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Die Zahlen steigen, die Regierung verhängt einen weitreichenden Lockdown. Ist das der gewünschte Wellenbrecher? Der Freiburger Wissenschaftler Gerd Antes bezweifelt das und wirft der Politik Planlosigkeit vor.

Gerd Antes ist Medizinstatistiker und ehemaliger Direktor des Deutschen Cochrane-Zentrums am Universitätsklinikum Freiburg, das medizinische Studien wissenschaftlich prüft und auswertet.

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SWR Aktuell: Herr Antes, die Menschen in Baden-Württemberg sind hin- und hergerissen zwischen Frust und Verständnis für die neuen Corona-Regeln. Sie sind eher skeptisch, dass die Maßnahmen wirklich den gewünschten Effekt bringen?

Gerd Antes: Sie werden zwar erstmal einen Effekt bringen, aber auch mit erheblichen Schäden. Das andere ist: Wo sind wir dann in zwei, drei Wochen, wenn wir wieder aufgetaucht sind aus diesem Lockdown? Dann öffnen wir wieder und nach einer oder zwei Wochen sind wir wieder genau an der gleichen Stelle wie heute. Und wir haben keinen Plan, wie wir dann weiter fortfahren wollen.

Aber wir alle erinnern uns an die Fahrschule, wo wir gelernt haben, vorausschauend zu fahren. Ist es nicht richtig, dass die Politik jetzt schon vorsorglich abbremsen will?

Auch bei der Fahrschule muss man ab und zu in den Rückspiegel schauen. Wir haben zu lange versäumt, uns darauf vorzubereiten. Jetzt tut jeder so, als wenn es völlig überraschend wäre, aber es ist ganz klar: Wir hätten ein bis zwei oder drei Szenarien entwickeln können, dann wüssten wir jetzt, was wir tun. Man hat so getan, als ob bis Weihnachten nichts passiert und das fällt uns jetzt auf die Füße.

Die Gesundheitsämter versuchen ja immer noch, die Infektionsketten nachzuverfolgen. Ist das die richtige Strategie oder denken Sie, dass die Gesundheitsämter überfordert sind?

Beides. Es ist immer noch eine richtige Strategie, aber in dem Moment, wo wir dann wirklich an den Leistungsgrenzen sind - und das ist gegenwärtig so -, dann bricht das Ganze zusammen. Dann sind wir auch wieder an der gleichen Stelle: Wir haben keine neue Strategie, sondern versuchen nur noch damit klarzukommen, indem wir die verfügbaren Ressourcen strecken.

Was müsste die Politik Ihrer Meinung nach tun, um einigermaßen gut durch den Winter zu kommen?

Einmal müssen wir natürlich diese banalen Dinge angehen, die so wegdiskutiert werden. Zum Beispiel den öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Da wird einfach gesagt: Da gibt es keine Infektionen, dann ist das Thema erledigt und dann wird alles auf die Privathaushalte geschoben. Ich habe große Zweifel daran, dass diese Statistiken stimmen. Und so banale Geschichten, wie zum Beispiel Einlasskontrollen in Supermärkten. Das hat ja im Frühjahr scheinbar ganz gut funktioniert. Wir haben aber nicht einmal im Ansatz begonnen, das wieder einzuführen. Das ist, denke ich, einer der ganz großen Fehler gegenwärtig.

Sie sagen ja auch, die Politik müsste jetzt eine Task Force gründen. Wie meinen Sie das?

Wir haben immer die gleichen wenigen Gesichter, die in Talkshows ausdrücken, wo wir jetzt hin sollen. Und das ist viel zu wenig. Eigentlich haben die Virologen gar nicht mehr viel zu tun an dem jetzigen Thema. Jetzt sind wir in der großen Bedrohung und Herausforderung, wie wir gesellschaftlich damit umgehen. Das sind dann Verhaltenspsychologen, Kommunikationsforscher oder auch Soziologen. Und die sind bisher noch überhaupt nicht, bis auf wenige Ausnahmen, am Tisch. Die müssen wir jetzt holen, damit das gesamtgesellschaftlich gelöst wird. Das ist nicht mehr die Frage des Labors.

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