Teilnehmer stimmen während der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Karlsruhe ab (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Uli Deck)

Erstmals in Deutschland

Weltkirchenrat will in Karlsruhe Impulse für Christen setzen - Steinmeier kritisiert russische Geistlichkeit

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Markus Bender/Katharina Raquet/Cornelia Stenull

Welche Antworten können christliche Gemeinschaften auf Krieg und andere Krisen geben? Darüber beraten seit heute 800 christliche Gesandte beim Weltkirchentreffen in Karlsruhe.

Krieg in der Ukraine, Klimawandel und Hungerkrisen: Die weltweit drängenden Probleme beschäftigen auch die christlichen Kirchen - und sie wollen darauf Antworten finden. Bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Karlsruhe, der am Mittwoch begonnen hat, wird darüber diskutiert. Die Verantwortlichen haben große Erwartungen an das Treffen. Denn die Beschlüsse der Vollversammlung bestimmten die künftige Arbeit des Ökumenischen Rates, so ÖRK-Generalsekretär Ioan Sauca.

"Die Zusammenkunft ist von historischer Bedeutung."

Bischöfin Petra Bosse-Huber von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sagte zum Auftakt am Mittwoch, vielleicht sei die ÖRK-Vollversammlung nie wichtiger gewesen als in diesen Zeiten. Die Corona-Pandemie habe bei vielen Menschen das Bedürfnis nach Versöhnung gestärkt.

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Bundespräsident Steinmeier kritisiert Russisch-Orthodoxe Kirche

In seiner Rede am Eröffnungstag thematisierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unter anderem den Krieg in der Ukraine. Er kritisierte in diesem Zusammenhang die Rolle der Russisch-Orthodoxen Kirche. Deren Oberhäupter führten ihre Gläubigen derzeit auf einem geradezu glaubensfeindlichen und blasphemischen Irrweg, sagte der Bundespräsident.

Steinmeier verwies in seiner Rede auch auf "Flächenbombardements" gegen zivile Ziele sowie Kriegsverbrechen und Zerstörungen religiöser Stätten in der Ukraine.

"Kein Christ, der seinen Glauben, seine Vernunft und seine Sinne noch beisammen hat, wird darin Gottes Willen erkennen können."

ÖRK-Generalsekretär Sauca betonte, dass der Krieg einen Schatten auf die Versammlung werfe. "Das ist eine große offene Wunde für uns alle." Der ÖRK habe das Vorgehen Russlands früh Angriffskrieg genannt und gefordert, das Töten einzustellen. "Hier haben wir ganz klare Kante gezeigt", sagte Sauca.

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Empörung auf russischer Seite

Russische Kirchenvertreter reagierten empört auf Steinmeiers Kritik. Dessen Vorwürfe seien durch nichts belegt, sagte Metropolit Antoni, Leiter der Abteilung für Außenbeziehungen der Russisch-Orthodoxen Kirche. Steinmeier ignoriere alle humanitären Anstrengungen des Moskauer Patriarchats "im Kontext des Konflikts in der Ukraine". "Das war öffentlicher Druck, der fast einer Drohung gleichkam", kritisierte der Metropolit von Klin, Leonid.

Kretschmann hebt "ökumenisches Miteinander" hervor

Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) war zu Gast in Karlsruhe. In seiner Rede hob Kretschmann die besondere Rolle der Ökumene hervor. "Wenn die Kirchen weiterhin positiv Einfluss auf unser gesellschaftliches Zusammenleben nehmen wollen, geht das meiner Ansicht nach nur im ökumenischen Miteinander", sagte er.

Die Ökumene sei in Baden-Württemberg tief verwurzelt, so der Ministerpräsident. Zugleich erinnerte er daran, dass Christinnen und Christen seit diesem Jahr in Deutschland nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung darstellten - was Jahrhunderte lang der Fall gewesen war. Das Christentum habe eine große Prägekraft im Land. "Aber diese Prägekraft nimmt ab", so Kretschmann.

Israelkritischer Antrag ist kritisches Thema

Ein anderes strittiges Thema ist ein israelkritischer Antrag der anglikanischen Kirche von Südafrika. "Wir lehnen alle Formen von Antisemitismus ab, verurteilen sie und prangern sie an", sagte Sauca. Bundespräsident Steinmeier sagte: "Es zählt zu den großen aktuellen Aufgaben der christlichen Kirchen in aller Welt, dem Antisemitismus zu wehren." Er bleibe eine Hassideologie mit Vernichtungsgeschichte.

Vollversammlung des ÖRK alle acht Jahre

Für rund 600 Millionen Christinnen und Christen weltweit ist die Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Karlsruhe ein wichtiges Treffen. Es findet alle acht Jahre statt - und in diesem Jahr zum ersten Mal in Deutschland - organisiert von der Stadt Karlsruhe und der Evangelischen Landeskirche in Baden.

