So könnte die Einfahrt in den Schweigekilometer auf der Schwarzwaldhochstraße einmal aussehen. (Foto: Tobias Gaiser (Bild-Montage))

Helbingfelsen bei Baden-Baden im Fokus

Motorradunfälle auf Schwarzwaldhochstraße: "Schweigekilometer" als Lösung?

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Andreas Fauth

Auf der Schwarzwaldhochstraße B500 kommt es immer wieder zu schweren Motorradunfällen trotz Polizeikontrollen. Könnte ein "Schweigekilometer" bei Baden-Baden etwas bewirken?

Maximilian Hillert ist froh, dass er überhaupt wieder gehen kann. Vor etwa einem Jahr hätte der 21-Jährige fast sein Leben verloren. Mit seinem Motorrad wollte er von einem Parkplatz auf die Schwarzwaldhochstraße fahren, daran kann er sich noch erinnern.

Vielleicht noch an ein Geräusch eines sich nähernden Motorrads, aber da ist sich der junge Mann schon nicht mehr so sicher. "Das nächste, was ich weiß, ist, dass ich neben der Straße lag, als ich wieder zu mir kam und Schmerzen hatte."

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Der Zusammenprall mit dem anderen Motorrad, das den Berg hinauf fuhr und in ihn hinein krachte - das ist das, woran sich Maximilian Hillert nicht mehr erinnern kann.

Doch der Unfall hat sein Leben und seine Sicht aufs Motorradfahren dramatisch verändert. Wie durch ein Wunder überlebten beide Fahrer. Maximilian Hillerts Bein wurde schwer verletzt.

"Ich hatte einfach nur mordsmäßiges Glück. Dass man so einen Crash hat und am Ende ist es nur das Bein, das kaputt ist."

Maximilian Hillert steht am Helbingfelsen auf einem Parkplatz an der B500 bei Baden-Baden. (Foto: SWR)
Maximilian Hillert aus Baden-Baden ist seit seinem schweren Unfall kein Motorrad mehr gefahren.

"Schweigekilometer" könnte am Helbingfelsen entstehen

Andere hatten weniger Glück. Immer wieder kommt es an der Schwarzwaldhochstraße zu schweren Motorradunfällen, etwa am Helbingfelsen. Maximilian Hillert ist seit seinem schweren Unfall kein Motorrad mehr gefahren. Stattdessen unterstützt er die Idee eines Medien-Designers, der für einen "Schweigekilometer" an der Schwarzwaldhochstraße wirbt. So könnte dieser einmal aussehen:

Tobias Gaiser (Foto: Tobias Gaiser (Bild-Montage))
Auf Schildern soll schon auf den "Schweigekilometer" hingewiesen werden. Tobias Gaiser (Bild-Montage) Bild in Detailansicht öffnen
Am Helbingfelsen, an der "Applauskurve", könnte ein Mahnmal an die verunglückten Fahrer und Fahrerinnen erinnern. Tobias Gaiser (Bild-Montage) Bild in Detailansicht öffnen
Ein- und Ausfahrt sollen für alle klar markiert sein. Tobias Gaiser (Bild-Montage) Bild in Detailansicht öffnen

Tobias Gaiser kommt aus Baiersbronn-Obertal (Kreis Freudenstadt) und ist mit der Diskussion um Lärm und Gefahren durch Motorradverkehr auf der Schwarzwaldhochstraße aufgewachsen. Dadurch kam ihm die Idee für den "Schweigekilometer". Im Rahmen seiner Studienabschlussarbeit produzierte der 23-Jährige dieses emotionale Video:

1.000 Meter Gedenken an Verunglückte

Seine Vision: Auf einem 1.000 Meter langen Abschnitt bei Baden-Baden sollen die Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer freiwillig ihre Geschwindigkeit drosseln und derer gedenken, die hier bei Unfällen ums Leben kamen. Im Zentrum des "Schweigekilometers" auf dem Parkplatz am Helbingfelsen könnte ein Mahnmal entstehen. Ein Ort für Angehörige und Freunde von Verstorbenen, um zu trauern und Menschen zu treffen, die denselben Verlust durchleben mussten.

"Der 'Schweigekilometer' basiert auf nichts anderem als Empathie und Zusammenhalt."

Tobias Gaiser und Ricky Lowag (v.l.) wollen das Projekt auf jeden Fall umsetzen. (Foto: SWR)
Tobias Gaiser und Ricky Lowag (v.l.) wollen das Projekt auf jeden Fall umsetzen.

Tobias Gaiser ist selbst kein Motorradfahrer. Für seine Recherchen sprach er mit vielen Bikern wie Maximilian Hillert, aber auch mit Angehörigen von Verstorbenen. Auch Ricky Lowag von der "Rennleitung 110", einem Präventionsverein sportlich fahrender Polizistinnen und Polizisten, hat er auf seiner Seite.

Lowag, ein Familienvater aus Östringen (Landkreis Karlsruhe), ist in der Szene gut vernetzt. Ihn hat die Idee begeistert, da sie bei den betroffenen Fahrerinnen und Fahrern über den Streckenabschnitt hinaus wirken werde und nicht mit erhobenem Zeigefinger daher komme.

Polizeikontrollen an der B500 bisher ohne Wirkung

Sportlich fahrende Motorradfahrer, ganz normale Tourenfahrer, Auto- und Fahrrad-Ausflugsverkehr - dieser Mix sorgt an der Schwarzwaldhochstraße für brenzlige Situationen. Am Helbingfelsen machten der Polizei in den letzten Jahren vor allem einzelne Fahrer Sorgen, die den Berg immer wieder hinauf- und hinunterrasten, sich dabei extrem in die Kurve legten und ihre waghalsigen Manöver dann mit Fotos und Videos in den sozialen Netzwerken präsentierten. Die Stadt Baden-Baden sprach von einer "Poserszene".

