Gebhard Fürst (l), Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, und Margret Schäfer-Krebs, Zermoniarin, nehmen an der Eucharistiefeier des Katholikentags teil. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat)

Zahl auf Rekordhoch

Katholische Kirche in BW: Mehr als 58.000 Menschen treten aus Kirche aus

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Die Zahl der Katholiken in Baden-Württemberg sinkt weiter. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart traten rund 28.000 Menschen aus der Kirche aus, im Erzbistum Freiburg mehr als 30.000.

Die Katholische Kirche in Baden-Württemberg verliert wie auch bundesweit im hohen Tempo viele Mitglieder. Im vergangenen Jahr traten 28.212 Katholikinnen und Katholiken der Diözese Rottenburg-Stuttgart aus der Kirche aus. In der Erzdiözese Freiburg waren es laut Mitteilung 30.043 Menschen. Alle Zahlen stammen aus der kirchlichen Statistik, die am Montag veröffentlicht wurde.

Bischof Fürst: "Kirche in einer tiefen Krise"

Mit rund 1,71 Millionen Gläubigen Ende 2021 war die Diözese Rottenburg-Stuttgart die drittgrößte in Deutschland nach Köln und Münster. Allerdings schrumpft die Mitgliederzahl kontinuierlich. Im Vergleich zum Jahr 2019, dem Ausbruch der Corona-Pandemie, ist die Austrittsquote um 29 Prozent gestiegen. Auch weil die Zahl der Taufen, also dem Eintritt in die Kirche, deutlich unter der Zahl der Verstorbenen liegt, nimmt die Mitgliederzahl weiter ab.

Für Bischof Gebhard Fürst spiegeln die Zahlen "die tiefe Krise wider, in der sich unsere Kirche nicht nur wegen des Missbrauchsskandals befindet". Dass auch andere Parteien, Verbände und Gewerkschaften Mitglieder verlören, könne für die Kirche kein Trost sein.

"Diese Zahlen tun einfach sehr, sehr weh".

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Auch im Erzbistum Freiburg Austrittszahlen auf Rekordniveau

In der Erzdiözese Freiburg bietet sich ein ähnliches Bild. Hier traten im vergangenen Jahr mit etwa 30.000 Frauen und Männern rund 10.000 Menschen mehr aus der katholischen Kirche aus als noch 2020. Die Zahl der Taufen stieg 2021 deutlich auf 10.729, die Zahl der Bestattungen leicht auf 19.832. Etwa 1,71 Millionen Katholiken leben im viertgrößten Bistum Deutschlands.

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger erklärte: "Jeder einzelne Austritt schmerzt mich." In Zeiten von Krieg, Pandemie und globalen Krisen sei das Bedürfnis der Menschen nach Hoffnung, Orientierung und Halt so groß wie lange nicht mehr. Burger verwies auf die Aufgabe der Kirche: "Versuchen wir als Kirche bei allen Problemen, die uns derzeit beschäftigen, trotzdem den Menschen ein demütiger, erfahrener und liebevoller Begleiter auf der Suche nach Gott und dem Sinn des Lebens zu sein."

Bischofskonferenz: "Es gibt nichts schönzureden"

Als Hauptgründe für einen Kirchenaustritt werden laut der Deutschen Bischofskonferenz Versäumnisse und Fehler bei der Aufarbeitung der Fälle sexuellen Missbrauchs genannt. Bundesweit kehrten mit 359.338 Katholikinnen und Katholiken so viele Menschen wie noch nie innerhalb eines Jahres der Kirche den Rücken. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz Georg Bätzing sagte, es gebe nichts schönzureden und er sei angesichts dieser Zahlen zutiefst erschüttert. "Es mehren sich Rückmeldungen, dass Menschen diesen Schritt gehen, die bisher in den Pfarreien sehr engagiert waren. Der Aufbruch, den wir mit dem Synodalen Weg gehen, ist hier im Kontakt mit Gläubigen offenbar noch nicht angekommen." Insgesamt gibt es in Deutschland 21,6 Millionen Katholiken, das sind 26 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Auch Evangelische Kirche verliert Mitglieder

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) verliert viele Mitglieder. Sie hatte bereits im März ihre Statistik veröffentlicht. Demnach traten im vergangenen Jahr bundesweit 280.000 Protestanten aus der Kirche aus. Die Zahl ihrer Mitglieder sank erstmals unter die 20-Millionen-Grenze auf 19,72 Millionen. Insgesamt 42.200 Protestantinnen und Protestanten verließen die badische und die württembergische Landeskirche.

Damit gehören erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik weniger als die Hälfte der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger einer der beiden großen Kirchen an. Von 83,2 Millionen Bundesbürgern sind rund 41,4 Millionen katholisch oder evangelisch, das entspricht knapp 49,8 Prozent.

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SWR