Juden in Bruchsal werden zum Bahnhof abgeführt (Foto: Stadt Bruchsal)

Viele Veranstaltungen zum Gedenken

80 Jahre Gurs: Deportation in den "Vorhof der Hölle"

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Mit einem Schweigemarsch wurde am Donnerstag in Bruchsal der Deportation von 6.500 jüdischen Menschen in das französische Internierungslager Gurs gedacht. Auch zahlreiche Menschen aus der Region Karlsruhe wurden deportiert.

Viele der Teilnehmer des Schweigemarschs trugen Plakate, auf denen Fotos der Bruchsaler Juden zu sehen waren, die nach Gurs gebracht wurden. 85 Männer, Frauen und Kinder wurden am 22. Oktober 1940 von Bruchsal aus deportiert

Schweigeminute vor der alten Synagoge

Den ersten Halt machten die Teilnehmer des Marschs am Platz der alten Synagoge, wo in einer Schweigeminute der Opfer gedacht wurde. Anschließend zogen die etwa 60 Teilnehmer weiter zum Viktoriapark gegenüber des Bruchsaler Bahnhofs. Dort wurden die Namen der verschleppten Bruchsaler verlesen. SWR Reporter Daniel Günther war dort:

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Damaliger Höhepunkt der Judenverfolgung

Der 22. Oktober 1940 war der letzte Tag des traditionellen jüdischen Laubhüttenfestes Sukkot. Die Festnahme und Deportation aller "transportfähigen Volljuden", wie es im NS-Jargon hieß, aus der Region bildete im Oktober 1940 den bisherigen Höhepunkt der Judenverfolgung durch das NS-Regime. Bei der so genannten "Wagner-Bürckel-Aktion" wurden mehr als 6.500 Juden aus Baden und der Saarpfalz in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich deportiert.

Mehr als 1.000 Menschen aus Karlsruhe und Bruchsal deportiert

Unter den Deportieren waren auch 123 jüdische Bürgerinnen und Bürger aus dem damaligen Landkreis Bruchsal. Fast zwei Drittel davon waren älter als 50 Jahre, etliche davon im Alter zwischen 70 und 82 Jahren, darunter aber auch sieben Kinder im Alter zwischen 8 und 15 Jahren.

In Karlsruhe wurden mehr als 900 Menschen jüdischen Glaubens zu Fuß, mit Lastwagen oder mit der Straßenbahn an diesem 22. Oktober 1940 zum Hauptbahnhof gebracht. Ein Großteil der Ausgewiesenen wurde später nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

SWR-Reporterin Susanne Lohse über die Kultur des Erinnerns:

Video zeigt Deportation von Juden aus Bruchsal

Die französische Regierung hatte das Lager in Gurs 1939 ursprünglich zur Internierung politischer Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkriegs angelegt. Später wurden auch nach Frankreich geflohene deutsche Emigranten dorthin verschleppt, darunter die Philosophin Hannah Arendt. Davon, wie die Nazis die Menschen in der Region zur Deportation zusammentrieben, existiert ein kurzes Filmdokument aus Bruchsal (Kreis Karlsruhe):

Katastrophale Zustände in dem Lager ins Gurs

Drei Tage und vier Nächte lang waren die Züge nach Gurs unterwegs. Katastrophal waren die Zustände in dem mit Stacheldraht eingezäunten Lager. Nach Angaben des Historikers Roland Paul, Leiter der Arbeitsstelle für die "Geschichte der Juden in der Pfalz", war das Lager in verheerendem Zustand. Männer und Frauen waren dort getrennt, es gab Frauen- und Männerlager. "Familien wurden auseinandergerissen", erklärte Paul im Gespräch mit dem SWR.

"Sie kamen in schreckliche Baracken, zum Teil fensterlos. Die Menschen mussten auf dem blanken Holzboden schlafen."

Viele starben in dem elenden Barackenlager Gurs und anderen Internierungslagern auf französischem Boden an Hunger, Krankheiten, Kälte. Einige konnten gerettet werden, vor allem Kinder, so Paul. Einigen Internierten gelang es, das Lager zu verlassen und auszuwandern. Unterstützung bekamen die geschundenen Menschen von Hilfsorganisationen aus der Schweiz, den USA und Frankreich.

SWR-Reporter Johannes Stier über den Morgen der Deportation:

Gedenkfeier in Gurs fällt wegen der Corona-Pandemie aus

Am eigentlichen Jahrestag der Deportation, am Donnerstag, 22. Oktober, sind landesweit Gedenkfeiern und Läuten der Totenglocken in den Deportationsorten geplant. In Karlsruhe gibt es am Donnerstagnachmittag eine Gedenkveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof und ab 18 Uhr eine im Generallandesarchiv, diese wird per Live-Stream ins Internet übertragen. Neben Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) spricht auch Solange Rosenberg, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe. Am Karlsruher Hauptbahnhof ruft der Lernort Kislau zu einer Mahnwache auf. Mit Mundschutz und Abstand sind alle Interessierten willkommen.

Zum Gedenken wurde am Donnerstag auch eine Ausstellung im Karlsruher Agneshaus von Werken der Schülerinnen und Schüler der katholischen Fachschule für Sozialpädagogik eröffnet. SWR-Reporter Jan Arnecke war bei der Eröffnung dabei:

In Freiburg gab es unter anderem eine Stadtführung unter dem Titel "Jüdische Geschäftsleute, die mit ihren Familien nach Gurs deportiert wurden". Eine öffentliche Gedenkfeier findet auf dem Platz der Alten Synagoge statt, unter anderem sprechen Oberbürgermeister Martin Horn (parteilos) und Irina Katz, Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Freiburg.

Bildergalerie mit Archivbildern:

Häftlinge hinter Stacheldraht (Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg)
Zahlreiche Häftlinge hinter dem Stacheldraht des Lagers Landesarchiv Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen
Häftlinge beim Essen im Internierungslager Landesarchiv Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen
Weibliche Häftlinge im Lager Gurs Landesarchiv Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen
Frauen beim Wäscheaufhängen im Lager Gurs Landesarchiv Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen
Das Internierungslager im südfranzösischen Gurs Landesarchiv Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen

In Lörrach erinnert der Gemeinderat mit einer Gedenkstunde an die Opfer der Deportation. In Konstanz wird mit 112 Kerzen der Opfer gedacht, die damals von Polizei und Gestapo aus 112 Wohnungen geholt worden waren.

Unter den Tausenden von Verschleppten waren auch viele Juden aus der Pfalz und dem angrenzenden Saarland sowie dem gesamten Rhein-Neckar-Raum. Unter anderem in Wiesloch fand eine Gedenkveranstaltung

Eine Gedenkfeier in Gurs am 25. Oktober fällt wegen der Corona-Pandemie aus. Am Mahnmal in Neckarzimmern (Neckar-Odenwald-Kreis) wurde die Gedenkveranstaltung von der Evangelischen Landeskirche Baden organisiert.

SWR1 Sonntagmorgen Vor 80 Jahren: Die erste Juden-Deportation der Nazis

Am 22. und 23. Oktober 1940 wurden über 6500 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in das französische Internierungslager Gurs verschleppt. Es war die erste Massendeportation von Juden im Deutschen Reich.  mehr...

Sonntagmorgen SWR1

Gedenkveranstaltungen in Südbaden 80 Jahre nach der Deportation badischer Juden nach Gurs

Viele Gemeinden in Südbaden gedenken in dieser Woche den Jüdinnen und Juden, die die Nationalsozialisten vor 80 Jahren nach Gurs deportiert haben. Der Tag jährt sich 2020 zum 80. Mal.  mehr...

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