STAND

Der prominente Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi darf womöglich keine Islamlehrer mehr ausbilden. Bringt die zuständige Stiftung in Baden-Württemberg eine liberale Stimme zum Schweigen?

Video herunterladen (4,9 MB | MP4)

Im Streit um seine verweigerte Lehrerlaubnis will der liberale Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi notfalls vor Gericht ziehen. "Wenn es eine negative Entscheidung gibt, gehe ich juristisch dagegen vor", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Ourghi, bekannt für sein reformerisches Islamverständnis, bildet seit etwa zehn Jahren an der Pädagogischen Hochschule Freiburg (PH) Lehrer für den islamischen Religionsunterricht aus.

"Stiftung Sunnitischer Schulrat" lehnt Antrag auf Lehrerlaubnis ab.

Im Mai lehnte die "Stiftung Sunnitischer Schulrat" seinen Antrag auf eine weitere Lehrerlaubnis ab. Die offizielle Begründung laute, dass er kein ausgebildeter Religionspädagoge sei, sagte Ourghi. Doch er vermutet ideologische Gründe dahinter: Es sei bundesweit bekannt, dass er und die PH für einen liberal aufgeklärten Islam stünden.

"Die Stiftung möchte diese erfolgreiche Arbeit ausradieren"

Die Entscheidung über seine Lehrerlaubnis sei wegen ihrer politischen Brisanz nun Gutachtern übertragen worden. Vorerst könne er noch weiter unterrichten. Die "Stiftung Sunnitischer Schulrat" wurde im Jahr 2019 von der baden-württembergischen Landesregierung gegründet. Sie ist seitdem im Südwesten für die Organisation des islamischen Schulunterrichts zuständig.

Abdel-Hakim Ourghi, Islamwissenschaftler (Foto: Imago, IMAGO / Olaf Wagner; Archivbild)
Der 53-jährige Ourghi hat sich als liberaler Islamreformer einen Namen gemacht Imago IMAGO / Olaf Wagner; Archivbild

Stiftung wehrt sich gegen die Vorwürfe 

Die Voraussetzungen zur Erteilung der Lehrbefugnis sähen vor, dass Anwärter einen Nachweis über ein erfolgreich abgeschlossenes Lehramtsstudium im Fach Islamische Theologie/Religionspädagogik vorweisen können, heißt es in einer Stellungnahme. Ourghi hat diese Fächer nicht studiert - auch weil das bis vor Kurzem in Deutschland gar nicht möglich war. Sein Vorwurf: Die Stiftung verfüge über keine Ermächtigungsgrundlage. Ihr gehören zwei Islamverbände an - beide konservativ und nicht repräsentativ für die Mehrheit der Muslime in Baden-Württemberg. Der Staat arbeite hier mit einer ultrakonservativen politischen Organisation zusammen, die etwa integrationsfeindliche Schülerheime betreibe. Das Stiftungsmodell in Baden-Württemberg sei verfassungswidrig, so Ourghi.

"Dieses Modell hebelt die Neutralitätspflicht des Staats aus und greift massiv in die Religionsfreiheit ein.

Kultusministerium stärkt der Stiftung den Rücken

Die Landesregierung stellt sich hinter die islamische Stiftung. "Das Kultusministerium steht nach wie vor vorbehaltlos zur 'Stiftung Sunnitischer Schulrat'", sagte ein Sprecher. Es sei überzeugt, dass das Verfahren in rechtsstaatlich einwandfreier Art und Weise betrieben werde. Über die Frage, ob der Bewerber über eine der Laufbahnbefähigung für das Lehramt an Schulen entsprechende oder gleichwertige akademische Vorbildung verfüge, sei noch nicht abschließend entschieden. Derzeit warte man auf weitere Unterlagen. Im Übrigen treffe es nicht zu, dass es um den Entzug einer vorhandenen Lehrbefugnis gehe, hieß es in der Stellungnahme weiter.

In dem Streit äußerte sich auch der neue Islambeauftragte der württembergischen Landeskirche, Friedmann Eißler. "So wird versucht, einen herausragenden Vertreter des liberalen Islam an den Rand zu drängen und mundtot zu machen", sagte der Theologe den "Stuttgarter Nachrichten" und der "Stuttgarter Zeitung" vom Freitag.

FDP/DVP-Fraktion kritisiert Vorgang als "unwürdiges Schauspiel"

Der religions- und schulpolitische Sprecher der FDP/DVP-Fraktion im Landtag, Timm Kern, nannte die Verweigerung der Lehrerlaubnis für Ourghi ein "unwürdiges Schauspiel". "Wir sollten doch geeint sein im dem Interesse, Hinterhof-Imamen und Hasspredigern in Baden-Württemberg das Gehör zu entziehen", sagte Kern. "Dafür brauchen wir Lehrkräfte für den islamischen Religionsunterricht, die einen aufgeklärten Islam lehren, der mit unserer Verfassung vereinbar ist."

Weingarten

Weingarten Fach Islamische Theologie weiter an PH

Die Pädagogische Hochschule (PH) Weingarten weist Vermutungen zurück, sie schließe ihren Fachbereich Islamische Theologie. Hintergrund ist ein Aufnahmestopp für neue Studierende des Fachs, weil die "Stiftung Sunnitischer Schulrat" dessen Dozenten nicht anerkennt. Er sei nicht ausreichend ausgebildet, so die Stiftung, die für den islamischen Religionsunterricht im Land zuständig ist. Man suche zusammen mit der Stiftung eine Lösung, so ein Hochschulsprecher. Für das Fach schon eingeschriebene Studenten könnten aber weiterstudieren und vorerst an Online-Veranstaltungen der PH Ludwigsburg teilnehmen. Kritiker hingegen glauben an einen Vorwand, mit dem konservative islamische Verbände innerhalb der Stiftung liberale Vertreter des Islams aus der Lehrerausbildung verdrängen wollten.  mehr...

Neckarsulm

Gesprächsplattform für Stadt, Moschee, katholische und evangelische Kirche Gegen Vorurteile: Forum der Religionen in Neckarsulm

In Neckarsulm (Kreis Heilbronn) hat sich das Forum der Religionen vorgestellt. Es soll den Dialog zwischen evangelischen, katholischen und muslimischen Gläubigen fördern.  mehr...

STAND
AUTOR/IN