Jugendlicher liegt mit Handy auf dem Sofa (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa / Tobias Hase)

Langzeitstudie am Karlsruher Institut für Technologie

Der Corona-Frust wächst: Jugendliche bewegen sich im Lockdown immer weniger

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Forschende des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) warnen vor den Folgen des anhaltenden Lockdowns für die Gesundheit junger Menschen: Sie trieben deutlich weniger Sport, ihr Fernsehkonsum nehme zu.

Die Corona-Pandemie bremst Kinder und Jugendliche in Deutschland aus: Nach einer Studie der Wissenschaftler bewegten sie sich im Februar dieses Jahres 75 Minuten am Tag - beim Laufen, Fahrradfahren oder Joggen oder in Online-Fitness-Kursen. Im vergangenen Frühjahr sei ihre Bewegungsdauer mit täglich 166 Minuten mehr als doppelt so lange gewesen.

Jeder dritte junge Mensch fühlt sich dicker

Gleichzeitig verlängerte sich der Fernsehkonsum der befragten Kinder und Jugendlichen: Laut Studie saßen sie in diesem Februar 222 Minuten am Tag vor dem Bildschirm, 28 Minuten länger als im ersten Lockdown. "Durch die höhere Inaktivität gab fast die Hälfte der Befragten nach eigener Einschätzung an, dass ihre Fitness stark gesunken sei", erklärte Alexander Woll, Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am KIT. Knapp 30 Prozent der befragten jungen Menschen zwischen vier und 17 Jahren seien nach eigenen Worten dicker geworden.

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Forscher fordern langfristige Lösungen

Woll mahnt deshalb langfristige Lösungen an, um auch in Situationen wie einer Pandemie die Bewegung von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Bewegung stärke nicht nur die Fitness, sondern auch das Wohlbefinden und die vor allem in einer Pandemie wichtigen Abwehrkräfte.

Winter vergrößert den Frust

Ein Grund für den gestiegenen Bewegungsmangel könnte nach Angaben der Forschenden auch das Wetter gewesen sein: Im ersten Lockdown hätten sich die Kinder und Jugendlichen sehr viel draußen aufgehalten und folglich mehr bewegt. Das sei im Winter nicht mehr in dem Maße möglich gewesen. Überdies sei vermutlich der Frust der Kinder und Jugendlichen gestiegen und die Motivation für Bewegung gesunken.

So berichtete "SWR Aktuell Baden-Württemberg" am 30. Dezember 2020 im SWR Fernsehen über den Bewegungsmangel:

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Für ihre Studie befragten die Wissenschaftler im Februar dieses Jahres 1.700 junge Menschen im Alter von 4 bis 17 Jahren, 1.322 von ihnen wurden auch während des ersten Lockdowns befragt. An der ersten Befragung im Frühjahr 2020 hatten ebenfalls 1.700 Kinder und Jugendliche teilgenommen.

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