STAND
AUTOR/IN

Vor der Karlsruher Musikszene liegen bange Monate: Ein Großteil ihrer Räumlichkeiten soll saniert und umstrukturiert werden. Das betrifft auch Clubs, Ateliers und Kleinstbetriebe.

Die einen sprechen von Kahlschlag, die anderen von längst überfälliger Modernisierung und Stadtentwicklung: Sicher ist, dass auf die Karlsruher Kulturszene große Veränderungen zukommen werden. Denn viele Räumlichkeiten, in denen zurzeit noch Ateliers, Clubs, Proberäume und Kleinstbetriebe untergebracht sind, sollen saniert und umgestaltet werden. Entsprechend groß ist die Aufregung vieler Künstler, manche fürchten sogar um ihre Existenz.

Firmenwebsite scheint Gerüchte zu bestätigen

Auslöser der Unruhe waren Gerüchte, die Anfang Februar schnell die Runde in der Szene machten: Die Karlsruher Ingenieursgesellschaft GEM, der das Gelände gehört, würde die Gebäude, in denen rund 50 Proberäume und Clubs untergebracht sind, entkernen und komplett in Bürogebäude umwandeln. Dass der Szeneclub "P8" im C-Areal der Nordstadt weichen muss, sowie auch das Videospielemuseum "Retrogames", war schon sukzessive bekannt geworden. Ein Blick auf die Website der GEM schien die Befürchtung zu bestätigen: dort sind für verschiedene Areale in Karlsruhe Baumaßnahmen angekündigt.

Künstler fordern mehr Engagement von der Stadt

Karlsruher Szenekenner sprechen bereits von einer Katastrophe für die Subkultur. Das Proberaumangebot auf dem privaten Markt sei nicht ausreichend, sagte der Betreiber der Alten Hackerei, Christian Bundschuh, auch als "Plüschi" bekannt. Und die 28 Räume, die sich in städtischer Hand befänden, seien für eine Großstadt mit 300.000 Einwohnern "ein Witz". Man müsse mehr für die Kultur tun und neue Projekte auch mit den Betroffenen gemeinsam entwickeln - anders als bei der Entwicklung des Schlachthofgeländes, bei der die Musikszene kaum Mitspracherecht gehabt habe.

Stadt will Gespräche aufnehmen

Der Kulturbürgermeister Albert Käuflein (CDU) sagte in einem Gespräch mit dem SWR, dass er den Bedarf an Proberäumen in der Stadt sehe und deswegen Gespräche mit der GEM aufnehmen werde. Er warnte jedoch gleichzeitig vor falschen Hoffnungen, da der städtische Haushalt durch Corona ohnehin zusätzlich belastet ist.

"Natürlich braucht Kultur Räume. Es braucht da aber auch einen realistischen Blick: Unsere Ressourcen sind endlich."

Albert Käuflein, Kulturbürgermeister Karlsruhe

Zu dem Vorschlag der KAL-Stadträte, das Rotag-Areal im Karlsruher Westen zu einem neuen Kulturstandort umzuwidmen, an dem die Kunstszene die nötigen Sanierungen weitgehend in Eigenregie übernimmt, wollte sich Käuflein noch nicht äußern. Der Vorschlag werde intern besprochen. Außerdem werde man das Gespräch mit der GEM suchen, die einen Großteil der jetzt in Frage stehenden Räumlichkeiten besitzt.

GEM will niemanden vertreiben

Der Geschäftsführer der GEM, Martin Müller, sagte gegenüber dem SWR, dass er bedauere, dass sich Karlsruher Künstler von seiner Firma bedroht sehen. Es solle niemand vor die Tür gesetzt werden. Vielmehr gebe es ein Interesse, mit den Mietern auch in Zukunft zusammen zu arbeiten. Für die fehlende Kommunikation entschuldigte er sich. Gleichzeitig betonte Müller, dass er mit seinem Team bereits seit Monaten plane, wem welche Ausgleichsstandorte angeboten werden können, wenn die Sanierungen der einzelnen Areale beginnen. Wann der Sanierungsbeginn tatsächlich erfolgt, konnte Müller noch nicht bekannt geben, da es mit den Behörden noch nicht zu einer Terminierung gekommen ist.

"Im Idealfall finanziert der Penthousebewohner im obersten Stock den Mieter unten im Hof mit."

Martin Müller, Geschäftsführer GEM
GEMMartin Müller (Foto: SWR, Julian Burmeister)
Möchte mit seiner Firma GEM die Stadt Karlsruhe und ihre Kulturszene voranbringen: Martin Müller Julian Burmeister

Müller will im günstigsten Fall die Kultur mit einem urbanen Lebensstil verbinden. So plant er nach eigener Aussage einen neuen Kulturstandort innerhalb von Karlsruhe, der einerseits den kleinen Betrieben und Proberäumen eine bezahlbare Zukunft bietet und durch Nutzung von Synergieeffekten trotzdem für die Firma GEM interessant bleibt. Wo dieser Standort liegt, wollte Müller noch nicht bekannt geben - auch sei man nicht Herr des Geschehens und es gelte, sich mit Behörden abzustimmen. Grundsätzlich solle durch die Sanierungen aber niemand auf der Strecke bleiben. Mit den Akteuren gesprochen hat Julian Burmeister:

So helfen Musiker jetzt gemeinsam Wohnzimmerkonzerte und virtuelle Charity-Festivals

Angesichts der aktuellen Coronavirus-Situation lassen sich immer mehr Musiker Aktionen einfallen, um Ersatz für ausgefallene Konzerte zu schaffen oder Gelder für die Bekämpfung der Krise zu sammeln.  mehr...

Kulturszene in der Westpfalz leidet Künstler in der Corona-Krise

Es gibt kaum eine Branche, die derzeit nicht wegen der Pandemie gebeutelt ist. Ein Beispiel: die Kulturszene in der Westpfalz. Hier droht für viele der Vorhang für immer zu fallen.  mehr...

Am Mittag SWR4 Radio Mainz

STAND
AUTOR/IN