Krankenpfleger bekleiden sich mit Schutzkleidung vor einem Krankenzimmer auf der Intensivstation des Uniklinikums Essen, in dem ein Corona-Patient aus Frankreich behandelt wird.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Marcel Kusch/dpa)

Pflegenotstand in den Krankenhäusern

Warum Krankenpfleger freiwillig in die Leiharbeit gehen

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Siri Warrlich

In vielen Branchen gilt Leiharbeit als Arbeit zweiter Klasse. Für manche Krankenpfleger hingegen ist sie ein Ausweg aus schlechter Bezahlung, Wochenendarbeit und Überstunden. Ein Pfleger, der in Heilbronn arbeitet, berichtet.

Bei seiner Arbeit geht es um Leben und Tod, das Stresslevel ist oft immens – doch am Ende reicht das Geld gerade so für die Alltagsausgaben. 1.700 Euro netto verdiente Krankenpfleger Simon früher bei einer 40-Stunden-Woche.

Irgendwann wollte er nicht mehr so weitermachen – und traf eine Entscheidung: Er kündigte seine Festanstellung in einem Krankenhaus und ging zu einer Leiharbeitsfirma.

Ein Krankenpfleger geht über einen Flur in einem Krankenhaus. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Philipp Schulze/dpa)
Auch körperlich anstrengend: Etwa 14 Kilometer zu Fuß legt Simon nach eigenen Angaben in einem Dienst zurück (Symbolbild) picture alliance / Philipp Schulze/dpa

In Wirklichkeit heißt Simon anders. Er will anonym bleiben. Seit seinem Wechsel zur Leiharbeitsfirma arbeitet Simon nie länger als ein Jahr im selben Krankenhaus. Derzeit ist er an das SLK Klinikum in Heilbronn verliehen.

"Einmal Leasing, immer Leasing"

Leiharbeit – dem Wort haftet ein schlechter Ruf an. In vielen Branchen haben Leiharbeiter Nachteile gegenüber der Stammbelegschaft, verdienen zum Beispiel weniger. Im Gesundheitswesen ist es in mancherlei Hinsicht genau andersherum: "Einmal Leasing, immer Leasing", sagt Simon daher. Der 35-Jährige glaubt nicht, dass er je wieder in einer Festanstellung arbeiten will.

Denn seitdem Simon zur Leiharbeitsfirma gewechselt hat, arbeitet er weniger und verdient trotzdem wesentlich mehr. Auch Simons Arbeitszeiten seien heute besser planbar sind als früher in der Festanstellung, sagt er.

"Neulich zum Beispiel war der Pflegeaufwand einiger Patienten in der Schicht höher als sonst. Das bedeutet Überstunden, damit muss man rechnen als Festangestellter", erzählt Simon. "Ich darf als Leasingkraft dann trotzdem pünktlich gehen, das ist mir gestattet."

"Eine Festanstellung lohnt sich einfach nicht mehr, wenn man ein normales Leben haben will."

Auch der Umgang und die Wertschätzung bei der Leiharbeitsfirma seien anders als vorher im Krankenhaus. Wenn ein Einsatz weiter weg ist, übernehme die Firma zum Beispiel Tank- und Hotelkosten. "Man kriegt so viele Dinge, dass man sich fragt: ‚Warum soll ich überhaupt noch regulär im Krankenhaus arbeiten?‘"

Flexibilität gefordert

Zwar bringt der Status als Leiharbeiter auch Nachteile. Zum Beispiel muss Simon räumlich flexibel sein. Derzeit beträgt sein Fahrtweg zur Arbeit etwa 50 Kilometer pro Strecke.

Bei jedem Einsatz muss er sich neu beweisen und darf keine Fehler machen. Unterm Strich überwiegen für Simon aber die Vorteile der Leiharbeit.

Krankenpfleger läuft durch eine Tür mit der Aufschrift Notaufnahme (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Mindestens 25.000 Stellen in der Pflege können laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft nicht besetzt werden Picture Alliance

Pflegenotstand macht's möglich

Simon ist kein Einzelfall. Etwa 2,5 Prozent aller Beschäftigten im Pflegedienst an Krankenhäusern in Deutschland sind "ohne direktes Beschäftigungsverhältnis bei der Einrichtung", wie aus Daten des statistischen Bundesamts hervorgeht. Dabei handelt es sich zumeist um Leasingkräfte, schreibt die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) auf Anfrage.

Krankenpflegerinnen und -pfleger können sich aussuchen, wo sie arbeiten, denn der Arbeitsmarkt ist leer gefegt. Die DKG geht von 25.000 Stellen in der Pflege aus, die derzeit nicht besetzt werden können.

Sonderwünsche werden ermöglicht

Mehr Geld, mehr Wertschätzung, mehr Mitbestimmung bei den Arbeitszeiten – darin sieht auch Steffen Schüler die wichtigsten Gründe für Arbeitnehmer, in die Leiharbeit zu wechseln. Schüler ist Geschäftsführer der Lumis Südwest GmbH, einer süddeutschen Zeitarbeitsfirma im Gesundheitsbereich.

Wenn eine Krankenpflegerin oder ein -pfleger zum Beispiel Dauernachtschicht machen möchte oder nie am Wochenende arbeiten will, können Zeitarbeitsfirmen das möglich machen. Im regulären Dienstplan eines Krankenhauses hingegen sei das anders, so Schüler: "Wenn man mehrere Hundert Leute koordinieren und auf Wünsche des Einzelnen eingehen will, ist das schwieriger."

