In der Werkstatt Krautheim arbeiten Menschen mit vornehmlich körperlichen Behinderungen (Foto: SWR)

Krautheimer Werkstattrat befürchtet unabsehbare Kosten

Mindestlohn wäre Problem für Menschen mit Behinderung

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Mindestlohn für Menschen mit Behinderung, die in einer Werkstatt arbeiten? Das klingt erstmal gut. Doch Betroffene aus Krautheim befürchten dafür andere Abzüge.

Menschen mit Behinderung in Werkstätten mit dem Mindestlohn zu bezahlen, geht an der Realität der Krautheimer Werkstättenbeschäftigten (Hohenlohekreis) vorbei. Dies wird zurzeit jedoch immer wieder gefordert. Ohne grundlegenden Systemwechsel befürchtet der Werkstattrat unabsehbare Folgen für andere Sozialleistungen. Diese träfen jeden Kollegen unterschiedlich.

Krankenversicherung, Wohngeld und Sozialhilfe

Beispielsweise Werkstattratsmitglied Sebastian Reh: Er ist seit einem Unfall frühverrentet und arbeitet in der Werkstatt. Er hatte im August zwar nur etwa 90 Euro im Monat von der Werkstatt überwiesen bekommen. Doch was dabei unsichtbar bleibt, sind alle anderen Kosten, die übernommen werden, sagt er: Krankenversicherung, Wohngeld und Sozialhilfe. Seine Eltern bekommen für ihn noch Kindergeld. Andere Kosten muss Sebastian Reh bisher nicht zahlen, wie Rundfunk- oder Rezeptgebühren.

"Wenn ich jetzt mehr bekomme, dann bleibt noch weniger!"

Würde Sebastian Reh mehr verdienen, würde er diese Gebühren übernehmen müssen und an anderer Stelle würde gekürzt. Seine Sozialarbeiterin in der Werkstatt befürchtet, dass er am Ende sogar noch weniger Geld zur Verfügung hätte.

Menschen mit Behinderung wünschen sich (Barriere-)Freiheit

Natürlich wäre mehr Geld schön. Auch Alexander Orth merkt es jetzt besonders beim Einkaufen. Er bekommt Grundsicherung und muss seine Lebenshaltungskosten im Blick behalten. Mehr Gehalt werde von den Behörden wieder abgezogen und er hätte immer noch nicht mehr zur Verfügung, erzählt er.

In der Werkstatt Krautheim arbeiten Menschen mit vornehmlich körperlichen Behinderungen (Foto: SWR)
In der Werkstatt Krautheim arbeiten Menschen mit vornehmlich körperlichen Behinderungen.

Rollstuhlfahrer wünscht sich mehr Barrierefreiheit

Tommy Zeller sitzt im Rollstuhl und lebt im betreuten Wohnen. Er hat deshalb ganz andere Probleme als seine Kollegen, die sich selbst versorgen. Seine Betreuungskräfte haben manchmal so wenig Zeit, dass er sagt: "Wenn mir etwas runterfällt, spreche ich Leute auf der Straße an, mir zu helfen." Unterwegs ärgert er sich zudem immer noch über viele Treppen und generell mangelnde Barrierefreiheit. Das ist ihm viel wichtiger, als ein höherer Lohn am Ende des Monats, sagt er.

"Die Politiker sollten mal einen Tag in meinem Rollstuhl sitzen."

Nötig wäre ein grundlegender Systemwechsel, fordern die drei Werkstatträte. Die Bundesregierung hat auch eine Studie in Auftrag gegeben, wie eine gute Lösung aussehen könnte. Dazu ist im September der zweite Zwischenbericht erschienen. Der aktuelle Koalitionsvertrag verspricht, die Erkenntnisse daraus umzusetzen.

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