Anlagen einer Erdgasverdichterstation nahe der deutsch-polnischen Grenze mit vorwiegend russischem Erdgas. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Patrick Pleul; Montage: SWR)

Abhängigkeit von russischer Energie

Hohe Energiepreise durch Ukraine-Krieg: Energieexperte rät von Steuersenkung auf Spritpreis ab

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Was kann die Politik tun, um die Bürger bei den steigenden Energiepreisen zu entlasten? Energieexperte Amadeus Bach von der Uni Mannheim warnt im SWR-Interview vor Fehlanreizen.

Amadeus Bach ist Ökonom und forscht aktuell zu den Herausforderungen und Innovationsmöglichkeiten, die sich aus einem Wechsel zu einer Zukunft mit nachhaltiger Energieversorgung ergeben. Seit Dezember arbeitet er am Mannheim Institute for Sustainable Energy Studies (MISES). Zuvor hat er seinen Doktor an der Fakultät für Betriebswirtschaftslehre der Universität Mannheim absolviert.

SWR: Die hohen Benzin- und Dieselpreise sorgen bei vielen Autofahrerinnen und Autofahrern für Ärger. Gleichzeitig wissen Bus- oder Taxiunternehmen nicht, wie sie die hohen Spritpreise finanzieren sollen. Fänden Sie es sinnvoll, wenn der Bund die Steuern auf den Spritpreis senkt?

Amadeus Bach: Steuersenkungen beim Benzin- oder Dieselpreis sehe ich unter anderem aus ökologischer Sicht kritisch. Wird der Spritpreis reduziert, steigt dadurch die Nachfrage. Das bedeutet, dass mehr Rohöl importiert werden muss. Und genau das wollen wir ja nicht. Unser Ziel sollte es sein, die Abhängigkeit von Ölimporten aus Russland zu reduzieren.

Den Spritpreis zu senken, wäre für mich zudem ein klarer Fehlanreiz - davon rate ich ab. Aus geopolitischer Sicht haben wir außerdem das Interesse, den Verbrauch zu verringern. Verbraucher sollten vielmehr auf anderen Wegen entlastet werden.

Wie könnte die baden-württembergische Landesregierung die Verbraucherinnen und Verbraucher entlasten?

Die Landesregierung könnte gezielte Anreize setzen, dass die Menschen verstärkt den Öffentlichen Personennahverkehr nutzen - zum Beispiel durch eine Subventionierung des Ticketpreises. Im Fernverkehr der Deutschen Bahn werden zum Beispiel erneuerbare Energien verwendet, das ist also auch gut für die Umwelt.

Eine weitere Möglichkeit wäre, Anreize zu schaffen, dass die Menschen mit dem Fahrrad oder dem Elektroroller zur Arbeit fahren. Oder natürlich ganz auf Elektromobilität umsteigen. Das wäre alles besser fürs Klima und die geopolitische Situation.

Amadeus Bach, Energieexperte der Universität Mannheim (Foto: SWR, Foto: privat)
Der Energieexperte Amadeus Bach warnt vor Fehlanreizen: Statt Steuersenkung auf Spritpreise bevorzugt er gezielte Entlastungen für besonders betroffene Bürger sowie Anreize für den Nahverkehr. Foto: privat

Weiter könnte die Bundespolitik Bevölkerungsgruppen, die von den hohen Preisen an Tankstellen besonders betroffen sind, gezielt entlasten. Zum Beispiel durch Steuerfreibeträge oder eine höhere Pendlerpauschale.

Sie haben den Umstieg auf Elektromobilität angesprochen. Das ist aber sehr teuer.

Das ist richtig, das kann sich aktuell noch nicht jeder leisten. Allerdings ist es trotz höherem Kaufpreis bei der Anschaffung auf den Kilometer heruntergerechnet in vielen Fällen günstiger, elektrisch zu fahren. Langfristig gesehen rechnet es sich vielmals - trotz steigender Strompreise.

Was können die Bürgerinnen und Bürger selbst tun?

Zum einen können sie auf das Fahrrad oder den Nahverkehr umsteigen. Falls sie es sich leisten können, ein Elektrofahrrad oder Elektroauto zu kaufen, ist das ökologisch und geopolitisch sinnvoll. Ebenso wäre es besser, wenn die Menschen mit der Bahn in den Urlaub fahren, statt das Flugzeug zu nehmen. Natürlich ist dies jedoch nicht für alle Personen umsetzbar aufgrund individueller Gegebenheiten und Restriktionen.

Eine weitere Möglichkeit wäre es, die Raumtemperatur in der eigenen Wohnung zu senken. Die Internationale Energieagentur hat ausgerechnet, dass Europa zehn Milliarden Kubikmeter weniger Gas aus Russland braucht, wenn alle Europäer zu Hause die Temperatur um ein Grad senken würden. Das sind mehr als sechs Prozent des jährlichen Bedarfs aus Russland. Diese hohe Zahl hat mich überrascht.

