Protest gegen Ärztemangel auf dem Land

Einzige Arztpraxis in Bühlerzell muss schließen

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Eine Bürgerinitiative schlägt Alarm: Gerade ältere Anwohner, die nicht mehr mobil sind, hätten in Zukunft ein großes Problem. An die Politik stellt die Initiative Forderungen.

Zum Monatsende wird die letzte Arztpraxis in Bühlerzell (Kreis Schwäbisch Hall) schließen müssen. Eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger wurde bisher nicht gefunden. Daher sind Verzweiflung, Angst und Sorge vor allem bei älteren Patientinnen und Patienten groß, aber auch Wut macht sich breit. Das berichtet Josef Hirsch von der Bürgerinitiative "Arztstelle Bühlerzell". Die Ärztinnen und Ärzte, zu denen die Bühlerzeller jetzt gehen können, sind bis zu 30 Kilometer entfernt.

"Der erste Satz, den wir dort erfahren ist: 'Wir machen aber keine Hausbesuche."

Schließung trifft vor allem ältere Patienten

Es trifft die Schwächsten, ist Josef Hirsch von der Bürgerinitiative "Arztstelle Bühlerzell" überzeugt: Ältere, Menschen die nicht mobil sind, regelmäßige Untersuchungen brauchen oder im Rollstuhl sitzen.

Das Gefühl, allein gelassen zu werden, treibt Hirsch auf die Straße. Er ist nicht der Einzige. Der 75-Jährige sammelte Unterschriften. Es kamen doppelt so viele zusammen wie vorher gedacht.

Protest in Bühlerzell gegen Ärztemangel (Foto: privat)
Mitglieder der Bürgerinitiative "Arztstelle Bühlerzell" - "Daumen hoch" für 1983 gesammelte Unterschriften privat

Demonstration gegen Ärztemangel auf dem Land

Am Mittwochnachmittag haben Betroffene protestiert, vor den Augen von Ute Leidig (Grüne), der Staatssekretärin aus dem Sozialministerium, die sich beim Bürgermeister über die Situation informieren will. Josef Hirsch wollte ihr ein Bild davon verschaffen, was es für Bühlerzell heißt, wenn von "Ärztemangel auf dem Land" die Rede ist und wo er den Grund dafür sieht.

"Ursächlich sind zu wenig Ärzte. Es werden zu wenig Ärzte ausgebildet. Das ist das absolute Problem und das kann nur die Politik ändern."

Wenig Hoffnung auf Erfolg

Auch nach dem Besuch der Staatssekretärin aus dem Sozialministerium hat Hirsch wenig Hoffnung auf eine Verbesserung.

"Wir hoffen, dass der Besuch der Staatssekretärin etwas gebracht hat, aber wir sind skeptisch. Der Ärztemangel lässt sich einfach durch so ein Gespräch nicht beseitigen."

Staatssekretärin Leidig habe mitgeteilt, dass sie keinen Arzt aus dem Hut zaubern kann, so Hirsch. "Das wissen wir natürlich, das muss man uns nicht sagen." Dennoch sieht Hirsch die Staatssekretärin und andere Politikerinnen und Politiker in der Pflicht: Auf die Stellschrauben, um die Ursachen des Ärztemangels anzugehen, habe die Politik durchaus Einfluss. Das müsse und könne die Politik ändern, so Hirsch.

Arzt sagt Politik muss sich ändern

Dass sich politisch etwas ändern muss, glaubt auch Wilfried Ziegler. Er ist der Arzt, der in Bühlerzell 34 Jahre lang die Menschen versorgt hat. Ihm geht der Abschied von denen, die er jahrelang betreut hat, nahe. Viele potenzielle Nachfolger wollten lieber als angestellt und nicht als selbstständige Ärzte arbeiten, sagte er. Dass er keinen Nachfolger gefunden hat, liegt für Ziegler auch an der Politik.

"Im Hintergrund agieren Politik und Gesundheitsverwaltung und allen diesen Institutionen ist ein ungeheurer Kontrollzwang inne, den sie gerne ausüben und der die jungen Kollegen in der Praxis behindert und der auch uns nicht gerade bei der Arbeit unterstützt hat."

Bürgermeister sind die Hände gebunden

Der Bürgermeister, Thomas Botschek (parteilos), weiß um die Sorgen und Ängste der Bürgerinnen und Bürger. "Ich habe mich schon oft mit Herrn Hirsch ausgetauscht", sagte er im Gespräch mit dem SWR Studio Heilbronn. Er will die Sorgen und Ängste der Mitglieder der Bürgerinitiative "genauso der Frau Staatssekretärin" übermitteln, wie sie ihm von Hirsch übermittelt wurden.

Weiter könne er nichts tun, so Botschek. Es liefen mehrere Stellenausschreibungen, inzwischen gebe es auch ein Video in den sozialen Medien, das für eine Arztstelle in Bühlerzell wirbt - vergebens. In naher Zukunft sieht Botschek die Chancen auf einen neuen Hausarzt in seinem Dorf sehr gering.

Er schließt sich den Forderungen der Bürgerinitiative und Dr. Zieglers an: Die Politik müsse den Arztberuf auf dem Land attraktiver machen und die Rahmenbedingungen entsprechend für den ländlichen Raum anpassen.

Bühlerzeller geben nicht auf

Bühlerzell muss ab April also wohl ohne ortsansässigen Arzt auskommen. Josef Hirsch setzt sich aber weiter dafür ein, dass sich möglichst bald doch noch ein Nachfolger findet. Er hofft, dass ein Arzt oder eine Ärztin sieht, wie sehr sich die Menschen in der rund 2.000 Einwohner zählenden Gemeinde dafür einsetzen, wieder einen Arzt vor Ort zu haben.

Es klingt aber auch bitter, wenn er davon erzählt, dass ihnen selbst manche Ärzte raten, bis abends zu warten und dann den Notruf zu wählen.

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