Menschen halten Regenbogenflaggen hoch

Für mehr Akzeptanz von Vielfalt

IDAHOBIT in BW: Zwei Opfer queerfeindlicher Angriffe erzählen

Stand
Autor/in
Susanne Babila
Onlinefassung
Bianca Brien

In Baden-Württemberg wird am Mittwoch auf den Tag gegen die Queerfeindlichkeit aufmerksam gemacht. Zwei junge Männer aus Stuttgart sind selbst Opfer geworden und erzählen ihre Geschichte.

Am 17. Mai wird mit dem IDAHOBIT, dem Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie, mit vielfältigen Aktionen auf Queerfeindlichkeit aufmerksam gemacht. Auch in Baden-Württemberg kommt es regelmäßig zu queerfeindlichen Angriffen - bundesweit sind es durchschnittlich zwei Übergriffe pro Tag. Das zeigt eine Statistik des Bundesinnenministeriums. Verbände wie der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) und auch die Polizei gehen davon aus, dass die Dunkelziffer bei bis zu 90 Prozent liegt.

Viele Übergriffe stehen im Zusammenhang mit Paraden am Gedenktag Christopher Street Day (CSD). Auch zwei junge Männer, die vor einem Jahr die Parade in Stuttgart besucht haben, erlebten Anfeindungen und Gewalt. Unsere Redakteurin aus der Fachredaktion Religion, Migration und Gesellschaft, Susanne Babila, hat mit ihnen gesprochen.

CSD 2022 in Stuttgart endet mit verbalen und körperlichen Angriff

Vor einem Jahr, nach dem Christopher Street Day in Stuttgart, waren Paul und Moritz - wir nennen sie so, weil sie anonym bleiben wollen - auf dem Heimweg und warteten auf den Bus. Sie trugen Regenbogenfahnen, waren gut gelaunt. Nach kurzer Zeit wurden sie im Bahnhof von einem Mann mittleren Alters und einer jungen Frau angepöbelt und beschimpft, erzählt Paul. 

"Beim Aussteigen haben sie uns dann zusammengeschlagen. Es war beängstigend. Ich fand es erschreckend, dass wir zwar Leute hatten, die uns geholfen haben, aber der ganze Bus voll war und sich ansonsten niemand darum gekümmert hatte, obwohl wir bereits im Bus schon verbal attackiert wurden."

Die Täter fliehen, als die Polizei kommt

Moritz erinnert sich noch ziemlich genau an den brutalen Angriff. Als er aus dem Bus ausstieg und weglaufen wollte, holte ihn der männliche Täter ein: "Ich habe einen Schlag aufs rechte Ohr bekommen, bin zu Boden gegangen. Aber was danach geschah, weiß ich auch nicht mehr genau. Bei Paul weiß ich noch, dass sie ihn an den Haaren auf den Boden gezogen haben."

Als die Polizei kam, flohen die Täter. Später stellte sich heraus, dass die brutalen Angreifer ein Ehepaar sind. Die beiden Opfer wurden in die Klinik gebracht. Paul ist 17 Jahre alt und Schüler. Sein Freund Moritz ein Jahr älter und in Ausbildung. Die körperlichen Wunden sind verheilt, aber nicht die seelischen, sagt er.

"Die Täter hat gestört, dass wir nicht in ihr Weltbild passen"

"Zum einen wurden wir als 'Scheißschwuchteln' diffamiert und bedroht. Die Angreifer schrien 'Wir wissen, wo ihr wohnt' und immer wieder 'Ihr seid schuld' und 'Ihr wisst genau, was los ist'. Das ging offensichtlich gegen unsere Identität und dagegen, dass wir für unsere Rechte auf die Straße gehen." Denn es könne auch in Deutschland gefährlich sein, im öffentlichen Raum als schwul, lesbisch, trans-, bi- oder intersexuell erkannt oder dafür gehalten zu werden.

