Hände tippen auf einem Handy herum. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)

Jugendliche und soziale Medien

Onlinesucht in der Corona-Pandemie: Ein Betroffener aus Crailsheim berichtet

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Siri Warrlich

Während der Pandemie ist das Internet für immer mehr Jugendliche zur Sucht geworden, zeigt eine Studie - zum Beispiel für Maurice Leopold aus Crailsheim.

18 Stunden am Handy - das war für Maurice Leopold bislang der Tagesrekord. Der 26-jährige aus Crailsheim (Kreis Schwäbisch Hall) ist süchtig danach, Zeit im Internet und auf sozialen Netzwerken zu verbringen. Auf seinem Handy schaut er zum Beispiel Videos über das Coronavirus, handelt mit Aktien oder klickt sich durch die Video-App TikTok.

Doch dabei bleibt es meist nicht. Zusätzlich läuft als "Hintergrundgeräusch", wie Maurice sagt, sein Computer. Dort schaut er auf der Plattform Twitch anderen jungen Leuten dabei zu, wie sie Computerspiele spielen und sich dabei mit ihren Fans unterhalten.

Ein Gefühl wie mit echten Freunden

Papa Platte, Baso oder Vlesk sind die Künstlernamen der Menschen, denen Maurice auf Twitch folgt. Wenn ihre Gesichter auf seinem Bildschirm flimmern, fühlt sich das für den Crailsheimer an, als würde er mit echten Freunden zusammensitzen. "Wenn man Leuten acht Stunden jeden Tag zuhört, kennt man die in- und auswendig", sagt er.

Solange er nicht mindestens einen Bildschirm vor sich hat - meistens sind es mehrere - wird ihm schnell langweilig. "Das füllt meine Freizeit", so Maurice.

"Teilweise bin ich acht bis zwölf Stunden am Handy und weiß hinterher gar nicht, was ich den ganzen Tag gemacht habe."

Diagnose: Online-Sucht

Seine Mediensucht begann schon vor der Corona-Pandemie. Eine Ursache sieht Maurice in seinem früheren Job in der Autoindustrie. Er schob fast nur die Wochenendschicht. "Ich hatte frei, wenn alle arbeiten - und andersherum", sagt der 26-Jährige. Deshalb hatte er keinen richtigen Freundeskreis. Seine sozialen Kontakte suchte er sich im Netz.

2018 veränderte sich sein Leben. Maurice verlor seine Arbeit und war wegen Depressionen in Therapie. Dort sagten ihm die Ärzte, dass die Art und Weise, wie er das Internet nutze, krankhaft sei. Onlinesucht lautete die Diagnose.

Studie: So viele Menschen sind betroffen

Mit seiner Sucht ist Maurice nicht allein. Etwa fünf Prozent der jungen Menschen zwischen zehn und 17 Jahren nutzen soziale Medien in krankhaftem Ausmaß. Bei Computerspielen sind es etwa vier Prozent in dieser Altersgruppe, bei denen man von einer Sucht sprechen kann.

Zu diesem Schluss kommt eine Langzeitstudie der Krankenkassse DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Für die Studie wurden etwa 1.200 Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern zwischen September 2019 und Juni 2021 vier Mal befragt.  

109 Minuten Gaming am Tag

Natürlich gab es das Problem schon vor Corona. Doch die Forscher kommen zu dem Schluss, dass Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen in der Pandemie stark angestiegen ist. Bei krankhaftem Computerspielen sehen die Wissenschaftler im Vergleich zu 2019 einen Anstieg um etwa 52 Prozent, bei Social-Media-Sucht um etwa 44 Prozent.

Laut der Studie hängt der Anstieg der Mediensucht eng mit längeren Nutzungszeiten zusammen. 109 Minuten am Tag beträgt die durchschnittliche Gaming-Zeit in der Altersgruppe den Forschern zufolge an einem Werktag - knapp ein Drittel mehr als vor Corona.

