Jugendliche sitzen auf einer Brücke und beobachten den Sonnenuntergang. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Fernando Gutierrez-Juarez)

Psychische Belastungen durch Pandemie

"Impfen als Ausweg": So erleben Jugendliche die vierte Corona-Welle

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Der Anstieg der Corona-Infektionen in Baden-Württemberg schürt Ängste unter jungen Menschen - Ängste vor Schulschließungen oder vor einer Erkrankung. Viele sehen im Impfen die Lösung.

Josch Waidelich wird wütend, wenn man über die Menschen spricht, die sich nicht impfen lassen. Das sei ignorant und so "werden verantwortungsvolle Menschen eingeschränkt", sagt der Stuttgarter Schüler. So vieles werde abgesagt. Seine Chorprobe in der Schule finde nicht mehr statt. Feiern gehen könne man, wenn überhaupt, nur mit schlechtem Gewissen. "Wenn sich jeder impfen lassen würde, dann wäre das nicht so", sagt der 17-Jährige im Gespräch mit dem SWR. So denken die meisten seiner Mitschülerinnen und Mitschüler - und ein Großteil der 14- bis 29-Jährigen in Deutschland laut einer aktuellen Jugendstudie.

Josch Waidelich (Foto: Privat)
Jugendliche wie der Stuttgarter Schüler Josch Waidelich sehen im Impfen den Ausweg aus der Pandemie. Privat

Schülervertreterin: Impf-Angebote an Schulen nötig

Es herrsche ein Gefühl der Unfairness, sagt Elisabeth Schilli, Landesschülersprecherin in Baden-Württemberg, dem SWR. Die Impfbereitschaft unter den Schülerinnen und Schülern sei sehr hoch. "Gerade bei den 16- bis 18-Jährigen haben wir Klassen, die komplett durchgeimpft sind." Gleichzeitig würden sie sehen, dass manche Ältere auf die Impfung verzichteten. "Die Schülerinnen und Schüler müssen die Konsequenzen daraus tragen. Schulveranstaltungen wie Abibälle mussten abgesagt werden. Junge Menschen haben generell ein ganz anderes Interesse am öffentlichen Leben", so Schilli. Zudem sei das Virus ja auch eine Gefährdung für junge Menschen. Um noch mehr Jugendliche von einer Impfung zu überzeugen, brauche es Impf-Angebote direkt an den Schulen.

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Schüler fordert generelle Corona-Impfpflicht

"Was mich wütend macht, ist die Lage in den Intensivstationen. Da ist kein Platz mehr", sagt Schüler Josch Waidelich. Er fordert schärfere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie - und sogar eine generelle Impfpflicht.

Frust und der Ruf nach schärferen Regeln, um die Pandemie in den Begriff zu bekommen - all das ist laut Klaus Hurrelmann, Jugendforscher von Hertie School of Governance in Berlin, Ausdruck eines weitreichenden Problembewusstseins einer Generation. "Jugendliche spüren intuitiv, dass man seinen Lebensstil ändern muss, und sie sind auch bereit dazu", sagt Hurrelmann dem SWR. Das zeige sich mit Blick auf die eigene Gesundheit, aber auch in Bezug auf Klima, Mobilität oder Ernährung.

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Psychische Belastung immer noch hoch

In der aktuellen Studie "Jugend in Deutschland" hat Hurrelmann gemeinsam mit Jugendforscher Simon Schnetzer untersucht, was junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren bewegt, auch und vor allem mit Blick auf die Pandemie. Sie basiert auf einer repräsentativen Befragung dieser Altersgruppe von Ende Oktober 2021. Ein zentrales Ergebnis: Der psychische Druck, der auf jungen Menschen lastet, ist nach wie vor groß. 40 Prozent geben an, die Corona-Krise habe ihre psychische Gesundheit verschlechtert. Zwar lag dieser Wert im Sommer mit 53 Prozent noch höher. Dennoch gebe es keinen "Grund zur Entwarnung", heißt es in der Studie. "In dieser Lebensphase steht der Drang nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben im Vordergrund. So ein Leben ist aber nicht möglich, wenn man mit Einschränkungen leben muss", sagt Hurrelmann dem SWR.

Niedrige Infektionszahlen machten einen vergleichsweise unbeschwerten Sommer möglich. Vielerorts hatten Bars, Clubs und Freizeiteinrichtungen geöffnet. Die Menschen konnten reisen. Aber: "Im Sommer wussten die jungen Leute: Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Das beweist eine sehr sensible Grundhaltung", sagt Hurrelmann.

Sehr hohe Impfquote bei den 14- bis 29-Jährigen

Das Impfen sehen die jungen Menschen als Ausweg, so Hurrelmann. Laut Jugendstudie sind bereits 69 Prozent der 14- bis 29-Jährigen vollständig und neun Prozent teilweise geimpft. Sieben Prozent bezeichnen sich klar als entschiedene und weitere zwölf Prozent als potenzielle Impfgegner.

Das RKI meldet für die Gruppe der 12- bis 17-Jährigen 45 Prozent vollständig Geimpfte (Stand: 23. November).

Ein Drittel der Befragten würde laut Jugendstudie - wie Schüler Josch Waidelich - eine allgemeine Impfpflicht begrüßen. Zwei Drittel lehnen sie ab oder stehen ihr skeptisch gegenüber.

Impffortschritt in allen Altersgruppen:

Vielerorts schärfere Regeln

Nun rollt die vierte Corona-Welle über Deutschland. In den Bundesländern werden die Regeln verschärft. Auch der Druck auf Jugendliche wächst vielerorts. Im Nachbarbundesland Bayern etwa gilt die 2G-Regel - der Eintritt nur für Geimpfte und Genesene - in vielen Bereichen ab zwölf Jahren. In Baden-Württemberg sind die 12- bis 17-Jährige weitestgehend von der 2G-Regel ausgenommen. Lediglich in Diskotheken muss diese Altersgruppe entsprechende Nachweise vorlegen, in der "Alarmstufe II" gilt 2G plus. Dann muss zusätzlich ein negativer Test vorgelegt werden. Das kündigte Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) am Dienstag bei der Regierungspressekonferenz in Stuttgart an.

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Jugendforscher Hurrelmann: "Mehr Druck unnötig."

"Es ist überhaupt nicht nötig, mehr Druck auf Jugendliche auszuüben", sagt Jugendforscher Hurrelmann. Die meisten seien bereit, ihr Verhalten von sich aus zu ändern. Jugendliche forderten aber mutige politische Rahmensetzungen. "Die Disziplin ist da, Einschränkungen zu akzeptieren, sofern sie gut vermittelt werden“, sagt Hurrelmann. Das gelte sogar für weitere Schulschließungen. Trotzdem müssten sie die Ultima Ratio bleiben. "Schulschließungen würden die jungen Leute hart treffen und dürfen nur kommen, wenn sie unbedingt notwendig sind", so Hurrelmann.

Furcht vor Schulschließungen

Homeschooling, der fehlende Kontakt zu den Mitschülerinnen und Mitschülern - all das dürfe es nicht mehr geben, sagt Josch Waidelich. Im Moment wiederholt er die elfte Klasse. Wegen eines Schüleraustauschs in England von Januar bis Juli hat er Stoff an seiner deutschen Schule verpasst. "Aber auch, weil beim Homeschooling im vergangenen Schuljahr nicht so viel hängen geblieben ist", sagt Waidelich. "Ich habe Angst, dass die Schule zumacht. Es ist wichtig, dass der Präsenzunterricht bestehen bleibt", sagt er.

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