Das Handy wird ausgeschaltet. Ein Tag ohneSmartphone in Karlsruhe beginnt.  (Foto: SWR)

Ein Selbstversuch

Handy fasten? Das rät eine Psychologin aus Karlsruhe

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Annika Jost
Reporterin Annika Jost (Foto: SWR)

Bedrückende Nachrichten beherrschen derzeit die Medien. Vor allem auf Social Media kann man ihnen kaum entkommen. Doch genau das versuchen viele: Sie verzichten eine Zeit lang auf ihr Smartphone. SWR-Reporterin Annika Jost hat es ausprobiert, 24 Stunden lang. Ein Selbstversuch.

Überall ist es dabei: Beim Frühstück, Mittagessen oder neben dem Bett. Das Handy ist unser ständiger Begleiter. Auch für mich. Einen Tag lang werde ich auf mein Smartphone verzichten. Das klingt erstmal nicht viel - zeigt mir am Ende aber deutlich, wie sehr ich von diesem kleinen Gerät abhängig bin.

Psychologin aus Karlsruhe: "Es gibt kein richtig oder falsch bei Digital Detox"

Normalerweise greife ich schon am Morgen zu meinem Handy und checke erstmal die Nachrichten des Tages. Aber schlechte Nachrichten verursachen auch schlechte Laune. Egal ob privat oder in meinem Beruf als Journalistin - ich bin immer wieder damit konfrontiert. Um Abstand zu gewinnen, verzichte ich einen Tag lang auf mein Handy. "Digital Detox" also.

Reporterin Annika Jost verzichtet einen Tag lang auf ihr Handy. In einer Straßenbahn in Karlsruhe fällt ihr auf, dass auch ihre Fahrkarte nur noch auf ihrem Smartphone ist. Sie schaut schockiert in die Kamera. (Foto: SWR)
Reporterin Annika Jost verzichtet einen Tag lang auf ihr Handy. In einer Straßenbahn in Karlsruhe fällt ihr auf, dass auch ihre Fahrkarte nur noch auf ihrem Smartphone ist.

Bei meinem Experiment berät mich eine Psychologin aus Karlsruhe. Sie ist Coach für mentale Gesundheit. Mit dem Auto mache ich mich auf den Weg zu ihr in die Karlsruher Innenstadt. Und schon treffe ich auf meine erste Herausforderung: Das Handy ist ausgeschaltet. Ich habe kein Navigationssystem im Auto und die App darf ich nicht benutzen. Doch ohne ist das für mich ganz schön schwierig. Und wer hat heute noch einen Stadtplan im Auto? Ich jedenfalls nicht.

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Zu dem Treffen mit Sandra Waeldin komme ich 20 Minuten zu spät. Orientierung scheine ich ohne technische Hilfsmittel nicht zu haben. Aber ich habe Glück: Sie hat auf mich gewartet. Die Psychologin ist überzeugt: Es gibt kein richtiges oder falsches Digital Detox.

Es ist sehr individuell. Es gibt Menschen, die 24 Stunden darauf verzichten. Es gibt welche, die nur eine App nicht mehr nutzen. Es gibt welche, die einfach nur zehn Prozent am Tag weniger am Smartphone sein wollen.

Sandra Waeldin ist Psychologin und Mental Choach. Sie empfiehlt bei Vorträgen eine Zeit lang auf Handy und Smartphone zu verzichten. (Foto: Sandra Waeldin)
Sandra Waeldin ist Psychologin und Mental Choach. Sie empfiehlt bei Vorträgen eine Zeit lang auf das Handy zu verzichten.

Bessere Konzentration durch Smartphone Verzicht?

Für mich fühlt es sich an wie eine Erleichterung. Mein Kopf ist frei für neue Gedanken, und ich kann mich besser konzentrieren. Das bestätigt auch Sandra Waeldin aus ihrer Erfahrung.

