picture alliance  Andreas Arnolddpa (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

"Loverboy"-Prozess vor Heilbronner Landgericht geht am Mittwoch weiter

Mitternachtsmission: "Es ist erschütternd, dass Menschenhandel ein Stück Alltag ist"

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Wenn Frauen eine Liebesbeziehung vorgespielt wird, um sie in die Prostitution zu locken, geht es um die "Loverboy"-Methode. Die Heilbronner Mitternachtsmission hilft Frauen.

Werden Frauen gegen ihren Willen zu sexuellen Diensten gezwungen, ist strafrechtlich von Menschenhandel die Rede. Die Heilbronner Mitternachtsmission, die zur Diakonie gehört, hat im vergangenen Jahr insgesamt 116 betroffene Frauen aus ganz Baden-Württemberg beraten und begleitet. Die Mitternachtsmission ist eine landesweit tätige Fachberatungsstelle.

Das Thema Menschenhandel sei leider Alltag in der Arbeit, so Alexandra Gutmann, die Leiterin der Mitternachtsmission. Die "Loverboy"-Methode sei vor allem für materiell oder emotional bedürftige Frauen verfänglich.

"Früher waren es oft ältere Männer, heute sind es wirklich Männer aus allen Altergruppen, auch junge Männer, die eine Liebesbeziehung vorspiegeln und vor allem junge Frauen dann zur Prostitution bringen."

Ein aktuell laufender Prozess vor dem Heilbronner Landgericht gibt Einblicke, wie solche "Loverboy"-Fälle mutmaßlich ablaufen. Zwei Männer sind dort wegen Menschenhandels und Zuhälterei angeklagt.

Das Duo soll vier Frauen im Alter zwischen 19 und 49 Jahren zur Prostitution gezwungen haben. Ihre Einnahmen mussten sie laut Anklage komplett abgeben. Am Mittwoch sollen Polizeibeamte vernommen werden und ein weiteres mutmaßliches Opfer.

Unterscheidung wichtig

Die Mitternachtsmission unterscheidet klar zwischen Prostitution und Menschenhandel. Prostitution in Deutschland sei grundsätzlich nicht illegal, wenn sie unter bestimmten Rahmenbedingungen ablaufe, so Gutmann. Allerdings müsse man immer zwischen legal und freiwillig unterscheiden.

"Es kann etwas legal sein, aber trotzdem kann ich emotional unfreiwillig da reingerutscht sein."

Die Mitternachtsmission geht davon aus, dass es aktuell im Stadtkreis Heilbronn wohl über 200 Frauen sind, die der Prostitution nachgehen. Ob freiwillig oder unter Zwang, das ist in jedem Einzelfall immer die Frage.

"Prostitution ist nur begrenzt sichtbar. Sie sehen vielleicht die Frauen auf dem Straßenstrich, die machen aber nur gut zehn Prozent aus."

Corona-Folge: Prostitution im Verborgenen

Es gebe in Heilbronn auch sichtbare Bordelle oder Etablissements, aber eben vieles auch außerhalb des Blickfeldes, so die Mitternachtsmission. Sorge bereitet der Fachberatungsstelle, dass sich durch die Corona-Pandemie auch die Orte verlagert haben, an denen Prostitution nachgegangen wird.

"Die Pandemie drängt die Frauen ein Stück ins Dunkelfeld, weil sie Freier nicht ablehnen wollen, die nicht geimpft sind, weil sie das Geld brauchen. 2021 war Prostitution in Heilbronn fast durchgängig verboten."

Durch das Verbot seien Frauen in Privatgebäuden, Hotels, Pensionen, Autobahnraststätten oder in Autos dem Gewerbe nachgegangen. In manchen Fällen habe Prostitution im Wald stattgefunden. Die Prostituierten seien dadurch deutlich gefährdeter, so Gutmann, auch für Gewaltdelikte.

Arbeit der Mitternachtsmission schwieriger

Auch eine Kontrollfunktion etwa durch andere Prostituierte, die beobachten könnten, ob Frauen zum Beispiel wieder zum Straßenstrich zurückkehren, sei dadurch nicht möglich. Die Frauen arbeiteten in der Pandemie oft auf eigene Faust und das mache es für sie gefährlicher. Auch die aufsuchende Arbeit der Mitternachtsmission werde dadurch deutlich erschwert.

Informationen über Hilfsangebote wichtig

Die Mitternachtsmission versucht auf Ihre Hilfsangebote aufmerksam zu machen, auch online. Wenn Frauen allerdings extrem eingeschüchtert seien oder mit Gewalt festgehalten würden, dann werde es für die Betroffenen unglaublich schwer, sich an eine Fachberatungsstelle zu wenden, so die Leiterin der Mitternachtsmission.

Ausländische Frauen hätten zudem oft nicht das Wissen, dass es solche Hilfsangebote gebe. Hinzu kommen Sprachbarrieren. Wichtig sei daher auch eine gute Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei, die etwa bei Razzien auf Frauen treffe und auf Hilfsangebote verweisen könne.

Prostitution aus blanker Not

Das Rotlichtmilieu sei generell mobiler geworden, so der Eindruck von Alexandra Gutmann. Frauen, die in Heilbronn arbeiteten, könnten in den Folgewochen auch in Stuttgart oder Heidelberg anzutreffen sein. Gleiches gelte auch für Freier.

Viele Frauen gerade aus Ländern wie Rumänien oder Bulgarien kämen oft aus blanker finanzieller Not nach Deutschland, in die Region, um hier der Prostitution nachzugehen. Es gehe da oft um existenzielle finanzielle Fragen, etwa wie Betroffene den Lebensunterhalt der Familie im Heimatland oder auch Medikamente bezahlen können.

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