Schwarzwaldhochstraße lockt erneut Raser

Im vergangenen Sommer reduzierte die Stadt daher die erlaubte Geschwindigkeit rund um den Helbingfelsen auf 50 Stundenkilometer. Sie ließ Parkplätze sperren, die die Szene zum Teil für Fotoaufnahmen und zum Wenden genutzt hatte. Die Maßnahmen in Verbindung mit einem nassen Sommer entschärften offenbar das Problem vorerst. Im vergangenen Jahr halbierte sich auf der Strecke die Zahl der schwer verletzten Motorradfahrer laut Polizei im Vergleich zum Vorjahr.

Ein Polizist kontrolliert an der Schwarzwaldhochstraße die Geschwindigkeit. (Foto: SWR)
Ein Polizist kontrolliert die Geschwindigkeit an der B500 am Helbingfelsen. Bild in Detailansicht öffnen
Kaum hat die Motorradsaison begonnen, sind auch wieder Fahrer mit riskanten Manövern auf der Schwarzwaldhochstraße unterwegs. Bild in Detailansicht öffnen
Viel Sonnenschein lockte am letzten Märzwochenende wieder etliche Biker auf die unfallträchtige Strecke. Bild in Detailansicht öffnen

Doch jetzt, wo die neue Motorradsaison beginnt, hat die Stadt die Parkplätze zunächst wieder geöffnet. Am vergangenen Wochenende waren bei strahlendem Sonnenschein auch sofort wieder einige waghalsigere Fahrmanöver zu beobachten.

Als die Polizei mit einem Laser kurzzeitig die Geschwindigkeit kontrollierte, gaben sich die Fahrerinnen und Fahrer Zeichen, so dass knapp zwei Stunden Ruhe herrschte. Kaum war die Polizei wieder unterwegs in Richtung Baden-Baden, wurde auch die Fahrweise wieder riskanter.

"Schweigekilometer" appelliert an alle Motorradfahrer

Durch die Diskussion um eine "Poserszene" sehen sich viele Bikerinnen und Biker verunglimpft. Zumal die große Mehrheit auf der B500 normal unterwegs ist. Im vergangenen Sommer gab es Anfeindungen gegen Motorradfahrer, verletzende Parolen, die an der Strecke auf Schilder und den Asphalt geschmiert wurden.

Zwei Radfahrer, die am vergangenen Wochenende an einer Gruppe von parkenden Motorradfahrern vorbeifuhren, zeigten mit den Händen wie mit Pistolen auf die jungen Menschen. Das Video von Tobias Gaiser ist daher auch ein Versuch, wieder für ein gemäßigtes Klima zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmern zu sorgen.

Erfahrener Polizist steht hinter der Idee

Im Netz hat der "Schweigekilometer" für viel Aufsehen gesorgt. In den sozialen Netzwerken wurde das Video innerhalb weniger Tage mehr als 60.000 Mal angeschaut und mehrere Hundert Mal kommentiert. Einzelne Kritikerinnen und Kritiker befürchteten, dass verunglückte Fahrer zu Helden gemacht würden. Doch die große Mehrheit der Kommentatorinnen und Kommentatoren lobte die Idee.

Bisher ist der "Schweigekilometer" allerdings nur eine am Computer geschaffene Vision, die im Internet existiert. Geht es nach den Machern soll sich das möglichst bald ändern - eine wichtige Stimme haben sie dafür jedenfalls schon gewonnen.

Schweigekilometer (Foto: SWR)
Peter Westermann leitet seit vielen Jahren die Verkehrspolizei in Baden-Baden.

Der scheidende Leiter der Baden-Badener Verkehrspolizei, Peter Westermann, sagte, vor allem in den letzten Jahren sei die B500 am Helbingfelsen "missbraucht" und zur "Rennstrecke" umfunktioniert worden. Sehr viele Maßnahmen seien getroffen worden, die nicht immer nachhaltig gewesen seien. Der "Schweigekilometer" sei nun die beste Idee, die ihm in den letzten 25 Jahren seiner Dienstzeit untergekommen sei.

"Man bedient das Gefühl und pocht auf die Solidarität unter den Motorradfahrern. Ich glaube, das ist ein sehr guter Ansatz."

Gespräche mit Stadt Baden-Baden

Doch noch fehlt das grüne Licht für den "Schweigekilometer" von politischer Seite. Tobias Gaiser und Ricky Lowag stehen seit Monaten in Gesprächen mit der Stadt Baden-Baden. Ordnungsamtsleiter Mats Tilebein sagte dem SWR, es sei jedoch noch völlig offen, ob das Projekt umgesetzt wird oder nicht. Noch gibt es viele offene Fragen. Da geht es zum Beispiel um rechtliche Details, Kostenpunkte, aber auch darum, wer das Projekt am Ende in die Hand nehmen würde.

Die Köpfe hinter dem Projekt sind dennoch entschlossen, den "Schweigekilometer" weiter voranzutreiben. Sie hätten auch schon mit Landtagsabgeordneten gesprochen, die Zustimmung signalisiert hätten. Motorradfahrerinnen und -fahrer haben außerdem bereits mehr als 6.700 Euro für die Idee gespendet. "Wenn der 'Schweigekilometer' kommen sollte, dann ist das weltweit einmalig", ist sich der Baden-Badener Verkehrspolizei-Chef Peter Westermann sicher.

Baden-Baden

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Andreas Fauth