Oberarzt untersucht einen Patienten auf einer Covid 19 Intensivstation. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Bodo Schackow; Montage: SWR)

Intensivmediziner Christian Karagiannidis im Interview

Corona-Impfdurchbrüche: Warum sie passieren und welche Rolle die dritte Impfung spielt

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Baden-Württemberg startet im September die sogenannten Booster-Impfungen. Warum vereinzelt auch Geimpfte im Krankenhaus landen und welche Rolle eine Drittimpfung spielt, erklärt Intensivmediziner Christian Karagiannidis.

Seit einiger Zeit gibt es immer wieder Meldungen, dass gegen Corona Geimpfte im Krankenhaus landen und manchmal sogar auf der Intensivstation. Woran das liegt und welche Rolle Drittimpfungen spielen, mit denen Baden-Württemberg am 1. September starten will, erklärt der Kölner Intensivmediziner Christian Karagiannidis von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) im Interview.

SWR: Herr Karagiannidis, geimpft und doch mit schwerem Krankheitsverlauf auf der Intensivstation - wie geht das?

Christian Karagiannidis: Man muss vorweg sagen, wir haben wirklich nur einzelne Fälle im Moment, die geimpft sind und dann auf der Intensiv-Station landen mit einem schweren Covid-Verlauf. Es sind meistens Patienten, die eine Dämpfung des Immunsystems haben, zum Beispiel durch Medikamente. Das kennt man von Rheuma-Erkrankungen, bei denen die Impfung dann insgesamt einfach nicht so gut angesprochen hat. Das sind im Moment die einzigen Fälle, die wir sehen.

Betrifft das eher ältere oder eher jüngere Patientinnen und Patienten?

Wir sehen jetzt schon in den Daten, dass ganz alte Patienten den Immunschutz schneller verlieren als jüngere Patienten. Aus Frankreich gibt es einzelne Berichte, dass besonders alte Patienten dort auf Intensivstationen liegen. Bei uns sind es dann wirklich die Patienten, die eine Immunsuppression [Beeinträchtigung des Immunsystems, Anm. d. Red.] haben und dann trotz einer zweifachen Impfung auf der Intensivstation landen.

Haben sich diese Menschen zumeist mit der Delta-Variante angesteckt?

Wir haben bei dem, was uns gemeldet wird, fast ausschließlich die Delta-Variante bei unseren Patienten. Alles andere kommt so gut wie nicht vor.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für den weiteren Verlauf der Impfkampagne?

Zwei wichtige Nachrichten: Fast alle Geimpften sind extrem gut geschützt vor einem schweren, intensivpflichtigen Verlauf. Das ist die allerwichtigste Botschaft. Die zweite Botschaft ist aber auch: Wenn ein Patient eine Immunsuppression hat, zum Beispiel bei Rheuma oder nach einer Transplantation von Organen, dann ist es ganz wichtig, dass wir mit einer Booster-Impfung das Immunsystem dazu bringen, nochmal mehr zu produzieren.

Falls ein Patient, der schon geimpft ist, trotzdem positiv ist, sollte man vielleicht auch bei Allgemeinmedizinern noch mal ins Bewusstsein rücken, das wir mit der passiven Immunisierung mit monoklonalen Antikörpern sehr frühzeitig ein Medikament geben können, das auch einen schweren Verlauf verhindern kann, selbst wenn man positiv und geimpft ist.

Ist es für die Herdenimmunität jetzt wichtig, dass alle die Zweitimpfung haben, oder ist es wichtig, dass auch die Drittimpfungen schon anfangen?

Ich glaube, wir können gut mit der Drittimpfung anfangen, weil die Zahl der Patienten, die eine schwere Immunsuppression haben oder die sehr alt sind, nicht so hoch ist, als dass sie die Zweitimpfungen in irgendeiner Form blockieren würden.

Bedeutet eine solche dritte Impfung auch ein Risiko in einem ohnehin schon geschwächten Organismus?

Aus den Daten, die wir bisher gesehen haben, hat man kein Signal ableiten können, dass man zu stark reagiert oder dass man in Sorge sein muss, durch die Drittimpfung eine zusätzlichen Impfschaden zu erleiden.

Impfgegner würden sagen, diese schweren Verläufe trotz Impfung sind der Beweis, dass die Impfung einfach nicht wirkt. Was ist Ihr Argument dagegen?

Mein Argument ist ganz klar, dass es eine absolute Minderheit ist von Patienten, die einen schweren Verlauf erleidet. Selbst wenn wir damit kalkulieren, dass ungefähr zehn Prozent, vielleicht fünfzehn Prozent irgendwann dann doch mal Corona-positiv ist, dann hat von denen nur ein Bruchteil ein Risiko, auf der Intensivstation zu landen. Das ist so viel geringer als für jemanden, der ungeimpft ist. Deshalb kann ich nur dringend dazu raten, sich Impfen zu lassen. Wir kommen daran nicht mehr vorbei. Die Delta-Variante ist so infektiös, dass wir entweder geimpft sind, oder irgendwann diese Infektion erleiden.

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