Eine Szene mit Zügen und roten Haltesignalen am Hauptbahnhof in Heilbronn Symbolbild DB Dezember 2018 (Foto: SWR, Jürgen Härpfer)

Chaos droht

9-Euro-Ticket startet mit Baustellen bei Heilbronn und höherer Auslastung

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Seit Mittwoch gibt es das 9-Euro-Ticket im ÖPNV - wer die Frankenbahn nutzt, wird sowohl südlich als auch nördlich von Heilbronn aber wohl eher Frust statt Freude haben.

Zum Start des 9-Euro-Tickets ist in der Heilbronner Innenstadt das vom Fahrgastverbänden generell befürchtete Chaos am Mittwochvormittag ausgeblieben. Zur Berufsverkehrszeit blieb die Zahl der Fahrgäste überschaubar, Ankommende an den Haltestellen zeigten sich weitgehend zufrieden. Manch einer ist froh, günstiger fahren zu können: "Ja das lohnt sich schon", sagte beispielsweise eine Stadtbahnfahrerin dem SWR. Die Züge seien nur ein bisschen voller, so der Tenor.

Stadtbahn Heilbronn (Foto: SWR, Jens Nising)
Das 9-Euro-Ticket ist auch an der Stadtbahn Heilbronn ohne Chaos angelaufen Jens Nising

Verkehrsunternehmen bemerken hohe Auslastung zum Ticket-Start

Am ersten Tag mit dem günstigen Ticket haben mehrere Verkehrsunternehmen eine überdurchschnittliche Auslastung auf einigen Verbindungen festgestellt. Go Ahead betreibt unter anderem Teile der Frankenbahn und berichtet von vereinzelt vollen Bahnen, in denen Fahrräder nicht mehr mitgenommen werden konnten, so Unternehmens-Sprecher Winfried Karg. Er hofft auf Verständnis, falls Züge überfüllt sind.

Chaos könnte auf anderen Strecken herrschen

Zwar klingt das Angebot verlockend: Für nur neun Euro im Monat mit dem ÖPNV durch ganz Deutschland fahren. Wer allerdings von Heilbronn aus das Abenteuer starten will, könnte in südlicher und nördlicher Richtung erst einmal wenig Fahrspaß haben - zumindest bis 10. Juni. Denn die Deutsche Bahn-Tochter DB Netz AG führt gleich an mehreren Stellen Baustellen durch, inklusive Streckensperrungen.

Kein durchgehender Bahnverkehr nach Stuttgart

Seit 27. Mai und noch bis vorraussichtlich 10. Juni fährt der RE 12 überhaupt nicht zwischen Heilbronn und Stuttgart. Grund sind Bauarbeiten zwischen Stuttgart-Zuffenhausen und Kornwestheim. Die RB 18 ist zwischen Ludwigsburg und Esslingen unterbrochen. Wer von Heilbronn aus weiter nach Stuttgart will, muss spätestens in Ludwigsburg auf die S-Bahn umsteigen. Gleiches gilt für Fahrgäste, die den RE 8 von Abellio nutzen, hier muss schon in Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg) auf die S-Bahn gewechselt werden.

Auch nördlich von Heilbronn Sperrungen

In nördlicher Richtung sieht es nicht besser aus. Zwischen Bad Friedrichshall und Neckarsulm (beide Kreis Heilbronn) baut die DB Netz AG ebenfalls. Noch bis mindestens 10. Mai fahren hier ebenfalls keine Züge. Ein Ersatzverkehr mit Bussen ist eingerichtet. Auch die Stadtbahnlinien S41 und S42 fahren bis Montagmorgen, 13. Juni, nicht zwischen Neckarsulm und Bad Friedrichshall. Auch hier gibt es einen Schienenersatzverkehr.

