Eine Person schiebt in einer Bäcker-Innung ein Blech mit Brötchen in den Ofen. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Fabian Sommer)

Bäckereien in Not

Griesinger-Insolvenz in Eggenstein-Leopoldshafen ist symptomatisch für die ganze Bäckerei-Branche

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Heiner Kunold
Das ist Heiner Kunold (Foto: SWR)

Die Bäckerei Griesinger in Eggenstein-Leopoldshafen hat beim Insolvenzgericht ein sogenanntes Eigenverwaltungsverfahren beantragt. Hohe Energiekosten haben das Unternehmen in Not gebracht.

Für Griesinger und seine über hundert Mitarbeiter sind die Aussichten trotzdem nicht ganz schlecht, meldet die Insolvenzkanzlei Schultze und Braun in Achern. Eine Insolvenz in Eigenregie werde normalerweise nur genehmigt, wenn die Voraussetzungen für einen Weiterbetrieb sprechen. In diesem Fall gebe es auch keinen Insolvenzverwalter. Das Unternehmen werde weiterhin von Geschäftsführer Walter Griesinger geführt.

Griesinger kann uneingeschränkt weiter produzieren

Die wirtschaftlich angeschlagene Großbäckerei Griesinger in Eggenstein-Leopoldshafen soll im kommenden Jahr weiter produzieren. Der generalbevollmächtigte Rechtsanwalt Robert Gebhardt erklärte dem SWR, die Perspektiven für das insolvente Unternehmen seien gut. Die positiven Rückmeldungen von Hausbank, Kunden und Lieferanten ermöglichten eine uneingeschränkte Fortführung des Geschäftsbetriebes, heißt es weiter.

Mittelfristig gebe es erste Interessenten, die möglicherweise als Investoren bei dem Familienbetrieb einsteigen wollten. Konkrete Pläne habe man aber noch keine. Für die Beschäftigten von Griesinger sind die Aussichten auch über das Insolvenzgeld und das Jahresende hinaus hoffnungsvoll. Man werde eher neue Mitarbeitende einstellen, als entlassen, so Gebhard. Die Produktion solle ausgeweitet werden. Ziel sei, das Griesinger im kommenden Jahr wieder selbstständig agieren könne.

Trotzdem ist dieses Eigenverwaltungsverfahren der erste Antrag einer Bäckerei beim Karlsruher Insolvenzgericht als Folge des Ukraine-Krieges. Der Innungsverband Südwest der Bäcker befürchtet, dass weitere folgen könnten. Denn die Rohstoffpreise seien um ein Drittel gestiegen. Jetzt kämen horrende Energiekosten dazu.

Bäckereien haben besonders hohe Energiekosten

Gerade die kleinen und mittelständischen Bäckereien sind nach Angaben des Verbandes betroffen. Sie haben hohe Gas- und Stromkosten. Als Beispiel nennt der Innungsverband eine Bäckerei in Nordbaden. Sie hatte im vergangenen Jahr Energiekosten von monatlich 5.000 Euro für Strom und Gas, inzwischen sind diese Kosten auf monatlich 26.000 Euro gestiegen. Unterm Strich bedeutet das Mehrkosten von über 240.000 Euro pro Jahr.

"Da brezeln einem sämtliche Gewinne weg."

Zudem belasten kurzfristige Strom- und Gaslieferverträge die Branche. Bis Januar seien mehr als die Hälfte dieser günstigen Verträge ausgelaufen, so Körber. Dann müssten die Bäcker in die sogenannte Ersatzversorgung. Das bedeute erhebliche Preissteigerungen und marktübliche Preise, die sich an der Börse orientierten.

Sonderkonditionen laufen aus

Bei Strom sind das jetzt 40 bis 60 Cent je Kilowattstunde - vor einem Jahr waren das noch Sonderkonditionen für Wirtschaftsbetriebe mit vielleicht 6 Cent, beschreibt der Geschäftsführer die Preissteigerungen. Beim Gas seien die Preissprünge noch größer.

Körber nennt noch ein Beispiel: Eine Großbäckerei habe im vergangenen Jahr 400.000 Euro für Strom und Gas bezahlt. Dieses Jahr liegt sie schon bei 900.000 Euro und im kommenden Jahr könnten es, wenn nicht ganz schnell die Energiepreisbremse kommt, schon 1,2 Millionen Euro sein.

Innungsverband rechnet mit mehr Betriebsaufgaben

Der Bäckerinnungsverband Südwest rechnet ausdrücklich nicht mit einer Insolvenzwelle. Die Betriebe, die vorher schon nicht ganz wirtschaftlich gesund waren, seien in Gefahr – meint Geschäftsführer Stefan Körber. Der Verband befürchtet aber, dass vor allem viele ältere Bäcker im Alter um die 60 im kommenden Jahr aufgeben könnten. Nach dem Motto: „Das tue ich mir nicht mehr an.“  Für sie lohne sich eine Betriebssanierung nicht mehr.

Vor allem ländliche Regionen von der Bäckermisere betroffen

Die Folgen könnten vor allem auf dem Land schmerzhaft sein: Bei den Bäckern ist es nicht wie in anderen Branchen. Eine neue Bäckerei hat hohe Investitionskosten, rechnet Geschäftsführer Körber vor. Allein der Ofen koste um die 80.000 Euro und die Knetmaschine nochmal 20.000 Euro. Wenn also auf dem Land ein Bäcker dicht macht, kommt da niemand mehr nach. Außer die großen Filialisten vielleicht. Diese Entwicklung sei seit Jahren bekannt, sie werde sich aber möglicherweise beschleunigen, befürchtet der Innungsverband.

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