Ärger über die Politik

Schüler und Lehrkräfte in BW fühlen sich während Corona allein gelassen

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Rund 1.000 Klassen befinden sich in Baden-Württemberg derzeit in Quarantäne. Geht es nach der Politik, sollen Lehrkräfte verstärkt selbst entscheiden. Das sorgt für Ärger.

2,42 Prozent der Schülerinnen und Schüler (Stand Mittwoch, 2.2.22) befinden sich momentan in Quarantäne. Für Tausende von Kindern bedeutet das wieder: Unterrichtsausfall und Online-Unterricht. Und vor allem: Ackern, um die Prüfungen trotzdem zu schaffen. Damit wächst erneut der Druck auf Lehrkräfte, aber vor allem auch auf die Schülerinnen und Schüler.

"Natürlich ist der Druck von allen Seiten vorhanden, auch durch die steigenden Infektionsgefahren. Viele Kinder und Jugendliche werden auch unruhiger und haben Angst davor, sich selber anzustecken oder davor, was mit ihnen passiert, wenn sie sich anstecken oder wenn sie die Infektion nach Hause tragen", so Monika Stein, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), im Gespräch mit dem SWR.

Monika Stein GEW zu Corona-Schnelltests an Schulen Mannheim (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Monika Stein, Landeschefin der GEW Baden-Württemberg Picture Alliance

GEW-Vorsitzende beklagt mangelnde Information

Es sei außerdem auch für die Lehrkräfte total schwierig, wenn in Klassen Kinder in Quarantäne oder Kinder und andere in der Schule seien. Das sei schwierig unter einen Hut zu bekommen, so Stein. "Es ist kein Regelunterricht möglich, wenn ein Teil der Klasse für ein, zwei Wochen nicht in der Schule ist", so Stein. Viele Lehrkräfte und auch die GEW als Vertretung der Lehrkräfte hätten das Gefühl, dass die Politik die Schulen, die Lehrkräfte doch deutlich alleine lasse. "Wir wünschen uns seit eineinhalb Jahren eine Ausstattung der Schulen und Kitas mit Luftreinigungsgeräten. Dass dies an Geld gescheitert ist und mit vorgeschobenen Argumenten weggeschoben wurde, ist wirklich ein Armutszeugnis für unser Land", kritisiert Stein.

Die Präsenz an Schulen werde die ganze Zeit hochgehalten in den Sonntagsreden der Politik. "Gleichzeitig wird sehr wenig dafür getan, dass sie dort wirklich sicher sein können." Dem stimmt auch Elisabeth Schilli, Pressesprecherin des Landesschülerbeirats Baden-Württemberg, zu. "Bei den Luftfilteranlagen gibt es auf jeden Fall noch Ausbaumöglichkeiten. Auch flächendeckende PCR-Pooltests wären hilfreich oder die Bereitstellung von FFP2-Masken für Schüler, die freiwillig eine tragen wollen", betont Schilli im Gespräch mit dem SWR.

Quarantäne-Verantwortung bei den Schulleitungen

Dass der Großteil der Infektionen in den Schulen stattfinde, bestätigte der Virologe Christian Drosten im Coronavirus-Update von NDR Info. "Wir haben ganz eindeutig den Befund in Deutschland, dass die Übertragungsnetzwerke im Moment aus dem Schulbetrieb gespeist werden", sagte er. Auch die Gesundheitsämter sind überlastet wegen der Ausbreitung der Omikron-Virusvariante. Das baden-württembergische Kultusministerium hat sich deshalb für eine flexible Entscheidungsfreiheit über Quarantäneregeln für die Schulleitungen entschieden. "Eigentlich ist es so, dass die Schulleitungen das relativ selbstständig entscheiden können."

