Die Hochschule Pforzheim forscht auch in Sachen Recycling (Foto: SWR, Julian Burmeister)

Millionenprojekt "Magnet-Recycling"

Hochschule Pforzheim baut Transferfabrik

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Wer die Rohstoffe hat, hat die Marktmacht. Und wer daraus auch noch Elektromotoren baut, der sichert langfristig Arbeitsplätze. Kann die Transferfabrik in Pforzheim beides leisten?

Professor Carlo Burkhardt läuft in diesen Tagen durch fast leere Gänge, wenn er von der Mensa auf dem Campus zu den Laborräumen in seinem Institut geht. In der Mensa teilt man zurzeit etwa drei Dutzend Mahlzeiten pro Tag aus, anstatt 2019 noch über 1.200. Aber die Pandemie und das damit verbundene Fehlen der Studenten (die zuhause vor dem Laptop die Vorlesung besuchen) wirke sich erstaunlich wenig auf den Forschungsbetrieb aus, sagt Burkhardt.

Die Verkehrswende nimmt endlich Tempo auf

Im Labor müssen sich die Forschenden ohnehin absprechen, weil längst nicht mehr alle Platz auf den 80 Quadratmetern haben. Das Team ist gewachsen - so wie auch das Interesse am Recycling von Seltenen Erden gewachsen ist. Zu denen gehört auch das sogenannte Dysprosium, das für Elektromotoren in Autos und Windrädern besonders wichtig ist.

An China kommt niemand vorbei

Dysprosium wird weltweit nur in China abgebaut, das logischerweise auch das Monopol auf den Rohstoff hat. Wer also heute ein Elektroauto kauft, der hängt automatisch am Ende einer Lieferkette, die in Fernost begonnen hat. Was nicht schlimm sein muss (Dysprosium gibt es momentan genug für alle), sich aber langfristig auf die Wirtschaft im Südwesten auswirken kann. Denn hier sind viele Zulieferer beheimatet, die sich auf Autoteile für Pkw mit Verbrenner spezialisiert haben.

Geforscht wird immer auch unter regionalem Vorzeichen

Carlo Burkhardt und sein Team haben auf diesem Forschungsgebiet schon eine weite Strecke zurückgelegt. Ursprünglich wurde ihre Abteilung als Schmuckinstitut gegründet - passend in der "Goldstadt" Pforzheim angesiedelt, wo die Verarbeitung von Geschmeide eine lange Tradition hat. Mittlerweile hat sich das Institut zum Vorreiter in Sachen Recycling von Seltenen Erden wie Neodymium und Dysprosium entwickelt.

Mit dem Projekt "SusMagPro" (Sustainable Magnet Processing) hat man gemeinsam (in einem europäischen Hochschulverbund unter der Leitung der Uni Birmingham) Neuland betreten. Es ist also möglich, Altmagnete aus Windrädern und anderen Elektromotoren zurückzugewinnen und erneut zu verwerten. Das Wissen darüber soll nun in einer Transfer-Fabrik erprobt und für Unternehmen aus der heimischen Industrie zugänglich gemacht werden.

Die Landesregierung ist vom Konzept überzeugt

Für dieses neue Leuchtturmprojekt gab es grünes Licht beim "RegioWIN"-Wettbewerb des Landes Baden-Württemberg. Nun -so ist zumindest der Plan- soll mit Fördergeldern und Eigenmitteln eine komplett neue, etwa 5 Millionen Euro teure Pilotanlage entstehen - im Neubau auf dem Campus der Hochschule Pforzheim, also gleich nebenan. Ein potentiell großer Gewinn für viele: Studenten, Forscher, der Wirtschaftsstandort Nordschwarzwald und der Forschungsstandort Baden haben nun gewissermaßen den Joker in der Hand, die Geschichte der gerade erst beginnenden Verkehrswende ein Stück mit zu schreiben.

Der politische Wille muss da sein

Denn die Rohstoffe für Elektromotoren deren Magnete würde man plötzlich selbst erzeugen und produzieren können - unabhängig von Global Playern wie China, dessen Führung die Rohstoffversorgung in der Vergangenheit auch schon mit politischen Zielen verknüpfte. Wichtig sei es, dass europäische Regierungen für die heimische Rohstoffproduktion aus recyceltem Material auch steuerliche Anreize schaffen, sagt Carlo Burkhardt. Denn die gebe es für chinesische Firmen offensichtlich auch. Und mit denen müsste ein deutscher Elektromotor konkurrieren können.

Mit Carlo Burkhardt sprach Julian Burmeister:

Die EU muss wieder standardisieren

Daher sei es auch unerlässlich, dass Akkus, Batterien, Motoren und eigentlich alles, was heute Magnete enthält, auch einheitlich gekennzeichnet wird. Nur dann könnten Altgeräte effizient verwertet werden. Deswegen müsse sich die Europäische Union dringend auf Standards bei der Bezeichnung der Magnete, ihrer Materialen und ihrer Schutzbeschichtung einigen, so Burkhardt.

Das Schicksal der Industrie lässt sich nur eingeschränkt steuern

Insgesamt hänge die Zukunft der Elektromagnet-Industrie aber auch stark von der weltpolitischen Lage ab. Denn selbst die optimistischen Prognosen, wieviele Magnete innerhalb mit dem von Burkhardt mitentwickelten Wasserstoff-Verfahren recycelt werden können, liegen bei knapp 25 Prozent. Zugeben, sagt Burkhardt, es gebe noch andere Verfahren, an denen zurzeit geforscht werde, die helfen könnten, Rohstoffe zu neu zu verwerten. Einen Handelskrieg mit China wird sich in den kommenden Jahrzehnten aber wohl trotzdem niemand leisten können. Weder im Großen auf globaler Ebene, noch bei der heimischen Industrie im Südwesten.

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