Ein Forschungsprojekt der Universitätsklinik Ulm zu Long Covid hat bislang bei etwa jedem fünften Patienten Organschäden festgestellt. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/ANP | Remko De Waal)

Selbsthilfegruppe in Heilbronn in Planung

Long-Covid-Patienten fühlen sich von Politik vernachlässigt

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In Heilbronn ist eine Selbsthilfegruppe für Long-Covid-Patienten in Planung. Betroffene fühlen sich von der Politik nicht ausreichend wahrgenommen. Auch die medizinische Versorgung wird kritisiert.

Die 42 Jahre alte Anni Conrad aus Heilbronn-Böckingen erkrankte im April 2020 an Corona. Den Krankheitsverlauf beschreibt die gelernte Krankenschwester als mild. Wenige Wochen danach stellten sich aber sonderbare Symptome ein. Sie bekam Herzrasen, Husten und Atemprobleme. Auch die Konzentration machte ihr plötzlich große Probleme. Ihr Hausarzt schenkte den Symptomen große Aufmerksamkeit, im Juni stieß Conrad im Internet auf eine Selbsthilfegruppe, in denen viele ähnliche Symptome schilderten.

"Es geht immer nur um die Akuterkrankung, um die Krankenhauseinweisungen, um die Infektionszahlen. Das wir Betroffenen wirklich monatelang damit zu tun haben, obwohl wir laut RKI längst genesen sind, das ist überhaupt nicht auf dem Schirm."

Seit einem Besuch in einer speziellen Covid-19-Ambulanz an der Universitätsklinik in Freiburg weiß die 42-jährige, dass es sich bei ihr um Long-Covid-Symptome handelt. In der Ambulanz habe sie sich das erste Mal umfassend wahrgenommen gefühlt. Allerdings werde dort zwar Diagnostik eingesetzt, eine umfassende Betreuung für Long-Covid-Patienten gebe es nicht. Vielen Hausärzte fehlte auch das Wissen über die Komplexität des neuartigen Erkrankungsbildes, so Conrad. Hier müsse sich dringend etwas ändern.

Die Krankenschwester, die in der Altenpflege arbeitet, ist seit ihren Long-Covid-Symptomen mit Unterbrechungen krankgeschrieben, auch momentan. Zu schaffen machen der Heilbronnerin Konzentrationsschwierigkeiten, außerdem eine schnelle Erschöpfung.

"Ich bin furchtbar erschöpft. Ich will jetzt einfach nur noch ins Bett. Fenster zu, Rollo runter und Ruhe."

Einen kurzen Spaziergang im Freien schafft Anni Conrad, aber nach 20 Minuten braucht sie eine Bank oder Sitzgelegenheit. Ihr Arbeitgeber habe Verständnis für die schwierige Situation und die Erkrankung, in Kürze soll es einen dritten Wiedereingliederungsversuch geben. Allerdings findet der zunächst im Büro des Altenheims statt. Für den normalen Job fühlt sich Anni Conrad nach wie vor nicht bereit.

Mehr Informationen für Hausärzte

Gemeinsam mit anderen Betroffenen soll in Kürze im Raum Heilbronn eine Long-Covid-Selbsthilfegruppe ihre Arbeit aufnehmen. Aus Gesprächen wisse sie, dass manche Betroffene etwa kein Facebook hätten, um sich mit anderen auszutauschen. Manche Hausärzte schenkten den Symptomen auch nicht die erforderliche Beachtung, manchmal würden Patienten sogar als Hypochonder dargestellt.

Aktuell bezieht Anni Conrad Krankengeld, das wohl im Oktober auslaufen wird. Wie es danach für sie weitergeht, weiß sie noch nicht. Die Politik müsse auch Richtlinien für die Erteilung eines Schwerbehindertenausweises für Long-Covid-Patienten aufstellen. Aber auch das Thema Erwerbsunfähigkeitsrente beschäftige viele Betroffene momentan sehr.

"Ich hoffe darauf, dass es besser wird und gleichzeitig, dass ich lerne, damit umzugehen. Das ich auch eine Perspektive bekomme, wie ich irgendwo wieder mein eigenes Geld verdienen kann und mit den Einschränkungen dann leben werde."

Das Interesse an der neuen Selbsthilfegruppe scheint groß zu sein. Nach Angaben von Anni Conrad gibt es bereits 20 Personen, die aktiv mitarbeiten. Pro Woche meldeten sich drei bis fünf neue Long-Covid-Erkrankte. Und dabei habe es noch gar keine Infokampagne für das Angebot gegeben, betont die 42-Jährige. In Kürze sollen Kontaktmöglichkeiten bekannt gegeben werden.

Die Heilbronnerin hofft einfach, dass es mehr Verständnis für das neue Krankheitsbild gibt. Und das die Forschung möglichst schnell Fortschritte macht, um die Symptome besser behandeln zu können.

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