Sie merken das tatsächlich, dass weniger Anspannung da ist. Sie fühlen sich also gelassener.

Diesen Effekt machen sich viele Menschen zunutze. 41 Prozent der Deutschen haben schon mal eine digitale Auszeit genommen, das geht aus der ARD/ZDF-Onlinestudie von 2022 hervor. 15 Prozent der Menschen legen sogar regelmäßig das Smartphone zur Seite.

Doch mir geht es ganz anders. Auf meinem Handy gibt es viele wichtige Apps, auf die ich in meinem Alltag nicht verzichten möchte. Zum Beispiel die App für mein Bahnticket. Mir fällt am Nachmittag auf, dass ich schon den ganzen Tag schwarz gefahren bin. Zum Glück bin ich nicht kontrolliert worden.

Wollen Sie wirklich Google Maps weniger nutzen, obwohl das hilfreich ist? Was bringt es, auf die Banking-App zu verzichten? Das macht gar keinen Sinn.

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Psychologin Sandra Waeldin empfiehlt, sich vor dem Digital Detox klar zu machen, worauf man verzichten möchte. Denn wichtige Apps oder geschäftliche Telefonate kann man nicht einfach einen Tag abschalten. Einzelne Apps vorübergehend zu deinstallieren oder stumm zu schalten, könne schon helfen, so die Psychologin. Sie sagt: "Schauen Sie mal auf Ihr Handy, schauen Sie in die Bildschirmzeit. Ist es denn jetzt wirklich Youtube, das so viel genutzt wird? Ist es Instagram?"

Psychologin aus Karlsruhe empfiehlt: Langeweile zulassen!

Immer wieder ist mir ziemlich langweilig ohne Handy. Beim Frühstücken frage ich mich, ob ich hier gerade meine Zeit verschwende. Normalerweise checke ich am Handy morgens die News des Tages. Heute höre ich stattdessen Radio.

Auch im Café am Nachmittag kommt wieder dieses Gefühl der Langeweile in mir auf. Das Buch, das ich mir mitgebracht habe, beschäftigt mich nur kurze Zeit, weil ich mich schwer konzentrieren kann. Ich stelle mir existenzielle Fragen: Was mache ich eigentlich, wenn ich nicht am Handy sein kann? Psychologin Sandra Waeldin weiß, wie man mit solchen Gefühlen umgehen sollte:

Das Gefühl zulassen! Langeweile ist doch was richtig Gutes. Da kann richtig was entstehen, was vorher nicht da war.

28 Mal möchte ich mein Handy entsperren

Mir fällt auf: Der Blick aufs Handy ist mir zur Gewohnheit geworden. Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich es entsperren will. 28 Mal insgesamt. Aber der Bildschirm bleibt schwarz. Ich habe das Gefühl, ich bekomme nichts mit. Psychologin Sandra Waeldin weiß, dass dieses Gefühl das Ziel der App-Entwickler ist.

Schauen Sie aufs Handy. Was sehen Sie: fünf verpasste Nachrichten, drei verpasste Dinge. Die roten kleinen Bälle triggern uns. Das ist es ja, was den Betreibern der Social Media-Kanäle so gut gelungen ist, uns in diesen Anwendungen zu halten.

Ein Tag ohne Handy: Machbar mit Einschränkungen

Der Tag ohne Smartphone ist fast vorbei. Bevor ich schlafen gehe, frage ich mich, wie viele Nachrichten ich wohl in meiner Abwesenheit bekommen habe. Und: Ob ich etwas Wichtiges nicht mitbekommen habe.

Der Tag ohne Smartphone war eine spannende Erfahrung. Ich habe gemerkt: Auf Social Media kann ich locker verzichten. Dann kann ich mich auch besser auf eine Sache konzentrieren. Schwieriger wirds bei Apps, die meinen Alltag bestimmen, wie etwa Navigation, Krankenkasse oder Bahnticket.

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