Ansturm auf Booster-Impfungen beim Hausarzt (Foto: IMAGO, IMAGO / Christian Ohde)

Warteschlangen bis auf die Straße

Karlsruhe: Booster-Impfungen überlasten Hausarzt-Praxis

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Tobias Zapp

Nach und nach sollen Menschen mit einer Corona-Auffrischungsimpfung versorgt werden. Weil Impfzentren geschlossen wurden, sind die niedergelassenen Ärzte erste Anlaufstation und werden zum Teil überrannt.

Montagvormittag, 11 Uhr. In der Arztpraxis von Jan Zimmermann in Karlsruhe-Durlach beginnt die offene Sprechstunde. Zum Glück ist es heute nicht allzu kalt, denn das Wartezimmer befindet sich draußen auf dem Bürgersteig. 15 bis 20 Menschen sehe ich dort. Wird einer aufgerufen, kommen gefühlt jedes Mal zwei neue in die Warteschlange. Jan Zimmermann erzählt später, dass sei der ruhigste Montag seit Wochen gewesen.

Kein Durchkommen am Praxis-Telefon

Die meisten Patienten, die hier stehen, haben bereits den ganzen Morgen versucht, in der Praxis anzurufen. Ohne Erfolg. Die Telefone dort sind im Dauereinsatz. Zwei Arzthelferinnen sind nur mit dem Entgegennehmen und Beantworten von Anrufen beschäftigt. Manchmal kommt sogar noch eine dritte Mitarbeiterin hinzu. Trotzdem kommen sie mit dem Beantworten der Anrufe kaum hinterher.

"Wir können meiner Meinung nach nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Die Regierung ist planlos in den Herbst gegangen. Das Schlimmste war die Schließung der Impfzentren."

Patientengespräche verfolgen Personal bis in die Nacht

Das Klingeln des Telefons verfolgt Arzthelferin Violetta Collingro schon bis in den Schlaf. Sie träumt von Patientengesprächen, Impfungen, Telefonanrufen. Absprachen mit Kolleginnen und Kollegen müssen nicht selten im Feierabend erledigt werden, weil auf der Arbeit dazu einfach keine Zeit ist. "Man funktioniert nur noch", sagt sie etwas ernüchtert und mit einem leicht ratlosen Blick.

Riesiger Aufwand sorgt für Stress

Dass in den Arztpraxen aktuell so viel los ist, scheint aber nicht an einer riesigen Zahl an Corona-Patienten zu liegen. Arzt Jan Zimmermann berichtet davon, dass der Andrang vor Corona vor allem in der Grippesaison teilweise noch größer war. Das Problem sei jetzt vielmehr die Logistik, die hinter allem steckt. Alle Patienten, die Erkältungssymptome aufweisen, müssen präventiv wie Corona-Patienten behandelt werden. Das bedeutet bei jedem Patienten besondere Schutzkleidung anziehen, Abstriche machen, Ergebnisse auswerten.

"An sich ist die Grenze schon überschritten, aber man macht es halt einfach. Man hat keine Wahl."

Aufwendige Vorbereitung des Impfstoffs in der Praxis

Auch die Impfung bedeutet jede Menge Extraarbeit. Der populäre Biontech-Impfstoff kommt beispielsweise nicht gebrauchsfertig in den Praxen an. Um rund 150 Impfdosen abzufüllen, braucht eine Mitarbeiterin in der Praxis zwei bis drei Stunden. Zusätzlich zu den sonstigen Aufgaben, die sie bewältigen muss. Und auch der mit den Impfungen zusammenhängende Papierkram frisst Zeit und Nerven.

Impfungen künftig auch am Wochenende

Die Belastungsgrenze für die Mitarbeiter ist laut Arzthelferin Violetta Collingro längst erreicht. Trotzdem kommt für sie und ihre Kolleginnen und Kollegen demnächst noch ein Arbeitstag hinzu. Weil die Nachfrage nach Impfungen so groß ist, impft die Praxis in Zukunft auch an Samstagen. "Die Leute sind eben auf uns angewiesen", sagt Violetta Collingro.

"Was die Booster-Impfung angeht ist die Nachfrage enorm. Deshalb machen wir teilweise schon Impfaktionen am Wochenende."



Eine große Hilfe könnten im Moment laut Arzt Jan Zimmermann die Impfzentren leisten. Doch die wurden im Sommer größtenteils dicht gemacht. Die Arzthelferin frustriert das. Für sie hat die Politik den Corona-Herbst einmal mehr verschlafen. Sie sagt, man habe die vielen Angestellten im Gesundheitswesen mal wieder alleine gelassen, obwohl klar war, dass die Booster-Impfung im Herbst kommen würde.


Feierabend in der Praxis ist nur die Ruhe vor dem Sturm

Es ist kurz nach 12 Uhr am Montag. In der Arztpraxis von Jan Zimmermann in Karlsruhe Durlach wird es langsam ruhiger. Die offene Sprechstunde ist vorbei. Die Mitarbeiter schnaufen kurz durch, trinken eine Tasse Kaffee. Der große Patienten-Ansturm ist erst einmal vorbei, doch vor ihnen liegt noch jede Menge andere Arbeit, die bislang auf der Strecke geblieben ist.

Ich gehe aus der Tür. Und während sie hinter mir zufällt, klingelt schon wieder das Telefon. Auf ein Neues!

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