Corona-Schnelltest in einer Hand mit Handschuhen (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/Federico Gambarini)

Kita- und Grundschulöffnungen in Baden-Württemberg

Kostenlose Corona-Schnelltests für Schulen und Kitas geplant - Kritik von Palmer

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Lange wurden sie gefordert, jetzt sollen sie endlich kommen: Schnelltests für Kinder, Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher an Schulen und Kitas in Baden-Württemberg. Doch die Ankündigung sorgt erneut für Kritik.

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Baden-Württembergs Gesundheitsministerium will Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern und Kindern an Schulen und Kitas kostenlos Selbsttests zur Verfügung stellen. Das teilte Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) am Mittwoch mit. "Damit können die Betroffenen bei Symptomen eine Selbsttestung zu Hause vornehmen und bleiben bei positivem Testergebnis der jeweiligen Einrichtung fern", sagte der Grünen-Politiker in Stuttgart. Ermöglicht werde der Eigengebrauch von Schnelltests durch eine Anpassung einer Verordnung durch den Bund. Damit sei nun die Umsetzung eines umfassenden Testkonzepts für Schulen und Kindertagesstätten möglich, betonte Lucha.

"Nun können wir die geplante Öffnung von Grundschulen und Kindertagesstätten nach dem Faschingsferien mit einer erweiterten Teststrategie begleiten."

Lucha will Eisenmann informieren

Lucha kündigte an, mit Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) am Donnerstag in einem Spitzengespräch darüber diskutieren zu wollen. Die beiden hatten sich zuletzt einen öffentlichen Schlagabtausch über den Umgang mit Kitas und Grundschulen und die Teststrategie geliefert. Eisenmann dringt auf die Öffnung von Kitas und Grundschulen und hatte ihrem Ministerkollegen vorgehalten, nicht genügend Testmöglichkeiten zu bieten. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte zwischen beiden vermittelt.

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Kretschmann will neue Teststrategie vorlegen

In der kommenden Woche will Kretschmann ein Konzept für eine neue Corona-Teststrategie vorlegen. "Da werden wir Ihnen nächste Woche einen Vorschlag machen", sagte der Grünen-Politiker im Landtag. Er räumte ein, dass es in dieser Frage "Differenzen in der Landesregierung" gegeben habe. Kretschmann habe die "öffentliche Begleitmusik" auch nicht gut gefunden, sagte er mit Blick auf den öffentlichen Schlagabtausch zwischen Kultusministerin Eisenmann und Gesundheitsminister Lucha zu dem Thema. Kretschmann sagte, es gehe um die Frage, ob man die Schnelltests nur anlassbezogen etwa in Alten- und Pflegeheimen mache oder sie deutlich auf andere Berufsgruppen wie etwa Lehrer oder Erzieher ausweite.

Aus Sicht des Kultusministeriums ist wegen der Virus-Mutanten eine strukturell veränderte Schnelltest-Strategie für alle Berufsgruppen, die täglich Kontakt zu vielen anderen Menschen haben, dringend erforderlich. Das Land müsse verstärkt auf niederschwellige und anlasslose Testangebote setzen: "Anlasslose Testungen sind gerade deshalb sinnvoll, da eine Infektion oft ohne Symptome auftritt, und Betroffene deshalb gar keine Notwendigkeit für einen Test sehen. Damit tragen die Betroffenen oft unwissentlich zur Verbreitung des Virus bei. Genau deshalb ist dieser Strategiewechsel jetzt dringend erforderlich."

Verdi begrüßt Corona-Testmöglichkeiten

Die Gewerkschaft Verdi begrüßt die angekündigte Gesprächsrunde, an der auch die Träger teilnehmen, und sieht ihre Forderung nach mehr Gesundheitsschutz durch Luchas Test-Pläne als erfüllt an. "Die Pandemie zieht sich leider nur in mühsam erkämpften Trippelschritten zurück, deshalb brauchen wir große Schritte für mehr Infektionsschutz. Dafür haben wir letzte Woche ein Zehn-Punkte-Programm vorgelegt. Mit jetzt angekündigten regelmäßigen Tests können wir nun endlich verhindern, dass infizierte Beschäftigte unnötig Kolleginnen und Kollegen, Kinder, Eltern oder ihre Angehörigen anstecken", teilte die Gewerkschaft mit.

Verdi zufolge müssten nun eine flächendeckende Bereitstellung von FFP2-Masken und verbindliche Regeln für die Notbetreuung erfolgen, um Gruppenbelegungen von mehr als 50 Prozent zu verhindern. "Die Gruppenbelegungen dürfen nicht mehr länger losgelöst vom Infektionsgeschehen geregelt werden", fordert die Gewerkschaft. Außerdem bräuchte es klare Kriterien für eine Rückkehr zum Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen.

Notärztin Federle: Luchas Plan ist nicht ausreichend

Die Tübinger Notärztin Lisa Federle bezeichnete den Plan von Gesundheitsminister Lucha dagegen als nicht umfassend genug. "Menschen mit Symptomen gehören zum Arzt. Schnelltests sind dazu gedacht, um mit Corona infizierte Menschen ohne Symptome herauszufischen, damit sie andere nicht anstecken", sagte Federle. Die ganze Zeit werde davor gewarnt, dass viele Menschen auch symptomlos ansteckend seien. Kultusministerin Eisenmann hatte zusammen mit Federle ein Papier für Corona-Massentests erarbeitet.

Zudem hatte die Notärztin in der zweiten Corona-Welle mit Hilfe von Spendengeldern Corona-Schnelltests gekauft und bietet seitdem in der Tübinger Innenstadt kostenlose Schnelltests für jedermann an. Die Aktion wurde vom baden-württembergischen Sozialministerium in der Vorweihnachtszeit auf weitere Städte ausgedehnt. Das Projekt findet Federle zufolge Nachahmer beispielsweise in Reutlingen - aber auch bundesweit, wie etwa in Pfaffenhofen (Bayern) oder Groß-Gerau (Hessen).

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Auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hält den Plan von Gesundheitsminister Lucha, Schnelltests bei Lehrern, Erziehern und Kindern nur bei Symptomen anzuwenden, für nicht ausreichend. "Er lässt die Lücke der symptomfreien Zeit. Wir wollen in Tübingen weiter gehen".

Palmer geht eigenen Schnelltest-Weg

Notärztin Federle und Palmer wollen für Tübingen ein eigenes Schnelltest-System an Schulen aufbauen. "Unser Ziel sind regelmäßige Schnelltests zwei bis drei Mal pro Woche an allen Kitas und den Abschlussklassen aller Schulen in der Stadt", sagte Palmer am Mittwoch in Tübingen. Zum richtigen Umgang mit den neuen Schnelltests im Kampf gegen die Corona-Pandemie sollen die Lehrer geschult werden. Schüler und Lehrer, die es sich nicht zutrauen, den Schnelltest in der Schule zu machen, bekommen Federle zufolge das Angebot, kostenlose Schnelltests beim Arztmobil machen zu lassen. Das Mobil steht fünfmal die Woche auf dem Tübinger Marktplatz.

Laut Palmer stehen rund 100.000 Euro für den Aufbau dieser neuen Strategie zur Verfügung. Rund 20.000 Tests seien bestellt worden, sagte Federle. Die Aktion werde nächste Woche starten. Mit Kultusministerin Eisenmann sei sie sich einig, dass das Tübinger Konzept landesweit ausgeweitet werden soll - auch auf andere Berufsgruppen wie beispielsweise Polizisten und Verkäufer.

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