SLK-Klinikum zu Corona-Zeiten (Foto: SWR)

Hilferuf des Pflegepersonals in vierter Corona-Welle

Heilbronner Klinik-Betriebsrat: "Die Pflegekräfte können einfach nicht mehr!"

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Mit einer schonungslosen Klarheit benennt der Betriebsrat der Heilbronner SLK-Kliniken die aktuelle physische und psychische Situation des Pflegepersonals.

Der siebenseitige "Situationsbericht", der dem SWR Studio Heilbronn vorliegt, kann als ein lauter Hilferuf des Pflegepersonals verstanden werden.

"Die vierte Welle ist da und macht große Angst, weil der Akku jedes Einzelnen leer ist. Eine weitere Überlastung in diesem Maße ist nicht zu schaffen."

Covid-Patienten mit verschiedenen Schicksalen

Für den Betriebsratsvorsitzenden der Heilbronner SLK-Kliniken, Jens Mohr, steht fest: Die Arbeit auf den Covid-Stationen ist für das Pflegepersonal seit vielen Monaten vor allem psychisch extrem herausfordernd.

In dem "Situationsbericht" ist etwa die Rede davon, dass hinter jeder Tür eines Covid-Patientenzimmers unterschiedliche Schicksale lauern. Da gebe es beispielsweise die junge Hochschwangere, die Angst um ihr Kind habe und nicht wisse, wie es jetzt weitergehe. Oder die völlig demente Seniorin, die nicht realisiere, wo sie eigentlich sei und ständig weglaufen wolle.

Jüngere Patienten auf Covid-Stationen

Alle Patientinnen und Patienten vereine mehr oder weniger das Symptom der akuten Atemnot. Aktuell gebe es auf den Stationen deutlich jüngere Betroffene als in den vorangegangenen Wellen. Dadurch sei die psychische Belastung noch viel höher. Die Erkrankten lägen zudem sehr lange auf der Intensivstation.

Erlebnisse belasten Pflegepersonal

Für die Pflegekräfte sei es zudem oft belastender, wache Patientinnen und Patienten zu betreuen, weil diese ihre schlimme Situation sehr genau miterlebten. "Sie sehen die Pflegekräfte voller Angst an und fragen: Schwester, überlebe ich das?", heißt es etwa in dem "Situationsbericht". Solche Erlebnisse seien "sehr sehr schlimm und belastend."

"Der Arbeitsaufwand ist für jede einzelne Pflegekraft immens. Die große Solidarität im Team ist jedoch extrem bewundernswert."

Für den Betriebsratsvorsitzenden, der selbst Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin ist, läuft im Krankenhauswesen generell etwas schief. Die Personalsituation sei schon vor Corona "problematisch" gewesen. Die Pandemie müsse man eher als Tropfen sehen, der das Fass jetzt zum Überlaufen bringe. Die Heilbronner SLK-Kliniken beschäftigen bis zu 1.200 Mitarbeiter allein in der Pflege.

Betriebsrat sieht Krankenhausfinanzierung als Ursache

Dass die Finanzierung der Krankenhäuser auf Gewinn ausgerichtet sei, stellt für die Arbeitnehmervertrer das eigentliche Problem dar. Eine Orientierung an der "schwarzen Null" in der Bilanz verändere die Arbeit im Krankenhaus. Bestimmte Bereiche wie Küche, Transport, Reinigung würden in den Billiglohnsektor outgesourct. In Neubauten würden Stationen sehr groß geplant.

Das SLK-Klinikum in Heilbronn (Foto: SWR)
Das SLK-Klinikum in Heilbronn

Die Pflegekräfte "an der Front" versuchten, die Patienten gut zu versorgen und den Stationsablauf aufrecht zu erhalten. Das Pflegepersonal reibe sich aber seit Jahren an der ständigen Überforderung auf. Manchmal stehe eine Pflegekraft einer nicht zu bewältigenden Patientenzahl gegenüber und müsse dann sehen, wie sie damit zurechtkomme.

"Vorgesetzte haben auch keine Lösung"

Einziges Mittel, um sich bei einem Fehler rechtlich abzusichern, sei das Schreiben einer Gefährdungsanzeige an die Vorgesetzten, heißt es in dem Bericht. Die Vorgesetzen hätten jedoch auch keine Lösung und die Situationen wiederholten sich, bis nicht einmal mehr Gefährdungsanzeigen geschrieben würden. "Diese Ohnmacht und Hilflosigkeit macht krank", heißt es sehr deutlich in dem Papier.

"Von allen Seiten hört man von völlig entkräftetem Pflegepersonal, das nach überlanger Schicht ohne adäquate Pause das Krankenhaus weinend verlässt."

Stationen teils "geflutet" von Aushilfs- und Leasingkräften

Die Personal-Mangelverwaltung sei an der Tagesordnung. Während der Corona-Zeit hätten auch einige sehr erfahrene Pfleger das Klinikum verlassen. Manche Stationen seien geradezu "geflutet" von Aushilfs- und Leasingkräften. Viele Pflegekräfte würden inzwischen sogar mit einer besseren Bezahlung zu Leasingfirmen gelockt. Die emotionale Verbundenheit mit einer Station gehe diesen Zeitarbeitskräften ab.

Für Jens Mohr, der mittlerweile schon seit 30 Jahren bei den SLK-Kliniken arbeitet und seit 2014 Betriebsratsvorsitzender ist, muss sich dringend etwas an den Rahmenbedingungen ändern.

Die Politik müsse sich dringend mit dem Gesundheitssystem und der Krankenhauslandschaft befassen. Es werde einfach schon jahrelang weggeschaut und die Politik nehme die dramatische Lage in den Kliniken einfach nicht ernst.

Sorge vor Corona-Welle bis zum Frühjahr

Auf die nächsten Monate blickt der Klinik-Betriebsratschef mit großer Sorge. Seine momentane Hoffnung sei, dass die Beschäftigten einfach irgendwie durchhalten. Er rechne damit, so Mohr, dass die aktuelle vierte Welle möglichweise bis weit in den Frühling 2022 hinein andauere.

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