Die Mitarbeiterin eines mobilen Impfteams zieht den Impfstoff von BiontechPfizer in eine Spritze auf. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

Vierte Corona-Welle

Fragen und Antworten: Wie das Impfen in Baden-Württemberg läuft

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Eine breite Immunität der Menschen gilt als entscheidend, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Doch die Impfkampagne in Baden-Württemberg hakt. Woran liegt das?

Die vierte Welle rollt durch Baden-Württemberg, die Intensivstationen sind an ihrer Belastungsgrenze angelangt. Expertinnen und Experten sehen im Impfen den wichtigsten Schlüssel zur Bekämpfung der Pandemie. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur baden-württembergischen Impfkampagne.

Welche Bürgerinnen und Bürger können eine Impfung erhalten?

Jede Baden-Württembergerin und jeder Baden-Württemberger kann sich impfen lassen. Entsprechend der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) können auch alle Menschen ab zwölf Jahren immunisiert werden. Für bereits geimpfte Ältere ab 70 Jahren und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem sowie Beschäftigte etwa in der Pflege empfiehlt die STIKO zudem eine Auffrischimpfung. Daran orientiert sich auch die Landesregierung. Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) hat an die Bevölkerung appelliert, sogenannte Booster-Impfungen wahrzunehmen. Wichtig sei dies vor allem für die Menschen, deren Zweitimpfung länger als sechs Monate zurückliegt. Beim Impfstoff von Johnson & Johnson ist eine Booster-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff bereits nach vier Wochen möglich. Gerade bei der Delta-Variante lasse der Impfschutz mit der Zeit nach, betonte Lucha.

Wo wird geimpft?

Beim Arzt oder bei einer der zahlreichen Impfaktionen im Land. Haus- und Fachärzte in ganz Baden-Württemberg bieten die Corona-Impfung nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KVBW) an. Seit der Schließung der Impfzentren Ende September sind in Baden-Württemberg zudem mobile Impfteams unterwegs. Dabei arbeiten sie auch mit Kommunen zusammen, die mit Verbänden - wie etwa dem Deutschen Roten Kreuz - zusätzlich eigene Impfaktionen organisieren. Die Landesregierung hatte die Anzahl dieser Teams am Donnerstag deutlich erhöht.

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Wie ist die Nachfrage nach Impfungen?

Sie steigt. Zuletzt gab es sowohl in den Arztpraxen als auch bei den mobilen Impfteams wieder eine größere Nachfrage. Zum einen waren vor rund einem halben Jahr nach Angaben des Gesundheitsministeriums etwa eine Million Menschen in Baden-Württemberg bereits vollständig geimpft. Diese sind nun zur Auffrischimpfung aufgerufen. Zum anderen steigt auch die Nachfrage nach Erstimpfungen. Dazu dürften die strengeren Maßnahmen der "Warnstufe" und der womöglich bald bevorstehenden "Alarmstufe" beitragen, die vor allem für Ungeimpfte deutliche Einschränkungen bedeuten würden.

Wie geht es mit der Impfkampagne voran?

Es hakt stellenweise. Und zwar deshalb, weil die Nachfrage mancherorts das Angebot übersteigt. So häuften sich zuletzt Berichte von Menschen, die bei Impfaktionen zunächst leer ausgingen. Auch bei den Ärztinnen und Ärzten spitze sich die Lage in einzelnen Regionen zu, teilte ein Sprecher des Hausärzteverbands auf Anfrage mit. Was der Ärzteschaft zusätzlich zu schaffen macht, ist der weiter hohe Aufwand für die Impfungen und die Dokumentation. Da es für Corona-Impfstoffe noch keine Fertigspritzen gibt, muss jede Impfdosis einzeln aufgezogen werden. Die Impfstoff-Lieferungen für die Praxen waren zudem bislang nur alle zwei Wochen möglich, was die Planung erschwerte.

Wo kann nachgebessert werden?

Als wichtig erachten Expertinnen und Experten, das Impfen niedrigschwellig zu gestalten. Das bedeutet, die Spritzen müssen ohne großartige Hürden an Impfwillige gelangen. Auch deshalb hat die Landesregierung nun bei den mobilen Impfteams nachgeschärft. Die 155 Teams im Land kommen an sogenannten "Impfstützpunkten" zum Einsatz. Das sind zum Beispiel Einkaufszentren. Auch die Impfstoff-Lieferungen für die Praxen soll es künftig wöchentlich geben und so schnellere Impfungen möglich machen.

Wird das reichen?

Das ist schwer abzusehen. Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt weiter deutlich an und erreichte zuletzt mehrfach neue Höchstwerte in dieser Pandemie. Auch die Intensivbettenbelegung mit Covid-Patientinnen und -Patienten bewegt sich weiter auf die Schwelle von 390 zu, ab der die Corona-"Alarmstufe" droht. Von einer Herdenimmunität - einer ausreichend breiten Immunisierung der Bevölkerung - sei man noch meilenweit entfernt, teilte Gesundheitsminister Lucha am Freitag mit.

Wie hoch müsste die Impfquote sein?

Um die Ausbreitung des Coronavirus trotz der Aufhebung aller Kontaktbeschränkungen zu stoppen, müsste die Impfquote in der Bevölkerung auf 90 Prozent steigen. Dies ergab eine Studie im Auftrag des Gesundheitsministeriums. Derzeit beträgt der Anteil der vollständig gegen Corona Geimpften in Baden-Württemberg 65,5 Prozent, 67,1 Prozent sind einmal geimpft (Stand 12.11.). Der aktuelle Stand der Impfungen für Baden-Württemberg und Deutschland kann unter dem Impfdashboard abgerufen werden.

Was sagen Expertinnen und Experten?

Manche bezweifeln, dass man der vierten Corona-Welle nun allein durch breit angelegte Impfungen beikommt. Der Virologe Christian Drosten sieht Deutschland wegen der sich zuspitzenden Corona-Lage in einer "Notfallsituation". Er spricht sich dafür aus, neue Kontaktbeschränkungen zu erwägen. "Wir müssen jetzt sofort etwas machen", sagte der Leiter der Virologie in der Berliner Charité am Dienstag im NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update".

"Der vierten Welle kommen wir nun nicht mehr durch Impfungen bei", hatte Jan Liese, Leiter der Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Tübingen, kürzlich dem SWR gesagt. Dafür dauere es zu lange, alle Ungeimpften zu immunisieren. Trotzdem müssten alle Möglichkeiten der Impfung genutzt werden, hatte Liese gesagt.

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SWR