Vor allem Frauen und Kinder kommen aus der Ukraine nach Deutschland. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christoph Reichwein)

Geflüchtete aus der Ukraine

Gefahr des Menschenhandels: Heilbronn will Ukrainerinnen schützen

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In Stuttgart wird von Menschenhändlern am Bahnhof berichtet, die geflüchteten Frauen einen Schlafplatz anbieten. Auch kleinere Städte wie Heilbronn sind alarmiert.

Cordula Stölzel von der Heilbronner Bahnhofsmission ist ziemlich beschäftigt. "Hier hat es eben geklopft, ich muss mal kurz aufmachen", sagt Stölzel nach wenigen Minuten am Telefon. Bei der Heilbronner Bahnhofsmission sei meist nur eine Person im Dienst, erklärt Stölzel. "Es ist schwierig, überall zu sein."

Etwa 30 Menschen aus der Ukraine seien seit Kriegsbeginn auf eigene Faust am Heilbronner Bahnhof aufgeschlagen, schätzt Stölzel. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen vermitteln Übernachtungen oder anderweitige Hilfe für die Geflüchteten. Teilweise hätten die Menschen auch ein klares Ziel im Blick, Heilbronn sei dann nur ein Zwischenstopp.

"In Heilbronn ist die Lage am Bahnhof derzeit nicht so akut, dass wir eine Wartehalle wie in Stuttgart bräuchten", sagt Stölzel.

Warnungen vor "Loverboy-Methode"

Bahnhöfe sind für Geflüchtete häufig der erste Punkt der Ankunft - und genau hier können deshalb Gefahren liegen. Aus Stuttgart und anderen Städten wird von dubiosen Gestalten berichtet, die an Bahnhöfen oder Sammelunterkünften den Kontakt zu Geflüchteten suchen.

Expertinnen und Experten warnen davor, dass Menschenhändler ukrainische Geflüchtete zum Beispiel mit der sogenannten Loverboy-Methode in gefährliche Situationen bringen könnten: Zunächst zeigen sich die Täter hilfsbereit, bieten etwa eine kostenlose Unterkunft an und sprechen womöglich auch die Sprache der Frauen. Später fordern sie aber Gegenleistungen ein und werden zu Zuhältern.

Ukrainische Flüchtlinge besteigen am Bahnhof von Przemysl, Polen, einen Zug, der sie weiter nach Westen bringen soll. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/ZUMA Press Wire | Hector Adolfo Quintanar Perez)
Ukrainische Flüchtlinge besteigen einen Zug in Polen. picture alliance/dpa/ZUMA Press Wire | Hector Adolfo Quintanar Perez

Menschenhandel oft auch in kleineren Städten

"Grundsätzlich sind Frauen in prekären Lebenssituationen gefährdeter für Gewalt. Das betrifft natürlich ganz besonders Frauen aus der Ukraine, die hier ankommen und nichts haben", sagt Alexandra Gutmann, die die Heilbronner Mitternachtsmission leitet.

Alexandra Gutmann (Foto: SWR, Simon Bendel)
Alexandra Gutmann von der Heilbronner Mitternachstmission. Simon Bendel

Zu denken, dass die Gefahr nur in größeren Städten mit großen Verkehrsknotenpunkten vorhanden sei, hält Gutmann für tückisch. "Viele Fälle von Menschenhandel, die wir im Laufe der Jahre erlebt haben, ereigneten sich in kleineren Städten oder Dörfern", so Gutmann.

Bundespolizei zum Schutz von ukrainischen Frauen auf dem Hauptbahnhof Stuttgart. (Foto: SWR, Philipp Pfäfflin)
Beamtinnen und Beamte der Bundespolizei zeigen auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof Präsenz vor der Wartehalle am Gleis 1 - auch um allein reisende Frauen aus der Ukraine zu schützen. Philipp Pfäfflin

Warnen - aber nicht nur Angst machen

Einen guten "Informationsfluss" in Hilfsorganisationen und Behörden sowie Achtsamkeit von allen Seiten - das hält Gutmann in diesen Tagen für besonders wichtig. Frauen sollten gewarnt werden, aber ohne Panik zu verbreiten, betont Gutmann.

"Wir wollen den Frauen, die hierher kommen, ja auch Stabilität und Sicherheit vermitteln und nicht nur Angst machen, was alles passieren könnte."

Heilbronn: Rasche Registrierung von Geflüchteten

Um die Ankunft von Geflüchteten sicher zu gestalten, setzt das Heilbronner Sozialamt auf eine zügige Registrierung der Menschen, die hier ankommen. "Wir können rasch Kontakte zu ehrenamtlichen Helfern, kirchlichen oder freien Trägern vermitteln und wissen dann auch, wer sich um die Menschen kümmert", sagte Achim Bocher, Leiter des Heilbronner Sozialamts, dem SWR.

Eine rasche Registrierung, damit auffällt, wenn Frauen verschwinden, hatte zuletzt etwa auch die Sozialarbeiterin Sabine Constabel vom Stuttgarter Verein Sisters als Mittel gegen die Gefahr von Menschenhandel und Prostitution gefordert.

200 Angebote für Unterkünfte eingegangen

Achim Bocher vom Heilbronner Sozialamt betont, dass das Amt Telefonnummern für Beratungsstellen und Hilfstelefone an alle Partner und Stellen weitergegeben habe, die mit ukrainischen Geflüchteten in Kontakt seien - etwa auch an die Kitas, wo ukrainische Kinder untergebracht werden.

Etwa 200 Angebote für kurzfristige oder dauerhafte Unterkünfte für ukrainische Geflüchtete von Privatleuten seien bislang bei der Stadt Heilbronn eingegangen, so Bocher. Die Stadt trete in diesen Fällen als Mieter auf.

Ein Team der Stadt schaue sich jede Wohnung vor Ort an, trete mit den potenziellen Vermieterinnen und Vermietern in Kontakt und kümmere sich falls nötig um Ausstattung wie Möbel, Waschmaschine oder Kühlschrank.

Flüchtlinge Ukraine Weinsberg  (Foto: SWR, Simon Bendel)
Geflüchtete aus der Ukraine in Weinsberg im Kreis Heilbronn. Simon Bendel

Umzug in dauerhafte Unterkunft

Einzelne Angebote musste die Stadt laut Bocher ablehnen, weil die Mietvorstellungen zu hoch gewesen seien. Unlautere Angebote oder dubios wirkenden Vermieter seien bislang aber nicht bekannt. Rund 30 Mietverträge hat die Stadt inzwischen unterschrieben, in diese Wohnungen sollen in den nächsten Tagen und Wochen geflüchtete Ukrainer einziehen.

"Die Wohnungen sind bei der Sozialbetreuung bekannt, sodass Sozialarbeiter und Integrationsmanager wissen, wo die Leute sind und dort auch Sprechstunden bekannt sind, an die man sich mit Problemen wenden kann."

In zwei Hallen, die die Stadt Heilbronn für die erste Ankunft von Flüchtlingen hergerichtet hat, sind laut Bocher derzeit noch etwa 70 Menschen untergebracht. Dort gibt es einen Sicherheitsdienst, damit nicht jeder einfach so ein- und ausgehen kann. Die Stadt plant laut Bocher, in den nächsten Wochen diesen Menschen nun Angebote für dauerhafte Unterkünfte machen zu können.

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