeauftragte Dr. Marie-Luise Löffler mit dem Plakat zur Kampagne "perioHDe". (Foto: Pressestelle, Stadt Heidelberg/Rothe)
Die Stadt Heidelberg hat eine Kampagne mit dem Namen "perioHDe" gestartet. Pressestelle Stadt Heidelberg/Rothe

Das Thema Menstruation sei auch in Deutschland besonders für Mädchen und junge Frauen weiterhin ein schambesetztes Thema - das Projekt der Stadt Heidelberg mit dem Namen "perioHDe" soll dazu beitragen, dieses Tabu zu brechen. Junge Frauen, die von der Periode überrascht werden, trauten sich nicht, andere Frauen oder Mädchen um Binden oder Tampons zu bitten, sagt Nicoline Erichsen von der Stadt Heidelberg.

"Alle Frauen haben schon gespürt, dass das Thema nicht normal genug ist."

Das von den Fraktionen der Grünen und der Linken im Heidelberger Gemeinderat angestoßene Angebot richte sich an Frauen mit spontanem Bedarf, erläuterte die Gleichstellungsbeauftragte der Universitätsstadt, Marie-Luise Löffler. Wenn dennoch große Mengen auf einmal mitgenommen würden, müsse über eine andere Form des Angebotes nachgedacht werden.

Verband fordert Gleichstellung bei Kostenverteilung

Der Beratungsverbund Pro Familia begrüßt das Engagement der Städte. Es müsse eine Gleichstellung bei der Verteilung der Kosten für Menstruationsartikel geben. "Im Laufe eines Lebens kommen hohe Summen zusammen, auf denen alleine die Frauen sitzenbleiben", monierte Landesgeschäftsführerin Gudrun Christ. Eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung würde kostenlose Menstruationsprodukte in öffentlichen Gebäuden befürworten. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sprachen sich 66 Prozent der Befragten dafür aus, Menstruierenden etwa in Gemeindezentren oder Apotheken einen unentgeltlichen Zugang zu Artikeln wie Tampons oder Binden zu ermöglichen. 18 Prozent lehnen dies ab, 16 Prozent der Befragten machten keine Angabe.

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