ARCHIV - Hugo Kleine telefoniert am 22.03.2012 während seiner Arbeit am Empfang einer Behörde in Kiel. Laut einer aktuellen Umfrage schaffen Beschäftigte über 50 ihre Arbeit entspannter als die meisten jüngeren.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Christian Charisius)

Arbeitsmarktdaten zeigen einen klaren Trend

Arbeiten trotz Ruhestand: Immer mehr Rentner in Baden-Württemberg haben einen Job

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Marc-Julien Heinsch
SWR-Redakteur Marc-Julien Heinsch Autor Bild (Foto: David-Pierce Brill)

Seit Jahren steigt die Zahl der Menschen über 65 Jahre, die trotz Altersrente arbeiten. Ob im Minijob oder als Selbstständige - warum immer mehr Rentner in BW weiter arbeiten.

In Baden-Württemberg arbeiten immer mehr Menschen im Rentenalter. Rund 63.400 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte waren laut Bundesagentur für Arbeit 2021 65 Jahre alt oder älter - ein Anstieg um neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die weit größere Zahl an Menschen im Land, die mit über 65 Jahren noch arbeitet, hat einen Minijob: 2021 waren das rund 170.800.

Die Sozialwissenschaftler Gerhard Bäcker, 75, und Martin Brussig, 54, erforschen am Institut Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen die Situation von Rentnerinnen und Rentnern, die trotz Ruhestand einer Arbeit nachgehen. Sie berichten: Seit über zehn Jahren zeige sich nun schon ein Anstieg bei der Erwerbstätigkeit im Alter in Deutschland. Das betreffe das Vorrentenalter zwischen 55 und 64 Jahren, aber auch die Jahre danach. "Im Jahr 2000 gingen von den Über-65-Jährigen in Deutschland noch 2,6 Prozent einer Erwerbstätigkeit nach - 2020 liegt ihr Anteil bei 7,8 Prozent. "Die Quote hat sich in Prozentpunkten also fast verdreifacht", erklärt Bäcker.

Ältere Beschäftigte gegen den Fachkräftemangel?

Auch in Baden-Württemberg zeigt sich diese Entwicklung. Die Landeschefin der Techniker Krankenkasse (TK), Nadia Mussa, sagte jüngst: "Die Altersstruktur in den Belegschaften ändert sich langsam, aber stetig. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der Arbeitnehmer ab 65 Jahren um 66 Prozent vergrößert." Die Wirtschaft begrüßt diesen Trend. "Wir freuen uns über jede Fachkraft, die weiter arbeiten will", heißt es bei der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart (IHK). Es müssten Anreize gesetzt werden, dass Menschen länger im Beruf blieben. 

Der demografische Wandel führe dazu, dass die Belegschaften deutlich älter würden. So berechnet der IHK-Fachkräftemonitor einen Anstieg des Durchschnittsalters der Beschäftigten im Land von 45,2 im Jahr 2021 auf 49 Jahre im Jahr 2035. Demnach werden der Wirtschaft in Baden-Württemberg bis dahin 863.000 Fachkräfte fehlen. Fast jede vierte Stelle werde unbesetzt bleiben, prognostiziert die IHK.

Hochqualifizierte Männer arbeiten besonders häufig weiter

Eine Gruppe, die bereits heute besonders häufig über den Ruhestand hinaus weiter arbeitet, könnte auch in Zukunft dem Fachkräftemangel entgegenwirken: Hochqualifizierte Männer in Westdeutschland über 65 Jahre. Von ihnen arbeiten zwischen 15 und 20 Prozent trotz Ruhestand, erklärt Sozialwissenschaftler Bäcker. Als 75-jähriger emeritierter Professor, der weiter Vorträge hält und in der Forschung aktiv ist, gehört Bäcker selbst zu dieser Gruppe.

Auch in der Wirtschaft, bei Unternehmen wie Bosch, der Deutschen Bahn oder der Deutschen Bank, gibt es die sogenannten Senior Experts. Also Mitarbeitende mit langjähriger Erfahrung und Fachwissen, die im Ruhestand flexibel und mit weniger zeitlichem Aufwand weiter beratend für das Unternehmen tätig werden. Das Mannheimer Unternehmen Automotive Senior Experts (ASE) hat die Vermittlung dieser Ruheständler gleich ganz zu seinem Geschäftsmodell gemacht. Mit Niederlassungen in Paris, Shanghai und Michigan vermittelt ASE mittlerweile "leistungsstarke Wissensträger" - also Rentner mit reichlich Berufserfahrung in der Automobilbranche.

