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Homeoffice ist in der Corona-Pandemie längst zum Standard geworden. Doch langsam zeigt sich: Durch die Veränderung der Arbeitssituation nimmt die Zahl psychischer Erkrankungen zu.

In der psychosomatischen Abteilung der Max-Grundig-Klinik in Bühl (Kreis Rastatt) beobachtet man ganz genau, welche psychischen Folge-Erkrankungen die Belastungen durch die Corona-Pandemie mit sich bringen: Angststörungen und Schlafbeschwerden treten vermehrt auf, es drohen viele chronische Erkrankungen bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. In der Fachklinik kümmert man sich um solche Fälle, wie zum Beispiel auch um den Vertriebsmanager Karlheinz Schiller. In seinem coronabedingten Homeoffice hatten ihn Depressionen böse erwischt.

"Ich habe beim Telefonieren feuchte Hände bekommen, ich komme aus dem Vertrieb. Ich hatte Angst jemanden anzurufen. Das hat sich so potenziert, dass ich zu nichts mehr fähig war."

Längst kein Einzelfall, stellt Christian Graz fest, Chefarzt der psychosomatischen Abteilung an der Max-Grundig-Klinik. Diesen Patienten konnte er jetzt nach fünf Wochen stationärem Aufenthalt entlassen. Viele andere stehen aber noch in der Warteschlange.

Der Chefarzt der Max-Grundig-Klinik, Christian Graz (Foto: SWR)
Chefarzt Christian Graz verzeichnet immer mehr Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen

"Wir haben sehr viel mehr Anfragen, die Telefone stehen nicht still."

Schiller halfen die verschiedenen Therapie-Angebote, seine Ängste besser in den Griff zu bekommen. Ängste, die durch die ungewohnte Homeoffice-Situation noch befeuert wurden.

"Dann begannen Panikattacken. Da kommt man in einen Strudel rein und ist nicht mehr fähig, Dinge zu tun, die vorher selbstverständlich waren."

Gerade Sport sei wichtig, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Der Selbständige Matthias Preisler ist schon seit neun Wochen in stationärer Behandlung in der Max-Grundig-Klinik. Die Depression wirkte sich auch stark auf den Körper aus.

Ein Mann steht auf einem Laufband und macht Sport (Foto: SWR)
Sport ist bei der Therapie ein wichtiges Element in der Max-Grundig-Klinik

"Ich hatte starke Knieschmerzen, die Beine taten weh, ich konnte nicht richtig laufen. Ich war jeden Tag total erschöpft."

Hier in der abgeschiedenen Spezialklinik an der Schwarzwaldhochstraße sind einige Manager und Unternehmer in Behandlung, die die Herausforderungen der Corona-Krise psychisch krank gemacht haben. Und es trifft gerade auch immer jüngere Menschen, was für die Nach-Corona-Zeit aus ärztlicher Sicht nichts Gutes bedeutet, meint Chefarzt Graz.

"Diese jungen Patienten haben eine schlechtere Widerstandsfähigkeit, mit diesen Krisen umzugehen als ältere Menschen."

So sei auch in der Zukunft sehr wahrscheinlich eine Welle von Angsterkrankungen und depressiven Erkrankungen zu erwarten, so die Einschätzung des Chefarztes.

Wer einen Therapieplatz bekommt, wie Karlheinz Schiller, hat Glück. Denn es gibt einfach zu wenig Plätze in den psychiatrischen Kliniken für die vielen Menschen, die gerade Hilfe brauchen.

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