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Fünf Tage österliche Ruhe im Land, alle Läden zu, alle bleiben daheim, um niemanden anzustecken. So sah der Plan nach dem Corona-Gipfel aus, der am Mittwoch zurückgenommen wurde.

Das bestätigte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) im Landtag in Stuttgart. Der Vorstoß von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist laut Kretschmann daran gescheitert, dass es schwierig sei, den Gründonnerstag und Karsamstag als Ruhetage zu definieren. Das würde normalerweise über das Feiertagsgesetz funktionieren, aber nicht, wenn 16 Bundesländer beteiligt seien und das innerhalb von einer Woche umgesetzt werden müsste. Der Ministerpräsident entschuldigte sich bei der Bevölkerung "für das Hin und Her". Der Vorschlag sei beim Corona-Gipfel mitten in der Nacht spontan auf den Tisch gekommen und nicht gut vorbereitet gewesen.

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Kritik von allen Seiten

Ein Teil des Plans war die Bitte an die Kirchen, auf Präsenzgottesdienste zu Ostern zu verzichten. Die wehrten sich prompt. So verwies das Erzbistum Freiburg darauf, dass es seit einem Jahr funktionierende Hygienekonzepte in den Kirchen gebe. Von protestantischer Seite war aus Ulm zu hören, Kirchen seien auch an Weihnachten keine Hotspots gewesen. Und alle miteinander waren sehr überrascht von dieser Bitte aus Berlin.

Die Stadt Tübingen hatte offenbar Angst, ein Hotspot zu werden über Ostern. Denn in der "Modellstadt" sind derzeit alle Läden offen. Besucher müssen sich auf das Corona-Virus testen lassen, bevor sie bummeln dürfen. Wenn Deutschland dicht gemacht hätte, wären wohl viele nach Tübingen geströmt für einen Ostereinkauf. Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) wollte deshalb beantragen, den Modellversuch über Ostern auszusetzen. Ganz anders Ravensburg: Die Kreisstadt wäre gerne wie Tübingen "Modellstadt". Man habe dazu einen entsprechenden Antrag an das Land gestellt, heißt es in einer Mitteilung. Ob es auch klappt, sei offen.

"Der Teufel steckt im Detail."

Winfried Kretschmann (Grüne), Ministerpräsident Baden-Württemberg

Ein weiteres Problem, an das Merkel und ihre Gipfelrunde wohl nicht gedacht hatten, liegt in der Industrie. Gerade im Autoland Baden-Württemberg hatten viele massive Bedenken: angefangen von unterbrochenen Lieferketten über Betriebe wie Lackierereien, die nicht über Nacht stillgelegt werden können bis hin zu international arbeitenden Unternehmen wie Daimler oder Audi, bei denen - für andere Länder nicht nachvollziehbar - plötzlich ein Land mit allen Standorten für fünf Tage ausfällt.

Kretschmann erklärte am Mittwoch im Landtag, es hätte einfach zu viele Beeinträchtigungen gegeben. Der Teufel stecke eben im Detail, dieses Sprichwort habe sich bewahrheitet. Die Initiative zu der Osterruhe ist dem Grünen zufolge von der Kanzlerin ausgegangen, für diese Initiative zolle er ihr Respekt. Merkel hatte am Mittag die Schuld auf sich genommen und den Vorschlag als Fehler bezeichnet: "Der Fehler ist mein Fehler."

Erleichterung nach der Rücknahme der Osterruhe

Der Arbeitgeberverband Südwestmetall begrüßte die Rücknahme der Osterruhe am Gründonnerstag und Karsamstag. Hauptgeschäftsführer Peer-Michael Dick sagte im SWR, er sei sehr froh über die Korrektur. Es verdiene Respekt, dass Bundeskanzlerin Merkel die Verantwortung übernehme und den Fehler eingestehe. Aber dieses Wechselspiel belege, dass es dringend nötig sei, eine langfristige Planung, durchaus mit Spielmöglichkeiten, zu haben.

Auch die Einzelhändler sind froh über die Entscheidung. Als die Ankündigung zurückgenommen wurde, fiel dem Obermeister der Fleischerinnung Heilbronn-Hohenlohe-Schwäbisch Hall, Harald Hohl, sprichwörtlich ein Stein vom Herzen. Dem SWR sagte er, er hätte sonst einen Andrang am Ostersamstag erwartet, der fast nicht zu schaffen gewesen wäre. Der Fischhändler Jürgen Seybold aus Lauffen (Kreis Heilbronn) ist einfach nur erleichtert. Schließlich ist Karfreitag der Tag, an dem Christen traditionell Fisch essen. Dieser wird normalerweise an Gründonnerstag gekauft. Eine Ladenschließung ausgerechnet an diesem für ihn so wichtigen Tag wäre in seinen Augen realitätsfern gewesen.

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