Für Hausbesitzer ist es sicher auch ratsam, über Wärmedämmung, Solaranlagen oder Wärmepumpen nachzudenken. Auf lange Sicht kann sich das durchaus lohnen.

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Warum steigen die Energiepreise eigentlich so sehr, obwohl wir derzeit noch ausreichend Gas und Öl erhalten?

Das liegt daran, dass die Börse sozusagen die Zukunft handelt. Wir bekommen viel Gas und Öl aus Russland und sind damit sehr abhängig. Gerade ist die Situation unsicher, weil wir nicht wissen, was passieren wird. Und diese Unsicherheit führt dazu, dass die Preise an der Börse steigen.

Was würde passieren, wenn Russland uns von einem Tag auf den anderen den Gashahn zudreht und auch kein Öl mehr liefert?

Kurzfristig würde es erst einmal keine Notlage in Deutschland verursachen - außer höheren Preisen. Der deutsche Gasspeicher ist noch ausreichend gefüllt, so dass wir bis zum Sommer relativ sicher heizen können. Öl können wir auf dem Weltmarkt einkaufen, auch wenn die zugespitzte politische Lage wohl zu höheren Preisen führt. Für den Winter müssten wir aber eine Lösung finden.

Es gibt immer wieder die Forderung, die deutschen Kohlekraft- und Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Was halten Sie davon?

Ich bin sehr zwiegespalten. Es ist eine geopolitische Entscheidung. Aus ökologischer Sicht ist die Antwort eindeutig: Die Kohle ist schlecht für das Klima. Ich finde es aber schwierig, die Frage als Individuum zu beantworten. Hier gilt es sicher, Klimawandel und Geopolitik unter einen Hut zu bekommen.

Die baden-württembergische Umweltministerin Thekla Walker und Verkehrsminister Winfried Hermann (beide Grüne) können sich autofreie Sonntage oder auch Tempolimits als Sparmaßnahme vorstellen. Würden Sie das begrüßen?

Natürlich sinkt der Verbrauch, wenn wir langsamer fahren. Ich bin aber kein Politiker. Ich denke, dass es gesellschaftlich schwer sein wird, das durchzubringen. Auch das Verbot von Sonntagsfahrten halte ich für schwierig. Manche müssen zur Arbeit fahren. Es wäre besser, die Menschen zu informieren, wie sie ihren Verbrauch senken können und entsprechende Anreize für Nahverkehr und Elektromobilität zu setzen.

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Biogas ist ein umstrittenes Thema. Natürlich ist es erst einmal ökologisch und außenpolitisch gut, in Deutschland Gas aus nachwachsenden Rohstoffen zu gewinnen. Es darf aber nicht so weit kommen, dass zu viele Agrarflächen für Biogas genutzt werden und zu wenige für die Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung stehen. Dann könnten die Preise für Nahrungsmittel steigen.

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Wie können wir in Deutschland von den russischen fossilen Energieträgern unabhängiger werden?

Grundsätzlich müssen wir uns immer den europäischen Markt ansehen - nicht nur Deutschland allein. Die Internationale Energieagentur hat einen Zehn-Punkte-Plan veröffentlicht, was wir tun können, um die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren.

Öl auf dem Weltmarkt von anderen Anbietern einzukaufen, ist verhältnismäßig einfach, da es in flüssiger Form verschifft wird. Bei Gas wird es schwieriger. Es gibt die Möglichkeit, das Gas zu verflüssigen, es heißt LNG (Liquefied Natural Gas also Verflüssigtes Erdgas, Anm. der Redaktion). Danach kann es mit dem Schiff transportiert werden. Anschließend muss es im Zielhafen in Terminals wieder in Gas umgewandelt werden.

Hier brauchen wir dringend weitere europäische Terminals. Natürlich sind die Kosten erst einmal da. Aber es gibt uns Flexibilität für verschiedene Szenarien in der Zukunft. Es ist sinnvoll, diese Kapazitäten aufzubauen zu unserer Sicherheit.

Wie können wir noch unsere Abhängigkeit von russischer Energie senken?

Wir müssen schnellstmöglich mit dem Ausbau der Solar- und Windenergie vorankommen. Zum einen brauchen wir schnellere Genehmigungsverfahren. Außerdem ist das Speichern der Energie noch zu teuer. Irgendwann wird es Lösungen dafür geben, das günstiger zu machen wie beispielsweise Lithium-Ionen-Speicherbatterien oder auch Wasserstoff. Genau das sollten wir jetzt verstärkt forcieren.

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