"Wir wollen Kirche als offen und dialoginteressiert erlebbar machen."

An verschiedenen Orten in der Stadt wird es während der Vollversammlung ein Programm für Menschen geben, die Lust haben, sich mit gesellschaftspolitischen oder spirituellen Themen auseinanderzusetzen. Es gibt beispielsweise Vorträge zu Rassismus, Klimagerechtigkeit oder zu interkulturellem Zusammenleben. Außerdem werden Bibelarbeiten und Gebetstreffen angeboten. Insgesamt werden rund 4.000 Interessierte zu den Veranstaltungen in Karlsruhe erwartet.

Wie sieht die ökumenische Arbeit der Zukunft aus?

Offizielle Hauptaufgabe der Vollversammlung des ÖRK und seiner Ausschüsse und Untergruppen mit 800 stimmberechtigten Gesandten ist es, Themen und Schwerpunkte für die weltweite ökumenische Arbeit der kommenden Jahre zu beschließen.

Wer ist Mitglied im Weltkirchenrat?

Mehr als 350 verschiedene Mitgliedskirchen gehören dem Weltkirchenrat an, beispielsweise Orthodoxe oder Lutheraner, aber auch die Evangelische Kirche in Deutschland. Nach Karlsruhe reist auch eine aus 20 Personen bestehende Katholische Delegation, vor allem aus dem Vatikan und aus Deutschland. Allerdings ist die Römisch-Katholische Kirche kein ÖRK-Vollmitglied, versteht sich jedoch als enger Partner des Weltkirchenrats.

Delegierter aus Burma beim Weltkirchentreffen in Karlsruhe  (Foto: SWR, SWR, Markus Bender)
Delegierter aus Burma beim Weltkirchentreffen. Etwa 800 Menschen aus der ganzen Welt kommen in Karlsruhe zusammen. SWR, Markus Bender Bild in Detailansicht öffnen
Delegierte aus Kenia und Zambia. Etwa 800 Menschen aus der ganzen Welt sind zum Start des Weltkirchentreffens nach Karlsruhe gekommen. SWR, Markus Bender Bild in Detailansicht öffnen
Zwei Delegierte von der koptischen Kirche Ägyptens beim Weltkirchentreffen. Etwa 800 Menschen aus der ganzen Welt kommen in Karlsruhe zusammen. SWR, Markus Bender Bild in Detailansicht öffnen
Delegierte aus Indien beim Weltkirchentreffen. Etwa 800 Menschen aus der ganzen Welt kommen in Karlsruhe zusammen. SWR, Markus Bender Bild in Detailansicht öffnen
Russisch orthodoxe Christen beim Weltkirchentreffen in Karlsruhe. Etwa 800 Menschen aus der ganzen Welt kommen in Karlsruhe zusammen. SWR, Markus Bender Bild in Detailansicht öffnen

Themen der Vollversammlung: von Umweltschutz bis Ukraine-Krieg

Während der Vollversammlung vom 31. August bis 8. September werden Entscheidungen getroffen, die die Ausrichtung der Mitgliedskirchen weltweit bestimmen, zum Beispiel beim Thema Umweltschutz oder dem Nahostkonflikt. Die großen Themen, die die Welt bewegen, würden verhandelt, sagte die badische Landesbischöfin Heike Springhart. Dazu gehörten auch der Klimawandel, die Themen Krieg und Frieden sowie Gerechtigkeit und Rassismus.

Sie erwarte auch kritische Auseinandersetzungen, sagte Springhart. Als Beispiel nannte sie den Ukraine-Krieg. Wenn sich in Karlsruhe Menschen aus der russisch-orthodoxen Kirche und Kirchenvertreter aus der Ukraine treffen, müsse Kritik klar benannt werden.

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"Wir wollen für Karlsruhe begeistern und die Karlsruher einladen, mit möglichst vielen der Gäste ins Gespräch zu kommen."

Karlsruhe reiht sich damit ein in eine Liste von Städten wie Amsterdam, Vancouver, Nairobi oder Busan. Man wolle ein guter Gastgeber sein und den Namen Karlsruhe zu einem Meilenstein in der Weltgeschichte der Ökumene machen, so Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD).

Begleitprogramm in Karlsruhe mit Vorträgen und Kulturbühne

Bischöfin Springhart soll bei mehreren Talkrunden auf dem Marktplatz mit dem Schauspieler Samuel Koch, dem Modedesigner Harald Glööckler und Klimaaktivisten von Fridays for Future sprechen. Auf dem Karlsruher Marktplatz werden zudem Konzerte geboten, unter anderem mit dem Bundesjazzorchester oder der SWR1 Band.

Schloss bekommt zur Kirchenratsversammlung eine neue Flagge (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Uli Deck)
Das Karslruher Schloss bekommt zur Kirchenratsversammlung eine neue Flagge. Uli Deck

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