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In seinem ersten Amtsjahr hangelte sich der neuen Daimler-Chef Ola Källenius unverschuldet von Krise zu Krise. Das zweite Jahr dürfte noch schwieriger werden.

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Der Vorstandsvorsitzende von Daimler ist ein Hüne: Mit seinen 1,95 Metern Körpergröße überragt Ola Källenius die meisten seiner Gesprächspartner – gerne auch mal um mehr als einen ganzen Kopf. Riesig waren auch die Herausforderungen, denen sich der neue Daimler-Chef in seinem ersten Amtsjahr stellen musste. In den kommenden Monaten dürften sie noch größer werden.

Bei alternativen Antrieben zur Aufholjagd gezwungen

Als der Schwede vor gut einem Jahr das Steuer beim wohl wichtigsten Konzern in Baden-Württemberg übernahm, war der Motor bei Daimler schon mächtig ins Stottern geraten: Beim Schlüsselthema alternative Antriebe waren die Stuttgarter unter seinem Vorgänger Dieter Zetsche deutlich hinter die deutschen Konkurrenten aus München und Wolfsburg zurückgefallen. Zu wenige Modelle mit Elektroantrieb, zu wenige technologische Innovationen bei neuen Antriebstechniken, zu großes Vertrauen in die anhaltende Attraktivität der alten Verkaufsschlager aus dem Verbrennerzeitalter, das war das Urteil der meisten Expertinnen und Experten zur Endphase der Ära Dieter Zetsche.

Und die Zeit bis zum Inkrafttreten der neuen europäischen Abgasgrenzwerte, die Hersteller mit zu hohem CO2-Ausstoß mit Milliardenstrafen belegen und die Branche somit zum Verkauf von E-Autos zwingen, bemaß sich nicht mehr in Jahren, sondern in Monaten. 100 Gramm CO2 pro Kilometer sollten Daimler-Neuwagen ab Neujahr 2020 nur noch ausstoßen dürfen, bei Källenius‘ Amtsantritt waren es noch 138.

Källenius macht große Versprechen

Die Erwartungen, die auf dem Daimler-Eigengewächs Källenius bei dem Thema ruhten, waren von Anfang an gewaltig. Und der neue Topmanager lieferte, zumindest was die Unternehmensrhetorik anbelangt: Schon wenige Tage vor seinem eigentlichen Amtsantritt gab Källenius das Ziel Klimaneutralität für die Neuwagenflotte von Daimler aus, bis spätestens 2039. Und auch für die Kurzstrecke hat sich Källenius etwas ausgedacht: Entwicklung und Produktion im Bereich der alternativen Antriebe sollten so intensiviert werden, dass die Abgasziele ab 2020 doch noch eingehalten werden können. 15 Prozent der verkauften Autos sollten ab 2022 einen Hybrid- oder Elektromotor haben, so erklärte Källenius im letzten Herbst – zu dieser Zeit lag die Quote noch bei zwei Prozent. Ein ambitioniertes Ziel.

Sparprogramm soll Daimler fit für die Zukunft machen

Für den dazu notwendigen Systemwechsel braucht Daimler jede Menge Geld. Doch das ist bei den Stuttgartern unter Källenius derzeit knapper als unter vielen seiner Vorgänger. Auch das eine Folge von Altlasten: 870 Millionen Euro musste Daimler allein als Bußgeld für Dieselschummeleien zahlen. Auch hohe Abschreibungen für die Einstellung der X-Klasse drückten die Bilanz. Um zwei Drittel brach der Gewinn 2019 ein, das schlechteste Ergebnis seit einer Dekade.

Källenius versuchte, das Ruder herumzureißen – mit der bislang wohl einschneidendsten Entscheidung seiner Amtszeit: Im Herbst verordnete der Manager seinem Konzern ein rigides Sparprogramm. Die Strukturen sollen schlanker werden, mehr als 10.000 Stellen sollen weltweit wegfallen. 1,4 Milliarden Euro will der Konzern auf diese Weise bis Ende 2022 einsparen. Für die Mitarbeitenden wurde gemeinsam mit dem Betriebsrat ein umfangreiches Abfindungsprogramm aufgesetzt, das bis Ende 2022 gelten soll.

Börsenkurs abgestürzt

Auch in anderen Bereichen verordnete Källenius dem Konzern eine Frischzellenkur. Die besonders defizitäre Van-Sparte erklärte der neue CEO zur Chefsache, sie soll komplett umgekrempelt werden. An den Börsen wurden diese Schritte bisher nicht honoriert: Lag der Aktienkurs des Unternehmens bei Zetsches Abtritt bei 52 Euro, sind die Papiere heute für 30 Euro zu haben. Hartnäckig halten sich Ängste, dass der Autohersteller zu solchen Bedingungen zum Zielobjekt einer feindlichen Übernahme aus dem Ausland werden könnte.

Dabei stand es um den Börsenkurs im Jahresverlauf sogar noch schlechter. Zwischenzeitlich war Anteilsscheine sogar für 21 Euro zu haben. Der Grund für den beispiellosen Absturz liegt außerhalb der Verantwortung des Managements: Wegen der Corona-Krise dürfte das laufende Geschäftsjahr zum schwierigsten in der Geschichte von Daimler werden. Die Verkaufszahlen gingen in den Keller – zu Jahresbeginn in China, ab März dann in Europa und im Rest der Welt. Autohäuser blieben geschlossen, Produktionsbänder in den Fabriken standen still.

Wie kommt Daimler durch die Corona-Krise?

Im zweiten Quartal dürfte der Konzern tief in die roten Zahlen rutschen. Und auch hinter dem Abfindungsprogramm steht plötzlich wieder ein großes Fragezeichen. Ob sich in der derzeitigen Arbeitsmarktlage genug Mitarbeitende finden, die freiwillig das warme Nest Daimler verlassen, darf bezweifelt werden. Immerhin: Klar und deutlich hat Källenius betont, dass Daimler trotz der Krise an seiner Offensive im Bereich alternative Antriebe festhält.

Für die allermeisten dieser gravierenden Krisen des Konzerns kann Ola Källenius nichts. Und dennoch: Wie bei den meisten großen Persönlichkeiten wird Källenius wohl daran gemessen werden, wie er sich in den schlechten Zeiten schlägt. Arbeitnehmervertreter attestieren ihm einen wohlwollenden Kommunikationsstil. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen, um einen Megakonzern mit 300.000 Beschäftigten durch diese historische Durststrecke zu führen.

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