Ein Schüler bearbeitet bei der Lernbrücke vor dem regulären Schulbeginn ein Arbeitsblatt. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Bernd Weißbrod)

Interview nach einer Woche Lernbrücken

Karlsruher Mathedozent: "Man kann in einer Woche sehr viel erreichen"

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INTERVIEW
Matthias Stauss

Seit Montag laufen an Schulen im Land die sogenannten "Lernbrücken", auch in Karlsruhe. Stefan Schrammer vom KIT hilft Schülerinnen und Schülern bei ihren Matheproblemen und zieht eine erste Bilanz.

Durch die Schulschließungen und den Unterrichtsausfall haben viele Schülerinnen und Schüler wichtigen Lehrstoff verpasst. Mit den Lernbrücken will das Land Baden-Württemberg verhindern, dass diese Schüler im neuen Schuljahr den Anschluss verpassen. In Karlsruhe ist auch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) daran beteiligt.

40 Studierende und Dozenten des KIT unterrichten bei den Lernbrücken Mathematik, auch der 29-jährige Stefan Schrammer. Eigentlich promoviert er am KIT in Mathematik, hat davor aber bereits auf Lehramt studiert. Nun unterrichtet er die siebte Klasse im Karlsruher Helmholtz-Gymnasium.

SWR: Wie fällt Ihre Bilanz nach einer Woche Lernbrücke aus?

Stefan Schrammer: Die Schüler sind motiviert und arbeiten mit. Ich habe auch das Gefühl, dass die Schüler am Ende des Tages etwas mitgenommen haben und das ist natürlich auch ein sehr gutes Gefühl für mich als Lehrer. Jetzt muss man natürlich noch schauen, was in den letzten Tagen der Lernbrücken passiert. Insgesamt würde ich sagen, dass die Schüler definitiv nicht nur ihre Zeit abgesessen haben, sondern dass sie wirklich was mitgenommen haben.

Sind Sie mit dem Stoff durchgekommen?

Man muss sehr selektieren und abwägen, welcher Aspekt des Stoffes für die kommenden Jahre wichtig ist und welcher ein wenig vernachlässigbarer ist. Auf den ganz wichtigen Themen liegt natürlich der Fokus und diese Themen haben wir alle behandelt. Vielleicht hat man an der ein oder anderen Stelle ein paar Sachen schneller behandelt, als es gut gewesen wäre, aber trotzdem haben wir die wichtigsten Themen durchgenommen.

Stefan Schrammer, Lehrer, sitzt auf einem Pult in einem Klassenzimmer (Foto: SWR)
Stefan Schrammer vom KIT unterrichtet bei den Karlsruher Lernbrücken Mathematik

Schafft man es überhaupt, den Stoff von einem Schuljahr nachzuholen?

Das ist vermutlich gar nicht das Ziel von diesen Lernbrücken, denn das würde auch nicht gehen. Man braucht ein ganzes Schuljahr, um den Stoff von einem Schuljahr durchzugehen. Trotzdem ist es etwas anderes, weil wir den Schülern das ja nicht zum ersten Mal beibringen, sondern es eine Wiederholung von Stoff ist, den sie eigentlich schon mal gehört haben. Und auch wenn sie denken, dass sie es nicht verstanden haben, erinnern sie sich trotzdem an vieles. Und dann setzt man da an, was sie noch wissen, und muss das nur noch ausbauen. Wenn man die Themen und die Schwerpunkte entsprechend wählt, dann kann man in dieser Woche sehr, sehr viel erreichen.

"Die meisten Schüler sind gerechtfertigterweise bei den Lernbrücken dabei."

Welche Schüler sind dabei? Sind das alles Schulkinder, die durch die Schulschließungen während des Corona-Lockdown etwas verloren haben?

Nicht alle. Aber trotzdem habe ich auf Nachfrage diese Antwort auch gehört: Ich bin hier, weil ich mich während Corona abgehängt gefühlt habe und mir das nicht genug gegeben hat. Die Lernbrücken haben den Vorteil: es ist nicht via Bildschirm, nicht per Video, sondern ich bin physisch da, die Schüler sind da, und wenn sie eine Frage haben, komme ich zu ihnen, also so wie Schule früher war. Und das hilft den Schülern natürlich auch ihre individuellen Probleme mit mir zu besprechen und mir hilft es die Probleme mit ihnen zu lösen.

Wie war das Leistungsniveau der Schüler?

Tatsächlich sind die meisten Schüler gerechtfertigterweise in diesen Lernbrücken dabei. Das haben sich die allermeisten auch freiwillig ausgesucht. Die Probleme der Schüler unterscheiden sich aber. Manche kommen mit Bruchrechnen sehr gut zurecht, mit Prozentrechen dafür überhaupt nicht, manchmal ist es gerade andersrum. Auch wenn alle Schwierigkeiten mit Mathematik haben, sind die Gräben nicht überall die gleichen und sie sind auch nicht immer gleich tief. Aber manchmal reicht es auch den Schülern zu sagen, dann rechnest du einfach mal. Und dann haben sie auch Lust, noch freiwillig eine weitere Aufgabe zu rechnen, weil sie es dann können. Das ist schön zu sehen, dass die Schüler sich engagieren und fleißig sind und motiviert.

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