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Vogelkundler und Insektenforscher aus Baden-Württemberg warnen eindringlich vor einem drastischen Insektensterben. Als Beleg legen sie eine neue Studie von der Schwäbischen Alb vor.

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"Was wir heute noch sehen, ist niederschmetternd", sagte der Leiter der Forschungsstation Randecker Maar, Wulf Gatter, am Donnerstag in Stuttgart. Wissenschaftliche Zählungen hätten mit Blick auf die vergangenen 50 Jahre einen Rückgang der sogenannten wandernden Insekten auf der Schwäbischen Alb um 97 Prozent ergeben. Vom Einbruch der Zahlen seien vor allem Schwebfliegen, aber auch Waffenfliegen und Schlupfwespen betroffen.

Ein Forscher steht an einem Insektennetz der Forschungsstation Randecker Maar. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Ruben Gatter/Forschungsstation Randecker Maar/dpa)
Ein Forscher steht an einem Insektennetz der Forschungsstation Randecker Maar. Bis zu 97 Prozent Rückgang an Insekten haben die Forscher dokumentiert. picture alliance/Ruben Gatter/Forschungsstation Randecker Maar/dpa

Das Randecker Maar am Rand der Schwäbischen Alb ist ein ehemaliger Vulkanschlot. Dort ziehen auf einer Breite von über sechs Kilometern Vögel und Insekten von Nord nach Süd und können beim Durchflug gut erfasst werden. Über 600 Mitarbeiter aus Deutschland und Europa haben sich in den letzten 50 Jahren im Rahmen von jährlich rund 100 Tage dauernden Arbeits- und Forschungsprogrammen an der wissenschaftlichen Studie beteiligt.

"Ökosystem von Artenvielfalt abhängig"

Lars Krogmann, Entomologe vom Naturkundemuseum in Stuttgart, warnte davor, die Folgen dieses Sterbens zu unterschätzen: "Je mehr Arten verschwinden, desto mehr gerät das Ökosystem aus den Fugen." Die Bedrohung sei "allgegenwärtig, sie ist permanent, und sie geht weiter zurück, als wir uns bewusst sein mögen". Ursachen für den Trend seien die industrielle Landwirtschaft, Pflanzenschutzmittel, die zunehmende Überdüngung und die Versiegelung, also der Flächenverbrauch durch neue Siedlungen, neue Gewerbegebiete und Straßen.

"Wenn die Insekten weg sind, dann ist alles weg. Insekten sind die Voraussetzung für unser Leben."

Lars Krogmann, Entomologe vom Naturkundemuseum in Stuttgart

Artenschutzgesetz geht für Experten nicht weit genug

Enttäuscht äußerte sich der Ornithologe Gatter über das neue baden-württembergische Artenschutzgesetz, nach dem der Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel bis 2030 um 40 bis 50 Prozent zurückgefahren werden soll. "Das ist nur ein sehr kleiner Fleck", sagte Gatter. "Bei der heutigen Entwicklung sehe ich keine großen Fortschritte." Kostspielige Blühstreifen-Programme des Landes oder Blühpatenschaften greifen nach Ansicht Krogmanns zudem viel zu kurz. Beim Säen würden die falschen Blühmischungen als Insektenfutter benutzt, außerdem zielten sie auf Vollinsekten ab und nicht auf deren ebenfalls bedrohte Larven. Sogenannte Blühpatenschaften seien zudem zeitlich befristet und wenig hilfreich.

Grünen-Politiker fordert Ausbau des Naturschutzetats

Der naturschutzpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Markus Rösler, nannte das Ergebnis der Studie "einen katastrophalen Spiegel unseres menschlichen Umganges mit der Natur". Er forderte, das Monitoring dauerhaft im Haushalt abzusichern und den Naturschutzetat von derzeit 90 auf 150 Millionen Euro pro Jahr zu erhöhen. Für den Naturschutzbund Deutschland mahnte dessen Artenschutzreferent Martin Klatt: "Die Ergebnisse müssen uns als Gesellschaft wachrütteln." Das Land müsse seine Agrarförderprogramme ökologisch noch effektiver gestalten, forderte er.

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