Zwei kleine Kinder spielen am Fenster in einer Kindertagesstätte. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Wolf)

Platz- und Fachkräftemangel in Kitas

Kita-Personal in BW am Anschlag: Verband fordert Kommunen zum Handeln auf

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Katharina Fuß

In den Kitas in BW fehlt Personal. Das wird sich so schnell nicht ändern, warnt der Verband VBE und fordert: Die Kommunen müssen mehr Geld in die Betreuung investieren.

Das neue Kita-Jahr startet bald und in Baden-Württemberg haben längst nicht alle Eltern einen Platz für ihre Kinder gefunden. Die Kommunen schätzen, dass wegen des Personalmangels tausende Kinder im kommenden Jahr nicht betreut werden können. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sieht die Verantwortung klar bei den Kommunen selbst, sie hätten das jahrelang verschlafen. Diese fordern allerdings von der Landesregierung, die Regeln für den Personalschlüssel und die Gruppengrößen weiter gelockert zu lassen.

VBE: "Größere Gruppen schaden der individuellen Betreuung"

Das hält der VBE für den falschen Weg und bekommt Unterstützung von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg. Gewerkschaft und Verband befürchten, dass durch weiterhin größere Gruppen und weniger Erzieher für die Gruppengröße die Qualität der Betreuung und die individuelle Förderung massiv leide.

Im SWR-Interview sagte der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand, die Eltern könnten dann zwar ihre Kinder in die Kita bringen, aber die Gruppen seien dann nicht mehr so überschaubar wie bisher.

Brand befürchtet, dass durch die größeren Gruppen die sowieso schon "gebeutelten" Erzieherinnen und Erzieher irgendwann zusammenbrechen werden. Auch die GEW ist gegen die Forderung der Kommunen, weil sich dadurch die Arbeitsbedingungen verschlechtern würden und das Personal dauerhaft zu sehr belastet werde.

"Ich bin sehr froh, dass die Corona-bedingten Ausnahmeregelungen nicht fortgesetzt werden. Dafür haben wir gekämpft. Der Arbeitsplatz Kita hätte sonst weiter an Attraktivität verloren."

Kommunen warnen vor Kollaps des Betreuungssystems

Die Kommunen hatten hingegen bereits Ende Juli von der Landesregierung gefordert, die Sonderregeln für den Personalschlüssel und die Gruppengröße aus der Corona-Zeit zu verlängern. "Der Rechtsanspruch auf Betreuung in der Kita kann mit diesen Vorgaben faktisch nicht mehr erfüllt werden", erklärten Gemeinde-, Städte- und Landkreistag übereinstimmend.

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"Wir bedauern ausdrücklich die Entscheidung des Kultusministeriums, die bestehenden Flexibilisierungsmöglichkeiten bei der Gruppengröße und beim Mindestpersonalschlüssel nicht fortzuschreiben", heißt es in einer aktuellen Stellungnahme des Gemeindetags. Gerade in einer Zeit mit zahlreichen, sich parallel vollziehenden Krisen benötigten die Träger im Rahmen ihrer Verantwortung mehr Handlungsoptionen und Flexibilität.

Gemeindetag: "Kommunen investieren dreimal so viel in Kitas wie vor 15 Jahren"

Zur Kritik des VBE, die Kommunen müssten mehr Geld in die Kinderbetreuung stecken, heißt es vom Gemeindetag auf SWR-Anfrage: Die Kommunen hätten in den letzten Jahren bereits viel Geld in die Hand genommen, um den Ausbau der Betreuung voranzubringen.

Seit 2007 habe sich zum Beispiel die Zahl der in Kitas tätigen pädagogischen Fachkräfte mehr als verdoppelt. Insgesamt würden die Kommunen heute dreimal so viel in die Kindertagesbetreuung investieren wie 2007. Es gebe kaum Branchen, die vergleichbare Entwicklungen vorweisen können, betont der Gemeindetag.

Zahl der Kita-Kinder in BW nimmt immer mehr zu

Außerdem weist der Gemeindetag in Baden-Württemberg auf die zunehmende Zahl der zu betreuenden Kinder in den Kitas im Land hin. Sie nahm demnach in den vergangenen 15 Jahren um rund 20 Prozent zu. Hinzu kämen unter anderem die Ausweitungen der Öffnungszeiten, der Ausbau der Ganztagesbetreuung und ganz aktuell die aus der Ukraine geflüchteten Kinder. In den vergangenen Jahren zeige sich immer deutlicher, dass der Platz- und Fachkräftebedarf schneller wachse als der Ausbau trotz größter Anstrengungen voranschreiten könne, so der Gemeindetag.

Einige Kita-Gruppen mussten bereits kurzfristig schließen

Das stellt viele Kommunen vor große Herausforderungen. Von der Stadt Karlsruhe heißt es zum Beispiel, viele Einrichtungen hätten derzeit aufgrund von Personalmangel oder Erkrankungen die Öffnungszeiten reduziert. Manche Gruppen seien vorübergehend oder sogar ganz geschlossen worden.

Ähnliches berichtet auch die Stadt Esslingen. Hier sind 59 Personalstellen nicht besetzt, weshalb zwölf Gruppen gar nicht geöffnet werden können. In Lahr (Ortenaukreis) suchen laut Angaben der Stadt Eltern von 190 Kindern aktuell einen Kitaplatz, in einer größeren Stadt wie Stuttgart fehlen im Vergleich im Moment 2.500 Kita-Plätze. Hier sind laut der Stadt 300 Stellen unbesetzt.

Eine stichprobenartige Umfrage des SWR bei einigen Kommunen in Baden-Württemberg zeigt, überall mangelt es an genügend Kita-Plätzen.

Der Verband Bildung und Erziehung befürchtet, dass sich die Situation in vielen Kommunen weiter verschlechtern wird und dass diese ihre Öffnungszeiten sowie die Qualität in ihrer Kinderbetreuung nicht mehr halten können.

"In den nächsten zehn Jahren sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels."

Etwas Hoffnung durch "nicht-pädagogische" Kräfte

Die geplanten schnell greifenden Maßnahmen der baden-württembergischen Landesregierung, wie künftig fehlende Erzieherinnen und Erzieher durch die doppelte Zahl nicht-pädagogischer Kräften zu ersetzen, hält Brand für eine gute Lösung. Allerdings nur, weil er im Moment keine andere Möglichkeit sieht.

"Wenn wir rosige Zeiten hätten, würde ich alles ablehnen, was geplant ist, aber da wir das nicht haben, ist das eine Möglichkeit, den Fachkräftemangel etwas zu dämpfen und die Kitas handlungsfähiger zu machen", betonte Brand im SWR-Interview. Die GEW sieht das ähnlich und fügt hinzu, auch wenn es sich um die doppelte Anzahl von Personen handele, fehle selbstverständlich die fachliche Kompetenz. Nicht pädagogisch qualifizierte Personen bräuchten mehr Anleitung und das müsse ein System erst einmal leisten können.

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Ziel solle auf alle Fälle sein, interessierte Personen für die pädagogische Arbeit zu qualifizieren, so die GEW. Die Gewerkschaft begrüßt deshalb das Programm "Direkteinstieg Kita", durch welches diejenigen, denen bisher der Zugang zu pädagogischen Berufen verwehrt war, qualifiziert und finanziert werden können. Dieses Programm will die Landesregierung im kommenden Jahr an ausgewählten Standorten anbieten.

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