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Mit Trinkwasserfiltern für Privathaushalte und Unternehmen erzielt die Firma "truu" nach eigenen Angaben Millionenumsätze. Die Geräte werden in Pforzheim montiert und von freien Vertriebsmitarbeitern bundesweit verkauft. Dem SWR liegen Aussagen von ehemaligen Mitarbeitern vor, nach denen sie zur Teilnahme an Kursen bei Scientology aufgefordert wurden.

Die Firmenlenker des Pforzheimer Unternehmens schulen ihre Vertriebsleute intensiv, online und auf Seminaren. Ehemalige Mitarbeiter sagen: Für diese Schulungen würden Methoden genutzt, die der Scientologygründer L. Ron Hubbard selbst entwickelt hat.

Beeinflussung durch Scientologen?

Axel Steller arbeitete bis vor einem Jahr für "truu". Mehr als 200 Filter-Anlagen habe er in knapp drei Jahren als Freiberufler verkauft. Auf einer der vielen Schulungen sprach ihn ein vertrauter Kollege an: Es gehe das Gerücht um, die Firma werde von Scientologen beeinflusst. Zunächst tat Steller das Gerücht ab. Als er sich aber Zeit nahm und selbst zu Scientology und ihrem Erfinder L. Ron Hubbard forschte, seien ihm viele Parallelen aufgefallen. Zum Beispiel, "dass ich Originaldokumente von Hubbard in der Hand hatte, in denen eins zu eins genau das stand, was da geschult wurde. In den Schulungsunterlagen war dieses Dreieck, das A-R-K-Dreieck von Scientology", erzählt Steller.

Das sogenannte A-R-K-Dreieck symbolisiert die zentrale Kommunikationsmethode von Scientology-Gründer Hubbard. Und findet sich mit den gleichen Inhalten verknüpft auch in den Schulungen von "truu".

Steller: "Da war nichts mehr von freier Entscheidung"

Axel Steller berichtet, ihm seien viele Ähnlichkeiten zwischen dem System der Scientologen und den Verkaufsmethoden bei "truu" aufgefallen: "Da war nichts mehr von freier Entscheidung. Es ging darum, psychologische Tricks anzuwenden, um jemanden dahin zu kriegen, dass man etwas verkauft, egal ob er es braucht oder nicht." Zum Beispiel die Methode, mit der geübt wurde, als Verkäufer der Wasserfilter überzeugend zu wirken: Man habe trainiert, minutenlang denselben Satz gegen eine Wand zu sprechen – eine Übung, die in der Fachliteratur über Scientology-Methoden mehrfach belegt ist.

Scientology will "totalitäres System"

Sektenkenner und Verfassungsschützer warnen vor dieser Ideologie: Die Scientology Organisation (SO) strebe ein "totalitäres gesellschaftliches System an" und verknüpfe wirtschaftliche und politische Ziele miteinander. Das baden-württembergische Landesamt für Verfassungsschutz zitiert dazu L. Ron Hubbard: "Der irdische Maßstab für Erfolg ist die Menge an Macht, Autorität, Leuten, Vermögen und Eigentum, die man kontrolliert. An Erfolg dieser Art sind wir deshalb interessiert, weil er die Mittel verkörpert, um hinauszugreifen und unsere Aufgabe zu erledigen." Die "Aufgabe" der Scientologen sei es, eine "neue Zivilisation" zu erschaffen, in der Andersdenke als "geisteskrank“ oder kriminell" gebrandmarkt würden, so der Verfassungsschutz.

Es sind also schwere Vorwürfe, die im Raum stehen, wenn Mitarbeiter die Pforzheimer Firma "truu" mit Scientology in Verbindung stellen. Vorwürfe, die bereits in einem Artikel der Zeitung "Die Welt" vor rund einem Jahr anklangen. Als Reaktion darauf bekannte sich der damalige Geschäftsführer Marcus Voggenreiter in einem internen Videochat dazu, tatsächlich Scientologe zu sein. Doch das sei nur sein privater "Glaube" und habe keinen Einfluss auf das Unternehmen. Das behauptete er auch jüngst noch einmal dem SWR gegenüber. 

Der frühere Mitarbeiter Axel Steller ist überzeugt, dass neben Voggenreiter noch weitere Führungskräfte der Firma "truu" neben den wirtschaftlichen Zielen noch einer Mission folgen: "Für mich ist ganz klar, dass dieses Unternehmen einen zweiten, fast gleichgewichteten Zweck hat, nämlich Leute an Scientology heranzuführen." Auch der jetzige Geschäftsführer Timo Krause habe in Videobotschaften Scientology als "Religion" bezeichnet – was der Einschätzung von Experten widerspricht. Und Krause habe Mitarbeiter aufgefordert, sich - Zitat - "mit gesundem Menschenverstand" mit Scientology zu beschäftigen.

Weitere Ex-Mitarbeiterin spricht über Scientology 

In diese Richtung ist Britta G. aus Kiel tatsächlich gegangen. Auch sie war lange für "truu" tätig. Nach einiger Zeit habe Marcus Voggenreiter sie auf Scientology angesprochen und in eine Niederlassung der Sekte mitgenommen, wo sie anschließend teure Kurse belegte: "Da musst du stundenlang den gleichen Satz sagen, ohne die Hände zu benutzen, darfst mit den Augen nicht klimpern. Das war wirklich gruselig. Da habe ich nach 4,5 Tagen beschlossen, ich muss hier ganz dringend weg, das halte ich nicht aus."

Hat Marcus Voggenreiter also gezielt Mitglieder für Scientology angeworben? Diesen Vorwurf weist er schriftlich zurück: "Ich habe mich nie in den Glauben meiner Mitarbeiter eingemischt."

40.000 Euro für Scientology-Kurse

Britta G. sagt, sie habe durch die Sekte und die Firma viel Geld verloren. 40.000 Euro durch Scientology-Kurse. Außerdem Zehntausende Euro durch ein Immobilienprojekt, zu dem sie "truu"-Geschäftsführer überredet hätten. Auch das wird vom Unternehmen zurückgewiesen. Alle laufenden Verträge würden bedient. Es sei kein Druck ausgeübt worden, zu investieren. Hier steht also Aussage gegen Aussage.

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