Was ein Sozialarbeiter aus Crailsheim beobachtet

Auch Manuel Lässle beobachtet, dass die Mediennutzung bei vielen seiner Klientinnen und Klienten im Laufe der Pandemie exzessiver geworden ist. Lässle ist Sozialarbeiter und Suchtherapeut. In der Jugendsuchtberatungsstelle Crailsheim berät er junge Menschen mit Suchtproblemen.

Lässle sieht zwar keinen zahlenmäßigen Anstieg an Fällen von Onlinesucht seit Beginn der Pandemie. Doch bei vielen jungen Menschen, die vorher schon mit dem Thema Probleme hatten, hat das Verhalten sich zugespitzt, so Lässle.

Zocken während des Online-Unterrichts

Eine Schwierigkeit während der Corona-Zeit sei für viele der Online-Unterricht gewesen, sagt Lässle. Aufmerksam zu bleiben und dem Unterricht zu folgen, wurde zur Herausforderung für Schülerinnen und Schüler.

"Was wir beobachten: Schüler haben sich eingeloggt und offiziell am Unterricht teilgenommen, waren mit dem Kopf und den Augen dann aber ganz woanders - zum Beispiel am Zocken."

Maurice wollte das Abi nachholen

Auch für Maurice wurde der Online-Unterricht zum Problem. Im Herbst 2019 hatte er den Vorsatz, das Abitur nachzuholen. In Künzelsau (Hohenlohekreis) hatte er eine Schule gefunden, die er trotz seines Alters wie ein ganz gewöhnlicher Schüler besuchen durfte.

Doch wenige Monate nach seiner Rückkehr zur Schulbank kam Corona. "Im Online-Unterricht habe ich gemerkt, ich krieg's nicht auf die Reihe", sagt Maurice. "Wenn ich am Laptop bin, kann ich mich nicht konzentrieren."

Wie der Lockdown das Problem verschärft hat

Maurice brach die Schule ab. Auch viele andere Beschäftigungen waren auf einmal nicht mehr möglich. Vor Corona hatte Maurice sich bestimmte Routinen angewöhnt, um Struktur in seinen Alltag zu bekommen. Er trank beim Bäcker Kaffee, ging mit Hunden aus dem Tierheim Gassi oder besuchte Vorträge in der Volkshochschule. Spätestens mit dem Lockdown im Frühjahr 2020 brach das alles weg.

"Ich wusste nicht mehr, was ich mit meiner Freizeit machen soll, und bin dann doch wieder bei den Medien gelandet."

Football und Fitness als Ausgleich

Heute, mehr als ein Jahr später, hat Maurice seine Online-Sucht wieder ganz gut im Griff. Er spielt Football und geht ins Fitnessstudio. Nach seiner Therapie hatte Maurice sich das Ziel gesetzt, seine Handyzeit pro Tag auf vier Stunden zu begrenzen. Ein paar Monate lang hat er das geschafft.

Derzeit ist Maurice durchschnittlich wieder acht Stunden pro Tag am Handy, schätzt er. "Aber wegen des Sports stören mich die acht Stunden gerade nicht so."

Angst vor einem neuen Lockdown

Halt gibt ihm auch die Jugendsuchtberatungsstelle in Crailsheim. Alle zwei Wochen ist Maurice dort. Zwischen den Terminen arbeitet er kleine Aufgaben ab. Zum Beispiel regelt er Dinge mit seiner Krankenkasse oder Ämtern. "Die Struktur tut mir gut", sagt Maurice.

Angst macht dem jungen Mann die Vorstellung, dass wieder ein harter Lockdown kommen könnte. "Wenn Football und das Fitness-Studio wieder zumachen würden, wäre das das Schlimmste." Dann könnte seine Handyzeit wieder auf 15 Stunden am Tag hochschnellen. Dann wären Papa Platte, Beso und Vlesk womöglich wieder seine wichtigsten sozialen Kontakte.

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Siri Warrlich