Lehrerin steht vor einer Klasse an der Tafel (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Philipp von Ditfurth)

Lehrermangel in Baden-Württemberg

900 unbesetzte Lehrstellen zum Schulstart: Wie ist der Plan der BW-Regierung?

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In Baden-Württemberg sind kurz nach Schulstart noch 900 Lehrstellen unbesetzt. Kultusministerin Schopper erklärt im SWR-Interview, woran das liegt und was dagegen getan werden soll.

An den Schulen in Baden-Württemberg läuft seit einigen Tagen nach den Sommerferien wieder der Unterricht. Die Bedingungen dafür sind nicht immer leicht: Im Land gibt es einen akuten Lehrkräftemangel. Im SWR-Interview erklärt die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne), wieso das Problem gerade besonders groß ist und wie ihr Ministerium dagegen vorgehen will.  

SWR: Woran liegt es, dass in Baden-Württemberg immer noch so viele Lehrerinnen und Lehrer fehlen, obwohl auch sehr viele neu eingestellt wurden?

Theresa Schopper: Wir haben einen Mangel, vor allen Dingen in der Sonderpädagogik oder auch an den Grundschulen. Wo wir noch einen Mangel haben, sind Fachlehrer für musisch und technische Fächer, wo von diesen 890 Stellen, die wir momentan noch frei haben, fast 300 Lehrkräfte fehlen. Das ist sozusagen noch ein Fachkräftemangel im Spezifischen. Insgesamt sind wir noch dran, sodass wir hoffen, dass wir bis Ende September auch nochmal mehr Lehrkräfte bei uns finden. Außerdem haben wir eine Verzerrung, ich sag mal von begehrten Sahneschnittchen-Orten bis hin zu Orten, wo wir einfach ganz schwer Nachwuchskräfte bei uns binden können.

Theresa Schopper (Foto: SWR)
Theresa Schopper (Grüne) ist die Ministerin für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg.

SWR: Dieser Lehrermangel hat sich im Lauf der Jahre verschärft, obwohl er eigentlich demografisch gesehen vorauszusehen war. Haben Ihre Vorgänger vielleicht schon falsch geplant?

Schopper: Wir haben bis 2017 tatsächlich den Bedarf an neuen Lehrkräften gebraucht, um Menschen, die in Pension gehen, zu ersetzen. Wir haben insgesamt im letzten Jahrzehnt ungefähr die Hälfte des Lehrkörpers ausgetauscht, also 50.000 neue Lehrkräfte eingestellt. 70 Prozent davon sind Frauen, die jetzt auch in der Familienphase sind. Unser Ersatzbedarf ist momentan oft, dass wir bei Schwangeren oder Familienzeiten nacharbeiten müssen.

SWR: Dazu gibt es dann Teilzeitlehrkräfte, die jetzt mehr draufpacken, oder auch Pensionäre, die reaktiviert wurden. Aber eine nachhaltige Lösung sieht doch anders aus, oder?

Schopper: Wir haben einen hohen Teilzeitanteil an den Schulen. Über 50 Prozent arbeiten bei uns nicht im vollen Deputat. Und wir sind auch sehr froh, dass 3.000 Lehrkräfte dem Aufruf des Ministerpräsidenten und mir gefolgt sind. Wir haben da eine angespannte Situation und vor allen Dingen auch nochmal örtlich in unterschiedlicher Weise. Wir haben zum Beispiel ganz große Schwierigkeiten an der Schweizer Grenze Lehrkräfte zu finden - Bad Säckingen, Waldshut-Tiengen - aber auch in Rottweil oder Tuttlingen oder auch im Schwarzwald zum Teil. Wir tun da alles, um schon möglichst frühzeitig viele Lehrkräfte hinzubringen, um gerade in den Mangelgebieten eine Perspektive zu schaffen. Das ist natürlich mit am schwierigsten, dass wir die Leute, die gerne in Freiburg oder Heidelberg bleiben würden, ein Stückweit in die Orte locken, die ja auch sehr schön sind. Baden-Württemberg hat eigentlich überall Sahneschnittchen zu bieten.

SWR: Was allerdings abschrecken könnte, ist natürlich auch das Thema, dass jedes Jahr vor den Sommerferien Lehrerinnen und Lehrer bei uns in Baden-Württemberg vorübergehend entlassen werden. Wer möchte schon einen so unsicheren Arbeitsplatz haben?

Schopper: Sieben Prozent der Leute sind bei uns im Angestelltenverhältnis. Also, die meisten Leute sind verbeamtet. Das Beamtentum hat ja doch seine Vorzüge - sprich, was die Zahlung der Pension angeht - auch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ausläuft. Das Privileg des Beamtentums hat schon eine hohe Güte. Es ist so, dass wir gerade bei den Grundschullehrkräften wirklich eine ausgezeichnete Situation für die Bewerbungen und für die Studienplätze haben. Auch in den anderen Bereichen ist es nicht so, dass wir da nicht die Menschen auch fasziniert bekommen von dem Beruf.

SWR: Trotzdem ist das Thema Entlassung und Sommerferien das Thema, was die Leute seit Jahren bewegt. Also allein schon das Wissen darum, dass das irgendwie nicht besser wird, kann doch manche Leute auch hemmen, oder?

Schopper: Ein Großteil der Menschen, die befristet bei uns Stellen haben, sind sogenannte Nichterfüller. Dieses Wort finde ich furchtbar - die haben einfach kein abgeschlossenes wissenschaftliches Studium, was eigentlich Voraussetzung für den Schuldienst ist. Da haben wir zumindest eine Lösung gefunden, für die, die schon lange im Dienst sind. Die, die 30 Monate bei uns an den Schulen sind und eine hervorragende Beurteilung bekommen, können wir entfristen. Das haben wir auch gemacht. Wir haben natürlich aber unter den Menschen, die die Sommerferien nicht durchbezahlt bekommen, auch die Leute, die einfach nicht nach Bad Säckingen, Rottweil, Tuttlingen oder nach Freudenstadt wollen. Die aber warten, dass sie einfach in Heidelberg oder in Freiburg eine befristete Stelle bekommen und gezielt auch das Risiko eingehen, dass sie dann eben über die Sommerferien nicht durchbezahlt werden, weil sie einfach nicht in andere Regionen wollen.

SWR: Was tun Sie jetzt, damit die Lage für die Lehrerinnen und Lehrer und für die Schulen insgesamt im Land besser wird?

Schopper: Wir haben in den Haushalsverhandlungen trotz schmalen Korridors sehr gut abgeschnitten. Wir haben die Studienplätze erhöht in den Bereichen der Sonderpädagogik, wo wir mit einem neuen Standort in Freiburg aufwarten. Wir sind dran, dass wir wirklich möglichst frühzeitig unsere Lehrkräfte binden - diejenigen, die aus der Universität und aus dem Vorbereitungsdienst kommen. Und wir machen auch einen Seiten- und Direkteinstieg möglich, sodass wir einfach diesen Aufwuchs, den wir momentan brauchen, gut beheben können. Weil die Qualität an den Schulen hängt natürlich davon ab, dass wir gute Lehrkräfte haben. Wir haben ja Gott sei Dank auch schon viele gefunden. Wir haben die Stellen zu 98 Prozent besetzt, da ist manches Unternehmen durchaus auch neidisch.

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