Fahrgastverband kritisiert Timing

Der Fahrgastverband VCD kritisiert das Timing der Baumaßnahmen. Natürlich könne die Bundesregierung bei der Einführung des Tickets nicht auf jede Baustelle Rücksicht nehmen. Die vielen Baustellen in Nordwürttemberg seien aber definitiv ein Problem. Die verantwortliche DB Netz AG stimme sich bei der Planung der Baumaßnahmen mit niemandem ab, nicht mal mit dem Schwesterunternehmen DB Regio, sagt VCD-Regionalverbands-Sprecher Hans-Martin Sauter. Die DB Netz AG baue und lasse die Betreibergesellschaften mit den Folgen allein.

"Das ist das große Problem unseres aktuellen Systems. Vor der Privatisierung der Bahn hätte es sowas niemals gegeben. Die Leidtragenden sind die Fahrgäste."

Chaos auf der Frankenbahn erwartet

Wenn jetzt auch noch die zu erwartenden steigenden Fahrgastzahlen durch das 9-Euro-Ticket hinzukämen, sei Chaos auf der Frankenbahn zu erwarten. Auch der Fahrgastverband "Pro Bahn" befürchtet, dass Fahrgäste, die das 9-Euro-Ticket nach längerer Bahn-Abstinenz nutzen, direkt wieder abgeschreckt werden könnten. Generell dürfe es eigentlich keine Vollsperrungen geben, sagt Matthias Beß, Sprecher von Pro Bahn Main-Tauber und stellvertretender Landesvorsitzender.

"Die Bahn könnte die Strecken auch im laufenden Betrieb sanieren. Doch das ist teurer als eine Vollsperrung von einzelnen Streckenabschnitten. Die Bahn macht was sie will, wann sie es will, eben weil sie aufgrund ihrer Position auf keinen Rücksicht nehmen muss."

Immer wieder gibt es Probleme mit Go Ahead auf der Frankenbahn (Foto: SWR)
Go Ahead fährt auf der Frankenbahn.

Ärger auch bei Betreibergesellschaften

Die DB Netz AG baut - für die Organisation und Finanzierung des Ersatzverkehrs sind aber allein die Betreiber wie Go Ahead zuständig. Prinzipiell kein Problem, sagt Go Ahead-Sprecher Winfried Karg. Ärgerlich sei aber, dass die Ankündigungen der Bahn-Tochter immer kürzer würden.

"Manchmal bekommen wir erst drei oder vier Tage vorher Bescheid, welche Verbindungen betroffen sind. Das macht es für uns sehr schwierig, schnell zu reagieren."

Ärger und Frust vorprogrammiert

Auch bei der anderen Betreibergesellschaft von Regionalzügen auf der Frankenbahn, der SWEG, herrscht Unverständnis. Die Bahn habe auch SWEG, immerhin zu 95 Prozent in Händen des Landes Baden-Württemberg, zu spät über die Baupläne informiert. Geschäftsführer Tobias Harms teilt mit, die Baustellen führten zu massiven Einschränkungen des Angebots. Ärger und Frust unserer Fahrgäste seien vorprogrammiert.

"Es ist für mich völlig unverständlich, dass das bundeseigene Unternehmen DB Netz AG eine solche große Baumaßnahme ausgerechnet zum Start des 9-Euro-Tickets durchführt und noch dazu wichtige Informationen verspätet bereitstellt."

Bahn: "Baustellen nicht ohne Weiteres verschiebbar"

Bei der Deutschen Bahn heißt es, die Baustellen ließen sich nicht ohne Weiteres verschieben. Ein Sprecher teilt mit, Baumaßnahmen seien "von langer Hand und mit sehr viel Vorlauf" geplant. Zu den Vorwürfen der Betreibergesellschaften, die DB Netz AG habe zu spät informiert, äußert sich die Bahn nicht.

Ob das 9-Euro-Ticket die Probleme womöglich sogar noch verstärkt, weil mehr Passagiere die Züge nutzen wollen, können weder die SWEG noch Go Ahead bislang einschätzen. Bei Go Ahead heißt es, das werde sich erst zeigen, wenn der Betrieb am Mittwoch angelaufen ist. Für alle sei das 9-Euro-Ticket auch ein großangelegtes Experiment, ob das System funktioniere.

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