Gerd Antes (Foto: SWR)

Interview mit BW-Medizinstatistiker

Steigende Corona-Infektionszahlen: Kein Grund zur Sorge?

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AUTOR/IN
Katja Burck

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt wieder. Der Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes beruhigt: Eine Überbelastung der Krankenhäuser werde nicht eintreten, betont er im SWR-Interview.

SWR: Eine Viertelmillion Neuinfektionen heute und nächste Woche werden viele der Vorsichtsmaßnahmen aufgehoben. Wie passt das zusammen?

Gerd Antes: Wir fallen immer wieder in alte Fehler zurück. Vor einem Jahr ist schon öffentlich vom Gesundheitsministerium gesagt worden, dass die Fälle, also die Infektionen, nicht allein das Entscheidende sind. Die sind immer weniger wichtig geworden, gerade durch die gegenwärtige Variante.

Wenn man dann sagt, die Zahlen steigen, dann ist die Aussage schon so Wischiwaschi, dass sie eigentlich falsch ist. Man muss erstens sagen, welche Zahlen steigen. Und dann merke ich sehr schnell, dass die Zahlen, auf die wir achten müssten, nicht stark steigen - nämlich die Krankenhauseinweisungen und die Belastung der Intensivstation.

Und das heißt, wir können uns quasi entspannen?

Naja, kontrollierte Entspannung nenne ich das immer. Alles spricht eigentlich dafür, dass es erstmal in den nächsten Monaten richtig gut wird. Das ist die Zeit, wo wir erstens draußen sein können. Draußen passiert an Infektionen praktisch nichts.

Und jetzt das schlimme Wort "Durchseuchung", das schönere Wort ist die "Immunisierung der Gesamtbevölkerung": Wir kommen einfach nicht umhin, dass wir uns jetzt beim Übergang in die Endemie irgendwie infizieren. Und wenn wir drei Mal geimpft sind, dann sieht es eigentlich relativ gut aus.

Wenn man nicht geimpft ist, kann es natürlich weiterhin sehr schlecht laufen. Aber das ist der gegenwärtige Stand. Deswegen ist das Starren auf die rasant steigenden Infektionszahlen einfach der falsche Blick.

Dann lassen Sie uns mal den Fokus auf die Schulen setzen. Der Deutsche Lehrerverband warnt davor, die Maskenpflicht an Schulen abzuschaffen. Halten Sie eine Maskenpflicht an Schulen weiterhin für sinnvoll?

Nein, natürlich nicht. Wenn die Lehrer glauben, die Maskenpflicht müsste beibehalten werden, dann sollten sie sich an die eigene Nase fassen. Denn eigentlich geht es bei der Maske um den Eigenschutz. Dann sollen die Lehrer die Maske tragen.

Aber vor allen Dingen sollen die Lehrer zum Impfen gehen. Wenn sie das nicht tun, kann man doch nicht die Kinder damit bestrafen, jetzt jeden Tag stundenlang mit Maske im Unterricht zu sitzen.

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Es ist für Bürgerinnen und Bürger sehr schwer einzuschätzen, was angesichts der Lage verhältnismäßig ist. Halten Sie das, was die Bundesregierung mit dem neuen Infektionsschutzgesetz auf den Weg gebracht hat, für sinnhaft?

Also sinnhaft ist die eine Frage, die andere ist: Es ist nicht praktikabel. Unsere Zahlen sind ja so katastrophal schlecht. Bis wir begriffen haben, dass irgendwo ein Hotspot ist, ist der lange wieder weg. Wenn dann dort an der Stelle die Krankenhäuser zusammenbrechen, dann wäre es schlimm. Aber da können wir relativ entspannt sein: Das wird nicht passieren.

Angenommen, das Frühjahr und der Sommer werden entspannt. Es ist ja zu vermuten, dass die Pandemie oder endemische Lage im Herbst und Winter wieder anzieht. Wäre es dann nicht schlau, sich jetzt zu rüsten? Stichwort Impfkampagne, Stichwort Impfflicht?

Ich bin inzwischen mit jedem weiteren Tag strikt gegen eine Impfpflicht. Weil auch historisch gezeigt werden kann, dass das sogar schädlicher ist als eine Motivationsimpfung.

Ich bin natürlich für Impfungen, aber wir werden das Problem damit auch nicht in den Griff bekommen. Wir werden nicht umhinkommen, uns auf die eine oder andere Art und Weise anzustecken. Aber das alles jetzt auf eine Impfpflicht zu schieben, ist schädlicher, als mit einer hohen Motivation die Leute dazu zu bringen, sich impfen zu lassen. Und das kann man.

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