Die Kliniken lassen sich auf die Bedingungen der Zeitarbeitsfirmen ein, weil sie häufig keine andere Wahl haben, um kurzfristige Ausfälle zu kompensieren – zum Beispiel, wenn jemand krank wird oder wegen einer Schwangerschaft ein sofortiges Beschäftigungsverbot erhält.

SLK-Kliniken: Geschäftsführer Weber wünscht sich Leiharbeitsverbot

Ohne Leasingkräfte geht es deshalb aktuell nicht, sagt Thomas Weber, Geschäftsführer der SLK-Kliniken Heilbronn. Zwischen 16 und 20 Vollzeit-Leasingkräfte beschäftigen die SLK-Kliniken im Jahresdurchschnitt. Das entspricht laut Weber etwa einem Prozent der Belegschaft. Eine Leasingkraft kostet den Klinikverband je nach Berufsgruppe eineinhalb bis 1,7-mal so viel wie ein Festangestellter.

SLK-Geschäftsführer Thomas Weber würde daher ein Verbot von Leiharbeit in der Pflege befürworten. Er würde sich davon erhoffen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an die Krankenhäuser zurückkehren und die Häuser wieder mehr "interne Steuerungsmöglichkeiten" bei der Personalplanung hätten.

Thomas Weber, neuer Geschäftsführer der SLK-Kliniken Heilbronn (Foto: Pressestelle, SLK-Kliniken)
Thomas Weber, Geschäftsführer der SLK-Kliniken Heilbronn Pressestelle SLK-Kliniken

Das Land Berlin hat 2020 eine Initiative zur Eindämmung von Leiharbeit in der Pflege in den Bundesrat eingebracht. Doch das Vorhaben hat seitdem laut einer Bundesratsprecherin keine bekannten Fortschritte gemacht. Es ist unklar, ob aus der Initiative je ein Gesetz hervorgehen wird.

Nachhaltig lasse sich das Problem nur durch mehr Personal lösen, schreibt die Deutsche Krankenhausgesellschaft auf Anfrage zur Thematik. "Dazu müssen Politik, Kassen und natürlich auch die Krankenhäuser die Arbeitsbedingungen verbessern und auch gute Gehälter bezahlen und vor allem finanzieren", schreibt ein Referent der DKG.

SLK-Kliniken hoffen auf internen Springerpool

Um perspektivisch ohne Leiharbeiter auszukommen, haben die SLK-Kliniken in den letzten Jahren angefangen, einen internen Springerpool aufzubauen.

Mit mehr Gehalt will die Klinikleitung Mitarbeiter dazu motivieren, wann immer nötig kurzfristig den Arbeitsbereich zu wechseln. 30 Mitglieder für den Pool seien das Ziel, so Weber. Bisher machen aber erst halb so viele mit.

SLK beteiligen sich an Leiharbeitsfirma

Solange die SLK-Kliniken nicht ohne Leasingkräfte auskommen, beteiligen sie sich selbst an einer Zeitarbeitsfirma: Der Klinikverband gehört gemeinsam mit anderen Krankenhäusern in Baden-Württemberg zu den Gesellschaftern der Zeitarbeitsfirma Lumis Südwest GmbH.

Im ersten Moment klingt das paradox. Warum beteiligen sich die SLK-Kliniken an einer Arbeitsform, die sie eigentlich abschaffen möchten?

SLK Klinikum Wegweiser Schild (Foto: SWR)
An den SLK-Kliniken wird ein Springerpool aufgebaut

Keine Umsatzsteuer, weniger Kosten

Dafür gebe es zwei wesentliche Motivationsgründe, sagt SLK-Geschäftsführer Thomas Weber. Zum einen erhoffe sich die Klinikleitung durch die Beteiligung an der Lumis Südwest GmbH mehr Verlässlichkeit und Qualität sowie eine schnellere Verfügbarkeit beim Leasing-Personal. Denn die Lumis Südwest GmbH verleihe das Zeitarbeitspersonal ausschließlich an die zehn Krankenhäuser in Baden-Württemberg, die Mitgesellschafter der Firma sind.

Der zweite Grund: Wenn Leiharbeit innerhalb des Unternehmensverbunds stattfindet, müssen die SLK-Kliniken darauf keine Umsatzsteuer bezahlen, so Weber. "Und wir setzen natürlich die Gewinnspanne, die Leasingunternehmen haben, bei uns intern nicht an." Dadurch soll der Kostenfaktor für Leasingkräfte gesenkt werden.

Krankenpfleger will in Leiharbeit bleiben

Für den Krankenpfleger Simon steht fest, dass er bis auf Weiteres in der Leiharbeit bleiben wird.

Neulich habe er mal wieder ein Vorstellungsgespräch für eine Festanstellung in einem Krankenhaus wahrgenommen. „Aber das Gehalt war zu lächerlich“, sagt Simon. "So lange sich da nichts ändert, werde ich wohl nie wieder fest angestellt arbeiten."

Mannheim

Ausbildung zur Pflegekraft im Krankenhaus Pflege-Azubi in Mannheim: "Habe Entscheidung nie bereut"

Der Pflegenotstand ist Dauerthema in vielen Krankenhäusern. Aber: Es gibt noch junge Leute, die unbedingt in der Pflege arbeiten wollen. Zum Beispiel in Mannheim.

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Siri Warrlich