Aber was ist mit Fachkräften, deren Job im hohen Alter kaum noch zu machen ist? Der Leiter eines Pflegedienstes in Baden-Württemberg schreibt: Pflegekräfte schafften es häufig nicht, bis zur Rente aktiv in der Pflege zu arbeiten, geschweige denn über das Rentenalter hinaus.

Forscher: Nur ein kleiner Teil der arbeitenden Rentner lebt an der Armutsgrenze

Und wie steht es um die weniger gut Qualifizierten, die in ihrem Arbeitsleben vielleicht auch mal längere Zeit arbeitslos waren, in Teilzeit oder in Minijobs gearbeitet haben? Teilt sich der Arbeitsmarkt für Rentnerinnen und Rentner in zwei Extreme? Stehen hochqualifizierte sogenannte Senior Experts, die in Beraterjobs weiter gut verdienen, auf der einen und Menschen, die ihre geringe Rente durch Minijobs aufbessern, auf der anderen Seite? Nein, sagen die Arbeitsmarktforscher Bäcker und Brussig. Ungefähr ein Viertel aller Menschen in Deutschland, die geringfügig beschäftigt sind, sei zwar über 65 Jahre alt, das bedeute aber nicht, dass alle diese Menschen mit Minijobs gegen Altersarmut kämpften.

Ihre Forschung habe gezeigt, sagen Bäcker und Brussig, dass alte Menschen, die an der Armutsgrenze leben, nur einen kleinen Teil der Rentnerinnen und Rentner mit Job ausmachten. Denn: Wer beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen eine niedrige Erwerbsminderungsrente bezieht, wer Teilzeit gearbeitet hat oder längere Zeit arbeitslos war, der gehe nicht plötzlich im hohen Alter einer Arbeit nach. Und: Renterinnen und Rentner mit geringen beruflichen Qualifikationen haben es auch im Ruhestand schwer, einen Job zu finden. "Es gibt keine Polarisierung, sondern eher ein Kontinuum, das von einem kleinen Minijob bis zur gut bezahlten selbstständigen Expertentätigkeit reicht", sagt Bäcker.

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Dennoch: Der größte Teil der Über-65-Jährigen mit Job, gehen einer geringfügigen Beschäftigung nach. In einem Bericht des Instituts für Arbeitsmarktforschung von 2019 heißt es: "Auf der einen Seite arbeiten besser ausgebildete Beschäftigte häufiger weiter und auch öfter für denselben Arbeitgeber. Sie werden auf dem Arbeitsmarkt noch gebraucht." Auf der anderen Seite zeigte sich: Wer zwischen 50 Jahren und Renteneintrittsalter besonders wenig verdient hat - also zum Beispiel in einem Minijob gearbeitet hat - arbeite im Rentenalter deutlich häufiger weiter.

Vielfältige Gründe für Arbeit trotz Ruhestand

Die Gründe, trotz Rente eine Arbeit mit wenig Zeitaufwand und keinem großen Verdienst anzunehmen, seien vielfältig - finanzielle Not könne ein Grund sein, der "große Treiber" hinter dem Trend zur Arbeit im Ruhestand sei sie aber nicht, erklärt Brussig. Heute gebe es viele Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt für Über-65-Jährige. Gerade erfahrene Fachkräfte seien mit ihrem Wissen weiter gefragt. Wer als "mittel- oder hochqualifizierter" Arbeitnehmer etwas hinzuverdienen wolle - sei es, weil die Rente gering ist, sei es, um sich eine große Reise zu finanzieren -, der finde heute auch eine Arbeit. "Aber es wäre falsch, nur von finanziellen Motiven zu sprechen", so Bäcker.

Die Duisburger Forscher Bäcker und Brussig haben Rentnerinnen und Rentner gefragt, warum sie arbeiten gehen. Heraus kam etwa, dass Ruheständler in ihren Jobs Möglichkeiten sahen, etwas Sinnvolles zu tun. Sie schätzten die sozialen Kontakte und zogen generell einen Wert für sich daraus, weiter einer Arbeit nachgehen zu können. Auch der demografische Wandel spiele eine Rolle - wer länger gesund sei, wolle häufig auch länger arbeiten. Gleichzeitig, betont Bäcker, sei der möglichst frühe Renteneinstieg - der abschlagsfreie Vorruhestand mit 63 - sehr beliebt. "Die Menschen wollen nicht länger arbeiten müssen, aber einige wollen gerne länger arbeiten können - auf eine andere Art und Weise." Das sei kein Widerspruch, sondern die andere Seite derselben Medaille, so der 75-Jährige.

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