Theresa Schopper (Grünen), Kultusministerin von Baden-Württemberg, aufgenommen in ihrem Ministerium in Stuttgart. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Bernd Weißbrod)
Theresa Schopper (Grüne), Kultusministerin von Baden-Württemberg picture alliance/dpa | Bernd Weißbrod

Die bisherige Abstimmung mit dem Gesundheitsamt soll demnach entfallen. Bisher mussten sich die Schulleitungen mit den Gesundheitsämtern absprechen, wenn 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler infiziert sind, ob die Klasse in den Fernunterricht wechselt. Zwar bleibe 20 Prozent der ungefähre Richtwert, sagte Schopper. Aber auch hier könnten die Schulleitungen selbst einschätzen, ob es sinnvoll sei, etwas früher oder erst später mit der Klasse in Quarantäne zu gehen. Die Meldepflicht der Schulen zu den Corona-Fällen bleibe aber bestehen.

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Wut auf die Landesregierung

"Es ist ehrlich gesagt ein Armutszeugnis, das die Landesregierung jetzt beschlossen hat, dass Klassen, in denen über 20 Prozent der Kinder infiziert sind, nicht mehr in Klassenquarantäne gehen werden", so Stein. Die Gesundheitsämter seien, wie man wisse, hoffnungslos überlastet. "Von daher ist es aus der Sicht der Gesundheitsämter eine logische Folgerung, dass die Klassenquarantäne jetzt nicht mehr stattfinden wird." Für die Schulleitungen bedeute es zudem eine deutliche Entlastung von organisatorischem Aufwand.

"Ich bin aber ehrlich gesagt ziemlich sauer, dass die Landesregierung sich da nicht mit uns in Verbindung gesetzt hat, weder im Vorhinein, um zu besprechen, ob das eine gute oder schlechte Idee ist, noch, um uns zu informieren, dass das jetzt umgesetzt wird", sagt Stein. Sie habe über Twitter davon erfahren, fügt sie hinzu. Die Quarantäne-Entscheidung in die Hände der Lehrkräfte und Schulleitung zu legen, sei "nur sehr schwer zumutbar", so Schilli. Wenn man die ganze Klasse in den Online-Unterricht schicke, dann riskiere man einerseits psychische Auswirkungen oder dass Kinder auf der Strecke blieben, sagt Schilli. "Auf der anderen Seite riskiert man noch mehr Infektionen in der Klasse."

"Wir finden Live-Streams sind eine gute Lösung. Wir können ja Fußball und alles mögliche nach Hause streamen. Warum nicht auch die Schule?"

Landesschülerbeirat BW ist gegen Schuldzuweisungen

Es gebe nicht wirklich die eine richtige Entscheidung, daher könne man niemandem die Schuld in die Schuhe schieben, so Schilli. "Man muss abwägen. Auf der einen Seite haben wir rund 1.000 Klassen in Quarantäne. Wir haben Klassen, die gar keinen Präsenzunterricht mehr haben, weil sie immer wieder in Quarantäne wandern. Von dem Standpunkt aus können wir verstehen, dass die Klassen-Quarantäneregelung aufgehoben wurde. Weil das dann letztendlich doch wieder zum Online-Unterricht führt", sagt Schilli.

Auf der anderen Seite breite sich die Omikron-Variante wahnsinnig schnell aus und es gebe wahnsinnig viele Fälle an den Schulen. "Bei der Präsenzpflicht, die noch besteht, gibt es auch Leute, die zurecht sagen: es ist mir momentan zu gefährlich in die Schule zu gehen. Daher sind beide Standpunkte sehr verständlich", so Schilli.

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Gänzlicher Wegfall des Präsenzunterrichts wäre "unfair"

Schilli betont zudem, dass noch viel mehr getan werden könne. "Wir finden Live-Streams sind eine gute Lösung. Wir können ja Fußball und alles mögliche nach Hause streamen. Warum nicht auch die Schule?", kritisiert Schilli. Am Ende müsse man sich in der momentanen Situation immer wieder auf Solidarität berufen. "Es ist für uns alle schwer. Jeder weiß, dass diese Situation noch immer eine Ausnahmesituation ist. Und da muss man einfach deutlich mehr Flexibilität zeigen."

Einen kompletten Wechsel in den Online-Unterricht fände sie unfair, betont Schilli. "Vor allem während man noch ohne Maske in der Bar sitzen kann. Teilweise auch auf engem Raum. Das wäre unverhältnismäßig. Da wären Kinder und Jugendliche wieder die Leidttragenden." So weit sei man aber zum Glück noch nicht.

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