STAND

Über 1.000 Jesidinnen wurden über ein Sonderprogramm der Landesregierung nach Baden-Württemberg geholt und sind mittlerweile auf dem Weg in ein eigenes Leben. Das ist das Ergebnis einer begleitenden Untersuchung des Projekts.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:00 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

Die meisten Frauen und Kinder waren hochgradig traumatisiert, als sie in Baden-Württemberg angekommen sind. Sie waren in ihrer Heimat Opfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Mittlerweile haben die meisten begonnen, hier wieder ein eigenes Leben zu führen – das ist für Staatsministerin Theresa Schopper das wichtigste Ergebnis der Untersuchung von Tübinger Wissenschaftlern. "Wir sind an einem Wendepunkt", so Schopper. Jetzt gehe es nicht mehr nur um die bloße soziale Betreuung der Frauen. Viele von ihnen gingen zur Schule oder machten Berufsausbildungen. Besonders schnell hätten sich die Kinder mit dem neuen Leben in Deutschland zurechtgefunden.

Acht Monate Gefangenschaft

Zum Beispiel Salwa Rasho. Die Jesidin kam mit 17 Jahren aus dem Nordirak nach Baden-Württemberg. "Ich war acht Monate in Gefangenschaft und habe viele schlimme Dinge erlebt. Ich musste danach in einem Zelt mit meinen Eltern leben, wir hatten nicht genug zu essen. Fast jeden Tag passierten Sachen, die ich mir niemals vorgestellt hatte zu sehen. Das Leben dort war einfach furchtbar", berichtet die heute 21-Jährige aus der Zeit, bevor sie mit dem Rückführungsprogramm nach Baden-Württemberg kam.

Eine nach Baden-Württemberg geholte Jesidin bei einem Interview (Foto: SWR)
Die Jesidin Salwa Rasho möchte anderen Kriegsgefangenen und traumatiserten Kindern im Iraq helfen.

"Ich habe mir Deutschland niemals vorgestellt. Ich war plötzlich einfach da. Ich habe mich in einem fremden Land gefunden mit einer fremden Sprache und Kultur", erzählt Rasho. Sie konnte sich gut einleben in Baden-Württemberg. "Es war gut, dass wir nach Deutschland kommen konnten. Wir hatten die Möglichkeit zur Schule zu gehen, eine andere Sprache, eine andere Kultur zu lernen. Wir konnten hier erst verstehen, dass wir auch als Menschen ein Recht haben zu leben."

1.100 Menschen kamen durch das Programm nach Baden-Württemberg, die Familienmitglieder der Jesidinnen blieben jedoch zurück. Heute kümmert sich die junge Frau um Kinder und Frauen im Irak, die unter der Macht des IS misshandelt oder unterdrückt wurden. Rasho möchte weiter in Deutschland zur Schule gehen und später einmal im Sozialwesen arbeiten.

Jesidinnen sind mit Programm sehr zufrieden

Ein Team um den Tübinger Mediziner Florian Junne hat für die wissenschaftliche Bewertung mehr als 100 Frauen aus dem Programm befragt. Rund 90 Prozent erklärten dabei, dass sie damit äußerst zufrieden seien. Zu den positiven Aspekten zählten sie etwa Sicherheit, die Gewährleistung von Grundbedürfnissen wie Nahrung, Wohnraum und Gesundheitsversorgung sowie die Versorgung der Kinder. Wenn Kritikpunkte genannt wurden, dann hingen diese laut der Untersuchung vor allem mit der Unterbringung zusammen. Zu viele Menschen hätten nach ihrer Ankunft in Baden-Württemberg auf zu engem Raum miteinander leben müssen. Ebenfalls negativ bemerkt wurde, dass ein Teil der Familienangehörigen im Irak bleiben musste.

Massiv traumatisch belastet

Die Frauen seien massivster Gewalt ausgesetzt und massiv traumatisch belastet gewesen, sagte Junne. Die meisten von ihnen litten bis heute an posttraumatischen Folgen, etwa unter Schmerzen, Erstickungsgefühlen und Schwindel. Ihn habe überrascht, mit welcher Stärke und welchem Überlebenswillen die betroffenen Frauen dennoch aufträten, sagte Junne. Er ist Leitender Oberarzt der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen. Die Frauen wurden auf freiwilliger Basis für die Evaluation befragt.

Mehr dazu:

Prozess am Landgericht Darmstadt Angeklagte Jesidin räumt Geiselnahme ein

Eine 27-jährige Jesidin aus Armenien hat am Montag vor dem Landgericht eingeräumt, ihre Kinder und sich mit einem Messer bedroht zu haben. Sie wollte damit in Rimbach (Kreis Bergstraße) eine bevorstehende Abschiebung verhindern.  mehr...

STAND
AUTOR/IN