Auszubildende feilen im Rahmen der Grundausbildung in einem Metallverabeitungsbetrieb. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Rupert Oberhäuser | Rupert Oberhäuser)

Azubi-Mangel in Baden-Württemberg

Interview: Wie lassen sich mehr junge Menschen für eine Lehre begeistern?

STAND

Immer weniger junge Menschen in Baden-Württemberg beginnen eine Berufsausbildung. Woran das liegt, erklärt die Stuttgarter IHK-Präsidentin Marjoke Breuning im SWR-Interview.

Wenige Wochen vor dem Start des neuen Ausbildungsjahres im September gibt es in Baden-Württemberg noch zahlreiche freie Ausbildungsplätze. Derzeit seien noch mehr als 38.000 und damit gut die Hälfte der gemeldeten Ausbildungsstellen unbesetzt, teilte Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) am Donnerstag mit. Die Chancen für junge Leute, noch kurzentschlossen eine Lehrstelle zu finden, seien hervorragend.

SWR Aktuell: Viele junge Menschen wollen lieber an die Uni als eine Berufsausbildung zu machen. Aber Metzgerin, Friseur oder Klempner: Das kann man nicht studieren. Warum hat die klassische Ausbildung im Betrieb so ein schlechtes Image?

Marjoke Breuning: Das schlechte Image kann ich so nicht stehen lassen. Aber Fakt ist, dass sich der Fachkräftemangel neben der Sorge vor den steigenden Energiekosten zu den größten Geschäftsrisiken für die Betriebe entwickelt. Das haben 58 Prozent der befragten Betriebe ausgesagt. Und wenn man auf die Gastronomie schaut, dann waren es sogar 71 Prozent.

Deswegen freuen wir uns, sagen zu können, dass wir im Hotel- und Gaststättenbereich Ende Juni ein leichtes Plus von 1,6 Prozent mehr Auszubildenden verzeichnen können. Das Handwerk jedoch liegt zurück. Hier gibt es 5,9 Prozent weniger Azubis im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt liegen diese beiden Zahlen deutlich unter dem Niveau von 2019.

SWR Aktuell: Sie haben die Gastronomie angesprochen. Das ist eine Branche, in der es unangenehme Arbeitszeiten im Vergleich zu anderen gibt, verbunden mit geringer Bezahlung. Wie kann man es für junge Menschen trotzdem interessant machen, dort zu arbeiten?

Breuning: Gastgewerbe und Hotellerie zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie ein hohes Maß an Eigenverantwortung haben und dass es große Karrierechancen gibt. Es gibt keinen Bereich, wo sie so schnell einen Aufstieg machen.

Und am Ende des Tages sind die Gehälter und die Löhne natürlich auch verhandelbar. Außerdem haben sie frei, wenn die anderen vielleicht arbeiten.

SWR Aktuell: Schauen wir aufs Handwerk: Wer heute Wärmepumpen oder Solaranlagen bauen kann, der wird in den nächsten Jahren ganz bestimmt nicht arbeitslos. Warum kommt diese Botschaft nicht bei jungen Menschen an?

Breuning: Ja, viele Handwerksberufe sind zukunftsträchtig. Was bei vielen studierten Berufen nicht immer der Fall ist. Aber grundsätzlich denken wir, dass ein lebenslanges Lernen tatsächlich wichtig ist.

Gerade Handwerksberufe sind Berufe, die auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sicher sind. Wer einen sicheren Arbeitsplatz sucht, der ist hier richtig.

Video herunterladen (11,3 MB | MP4)

SWR Aktuell: Früher musste ein Klempner oder Automechaniker vor allem handwerklich geschickt sein. Heute sind Heizungen und Autos höchst kompliziert und computergesteuert. Heißt das automatisch: Wer nicht Abi-Leistungskurs Physik hatte, der muss sich gar nicht erst für eine Ausbildung bewerben?

Breuning: Das ist so nicht richtig. Wir können feststellen, dass im Handwerk und in den gewerblich-technischen Ausbildungsberufen die digitale Transformation Einzug erhalten hat und viele Tools gerade im digitalen Bereich gelehrt, gelernt und angewendet werden.

Jeder fünfte Ausbildungsplatz wird von einem Studenten oder einer Studentin besetzt, die ihr Studium abgebrochen haben. Das ist nicht notwendig, denn man kann ja auch zuerst eine Ausbildung machen und dann eine weiterführende Qualifikation. Ich denke, das ist für viele auch der richtige Weg.

SWR Aktuell: Kann die Landesregierung oder die Bundesregierung helfen, um den Azubi-Mangel zu beheben?

Breuning: Wir haben gesehen, dass es gerade in den Corona Pandemiezeiten schwierig war, junge Menschen für eine Ausbildung anzuwerben. Deswegen freuen wir uns sehr, dass wir Unterstützung vom Wirtschaftsministerium für zusätzliche Praktikumswochen erhalten haben.

Auch unsere Ausbildungskampagne wurde unterstützt. Gemeinsam werden wir es schaffen, mehr junge Leute für eine Ausbildung zu erreichen.

Mehr zum Thema

Baden-Württemberg

27.000 Bewerber bleiben "unversorgt" Azubi-Mangel in BW: Unternehmen sind laut DGB zu anspruchsvoll

Immer mehr Ausbildungsstellen in BW bleiben unbesetzt. Doch fehlt es wirklich an Azubis im Land? Die Gewerkschaft DGB widerspricht und sieht die Schuld bei den Unternehmen.

Baden-Württemberg

Mangel an Nachwuchs und Profis Debatte im BW-Landtag: Was tun gegen unbesetzte Ausbildungsplätze? I 12.5.2022

Baden-Württembergs Wirtschaft ist vom Fachkräftemangel geplagt. Gleichzeitig bleiben viele Ausbildungsstellen unbesetzt. Im Landtag wurde am Donnerstag um Lösungen gerungen.

Baden-Württemberg

Gebündelte Informationen zur Berufswahl Neue Online-Plattform in Baden-Württemberg: Schneller Weg zum Berufspraktikum

Ein Praktikum kann Schülerinnen und Schülern bei der Berufswahl helfen. Baden-Württemberg will Angebote von Betrieben und die Nachfrage bündeln - auf einer neuen Online-Plattform.

STAND
AUTOR/IN
SWR