Nahaufnahme einer Zahnarzt-Zange, gehalten von zwei Händen, die in blauen, medizinischen Handschuhen stecken.

33 Mal unnötiges Zähneziehen

Gefährliche Körperverletzung: Angeklagter Zahnarzt taucht vor Gericht in Pforzheim nicht auf

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AUTOR/IN
Peter Lauber

Der Zahnarzt, der sich am Montag vor Gericht wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten muss, ist nicht erschienen. Er soll Patienten Zähne gezogen haben, obwohl es nicht notwendig gewesen sei.

Der Zahnarzt soll sich im Ausland aufhalten, so war bei Gericht zu erfahren, die Adresse sei unbekannt. Nur sein Anwalt war zum Prozessauftakt erschienen.

"Der Angeklagte habe sich bewusst dem Prozess entzogen"

Der Richter hat deshalb die Verhandlung auf unbestimmte Zeit ausgesetzt und einen Haftbefehl gegen den Angeklagten erlassen. Er sei davon überzeugt, dass sich der Mann bewusst dem Prozess entzogen habe, weil ihm eine hohe Haftstrafe drohe. Wann die Verhandlung nun stattfinden wird, hängt davon ab, wie schnell man dem Angeklagten habhaft werden kann. Was allerdings schwierig werden dürfte. Mutmaßlich ist er nach Saudi-Arabien verzogen, wo er wohl auch wieder praktiziert.  

Teure Implantate für gezogene Zähne

In der Anklage geht es um 33 Fälle, die sich alle zwischen 2010 und 2014 abgespielt haben sollen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Zahnarzt vor, in all diesen Fällen Patienten Zähne gezogen zu haben mit der Begründung, diese hätten irreparable Schäden. Zähne, die dann durch teure Implantate ersetzt wurden. Laut Anklage aber lag in keinem der Fälle eine medizinische Notwendigkeit vor. Die körperlichen, aber auch die finanziellen Schäden für die Betroffenen sind immens.

17 Zähne auf einmal gezogen

Im Jahr 2017 berichtete die Pforzheimer Zeitung von einem besonders extremen Fall, bei dem einer Frau während einer Narkose 17 Zähne auf einmal entfernt worden seien. Angeblich lagen der Polizei zwischenzeitlich über 100 Verdachtsfälle vor – letztlich kamen aber nur 33 Fälle zur Anklage, bei denen die Ermittler sicher sind, die Fehlbehandlung nachweisen zu können.

Polizei bildete Ermittlungsgruppe "Zahn"

Die strittigen Behandlungen liegen bis zu 12 Jahre zurück. Als sich damals bei der Polizei immer mehr Betroffene meldeten, wurde eine eigene Ermittlungsgruppe "Zahn" gegründet. Mehrere medizinische Gutachten mussten eingeholt werden. Auch der Angeklagte selbst hat alles dafür getan, um die Ermittlungen zu behindern. Er durfte seit 2016 nicht mehr in Deutschland behandeln. Ihm war die Kassenzulassung entzogen worden, später auch seine Approbation.

Verfahren in die Länge gezogen

So wollte er zum Beispiel die Beschlagnahmung von Dokumenten für rechtswidrig erklären lassen – auch ging er mit Hilfe eines Medienanwalts gegen diverse Zeitungsberichte vor. Das alles hat viel Zeit gekostet. Bis es dann im Jahr 2017 zur Anklage kam. Da gab es dann wieder Einwendungsfristen – und schließlich auch noch einen juristischen Streit um die Anklageschrift. 

OLG Karlsruhe: Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung

Das Landgericht Karlsruhe hatte zunächst vier Fälle als verjährt bewertet. Das Oberlandesgericht (OLG) Karlsruhe hob diesen Beschluss auf und folgte damit der Beschwerde der Pforzheimer Staatsanwaltschaft. Diese hatte argumentiert, das nicht notwendige Ziehen von Zähnen mit einer Zange in 33 Fällen sei ein Einsatz mit einem gefährlichen Werkzeug und damit gefährliche Körperverletzung gewesen.

Im Gegensatz zu einfacher Körperverletzung verjährt sie nicht nach fünf, sondern erst nach zehn Jahren. Deshalb müssen nun alle 33 angeklagten Fälle wegen gefährlicher Körperverletzung verhandelt werden. Der Strafrahmen liegt hier bei sechs Monaten bis zehn Jahren Haft pro Fall.

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Peter Lauber