"Ausschlaggebend war bestimmt, dass wir auffällig waren, weil wir vom Christopher Street Day kamen. Ich hatte einen Regenbogenbeutel dabei, meine Schuhe sind in den Regenbogenfarben, ich hatte ein Regenbogenfähnchen. Ich war dementsprechend bunt gekleidet. Das scheint die Täter derart gestört zu haben, weil das nicht in ihr Weltbild passt. Deshalb haben sie uns angegriffen."

Opfer von queeren Attacken sind oft traumatisiert

Allein im vergangenen Jahr wurden über 1.000 queerfeindliche Straftaten polizeilich erfasst, darunter war jede vierte ein Gewaltverbrechen. Doch die Dunkelziffer ist weit höher und die Gewalt gegen queere Menschen nimmt zu. "Ganz klar ist, dass aus dem rechtsradikalen Spektrum immer wieder die Angriffe auch verbal gegen die queere Community kommen. Trans-Menschen sind ganz besonders ihr Motiv. Es wird ganz gezielt ein Hassklima als Propagandamittel aufgebaut", sagt Paul.

Die Folgen für die Opfer sind dramatisch. Viele sind traumatisiert. Lange Zeit konnten Paul und Moritz keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und trauten sich im Dunkeln nicht auf die Straße. Paul ist seit dem Angriff in Therapie. Freunde und Eltern helfen beiden das Erlebte zu verarbeiten. Zwar wurde das Täterpaar gefasst und vor Gericht gestellt, doch für die Opfer bleibt das Trauma.

Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt stärken

"Wenn ich daran denke, bekomme ich meistens Kopf- oder Ohrenschmerzen. Ja, die Psyche leidet da einfach noch darunter", so Moritz und Paul erzählt von seiner "Angst, die dadurch geblieben ist und das Vertrauen, das man verloren hat, weil man in der Öffentlichkeit nicht sicher sein kann und nicht sein kann, wer man ist."

Um Opfer queerfeindlicher Angriffe besser zu schützen und die Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt zu stärken, beschloss das Bundeskabinett einen bundesweiten Aktionsplan. Um auf ähnliche Situationen aufmerksam zu machen, finden zum Tag gegen Queerfeindlichkeit vielerorts Veranstaltungen statt.

Stuttgart

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SWR4 BW am Morgen SWR4 Baden-Württemberg

IDAHOBIT-Veranstaltungen in BW

Ab 14 Uhr haben die Veranstaltungen zum IDAHOBIT in Stuttgart auf dem Marktplatz begonnen. Hier gibt es Infoständen, Redebeiträgen und einer Spielstation für Kinder. Am Mittwochnachmittag soll die Hauptkundgebung stattfinden.

Zum siebten Mal ist das Queere Netzwerk Heidelberg in der Hauptstraße in Heidelberg im Anatomie-Garten mit Infoständen, Mitmach-Aktionen und Musik- und Redebeiträgen vertreten. Danach geht es in der Südstadt auf dem Marlene-Dietrich-Platz weiter. Dort ist eine Open-Air-Bühne aufgebaut. "Der Tag heute ist wichtig, weil Gewalt gegen Queere noch heute unser Alltag ist und wir darauf aufmerksam machen wollen, in der Hoffnung und mit dem Ziel, dass das irgendwann in der Vergangenheit ist", sagt Jen Bihr vom Queeren Netzwerk Heidelberg.

In Mannheim ist zur öffentliche Kundgebung ab 17 Uhr am Paradeplatz eine Menschenkette mit Fahnen, Schals und Plakaten geplant. Im Queeren Zentrum Mannheim (QZM) gibt es außerdem am Mittwochabend eine Gesprächsrunde mit den Mannheimer Bundestagsabgeordneten Gökay Akbulut (Die Linke), Isabell Cardematori (SPD) und Melis Sekmen (Grüne).

Auf dem Münsterplatz in Ulm können am Mittwochnachmittag Stände besucht werden. Die Kundgebung beginnt um 18 Uhr. Mit Kreide soll der Münsterplatz gemeinsam bunt gefärbt werden.

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