Wasserspeier "Judensau" an der Ritterstiftskirche in Bad Wimpfen (Foto: SWR)

Auswirkungen auf Wimpfener Ritterstiftskirche?

BGH-Urteil zum "Judensau"-Relief: Schmähplastik in Wittenberg darf bleiben

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Der BGH in Karlsruhe hat über eine judenfeindliche Schmähplastik, die "Judensau", in Wittenberg entschieden. Eine ähnliche Darstellung gibt es auch in Bad Wimpfen.

Laut Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) darf die als Wittenberger "Judensau" bekannte Schmähplastik weiter an der dortigen Stadtkirche bleiben. Der Kläger könne die Entfernung nicht verlangen, weil es an einer "gegenwärtigen Rechtsverletzung" fehle, so der Vorsitzende Richter Stephan Seiters des VI. Zivilsenats zur Begründung. Durch die Bodenplatte und einen Aufsteller mit erläuterndem Text habe die Kirchengemeinde das "Schandmal" in ein "Mahnmal" umgewandelt.

Urteil des Bundesgerichtshofs Antisemitisches Relief darf bleiben

Der Bundesgerichtshof hat entschieden: Das als "Judensau" bekannte Relief an der Wittenberger Stadtkirche darf bleiben. Die Kirche habe sich durch einen Aufsteller und einen Erklä…  mehr...

Schon ein vorheriges Urteil zur Wittenberger Plastik erlaubte die Darstellung. Auch hier war ein Grund, dass ein Erklärtext angebracht ist.

Kläger empfindet jahrhundertealte Schmähplastik als Beleidigung

Kläger Michael Düllmann, der jüdischen Glaubens ist, kämpft seit 2018 gerichtlich für die Entfernung des Wittenberger Sandsteinreliefs aus dem 13. Jahrhundert, weil er es als Beleidigung empfindet. Der Streit hat grundsätzliche Bedeutung. In Europa gibt es geschätzte 50 weitere ähnliche Darstellungen an Kirchen. 2020 hatte das Oberlandesgericht Naumburg die Klage abgewiesen.

Kläger Michael Düllmann (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Michael Düllmann kämpft seit 2018 für die Entfernung der Schmähskulptur (Archivbild). Picture Alliance

Auch in Bad Wimpfen (Kreis Heilbronn) gibt es solch eine Schmähplastik. Der flüchtige Betrachter wird sie kaum entdecken, sie ist in über sieben Metern Höhe an der hinteren Außenfassade der gotischen Ritterstiftskirche angebracht: ein Wasserspeier in Form einer Sau, an deren Zitzen ein Jude liegt. Weil im jüdischen Glauben Schweine als unrein eingestuft werden, gilt die Skulptur als antijüdisch - ebenso wie das Relief an der Fassade der Wittenberger Stadtkirche (Sachsen-Anhalt).

In Bad Wimpfen gab es bisher keinerlei Beanstandungen an der "Judensau", so der Historiker Bernd Wetzka. Auch Nachfahren jüdischer Bürger der Stadt hätten bisher nicht den Wunsch geäußert, die Schmähplastik zu entfernen. Ob nun das Urteil Einfluss auf den Verbleib der Wimpfener Schmähplastik hat, ist fraglich.

Vorbildlicher Umgang in Bad Wimpfen

In Bad Wimpfen bemüht man sich seit Langem, das Thema Judenfeindlichkeit aufzuarbeiten - unter anderem mit verlegten Stolpersteinen und Gedenktafeln. Das BGH-Urteil wurde hier mit Interesse erwartet und wenn es nach dem Willen der Stadt geht, wird das historische Überbleibsel als Zeichen der Gedenkkultur auch weiterhin an der Ritterstiftskirche hängen bleiben.

In den 80er-Jahren wurde der Wasserspeier der Bad Wimpfener Ritterstiftskirche erneuert - das Original liegt seit über 20 Jahren im Reichsstädtischen Museum - in einem Raum, der speziell den jüdischen Mitbürgern in Wimpfen gewidmet ist.

Bernd Wetzka im Reichsstädtischen Museum in Bad Wimpfen an einer historischen Skulptur zur Verspottung von Juden (Foto: SWR)
Der Wimpfener Historiker Bernd Wetzka hat sich ausführlich mit der Geschichte der "Judensau" befasst.

In Kritik geriet die Skulptur erst durch den Aktionskünstler Wolfram Kastner, der vor einigen Jahren auf die sogenannte "Judensau" an der Ritterstiftskirche aufmerksam machte. Das zuständige Erzbistum Mainz brachte daraufhin eine Erklärtafel an der Fassade an.

"Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland findet diese Tafel und den Text als gelungene Darstellung. Er hat sich eher gegen die Entfernung von solchen Denkmälern ausgesprochen."

Erklärtafel zur Schmähplastik "Judensau" in Bad Wimpfen (Foto: SWR)
Erklärtafel zur "Judensau" an der Ritterstiftskirche in Bad Wimpfen (Archivbild)

Zeichen der Abgrenzung von jeglicher Form der Menschenfeindlichkeit

Ähnlich sieht man das beim Verein "Jüdisches Leben Kraichgau" mit Sitz in Eppingen (Kreis Heilbronn). In einer schriftlichen Stellungnahme, die dem SWR vorliegt, heißt es:

"Auf jeden Fall ist es wichtig, diese Diskussion zu führen und ein deutliches Zeichen der Abgrenzung von jeder Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu setzen. Ob man das tut, indem man das Ding abbaut und in ein Museum stellt oder vor Ort in einen historischen oder kunsthistorischen Zusammenhang stellt, muss die Kirche und die Gemeinde vor Ort entscheiden. Hauptsache, es wird klar, dass niemand dort heute mehr so denkt oder denken soll."

BGH-Richter: "in Stein gemeißelter Antisemitismus"

Der Vorsitzende Richter in Karlsruhe, Stephan Seiters, nannte die Darstellung bereits bei der Verhandlung Ende Mai "in Stein gemeißelten Antisemitismus". Klar sei, dass Düllmann unmittelbar in seinen Rechten betroffen sei, weil nach der Schoah alle in Deutschland lebenden Juden besonderen Schutz genössen. Zu entscheiden war, ob die Darstellung durch den seit 1988 unter dem Fassadenrelief gestalteten Gedenkort mit Informationstexten "zu einem Mahnmal umgewandelt wurde". Zu klären war ebenfalls, ob sich die Kirchengemeinde ausreichend von der antisemitischen Aussage distanziert habe.

In den Augen des Gerichts scheinen diese Fragen entschieden. Kläger Düllmann sagte vor dem BGH-Urteil, die Kirchen müssten sich der Mitverantwortung für die Judenverfolgung stellen und die Skulptur entfernen, andernfalls "wirkt der kirchliche Antijudaismus weiter". Im Falle der Niederlage vor dem BGH - so hatte er es angekündigt - wollte Düllmann sich ans Bundesverfassungsgericht oder an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) wenden.

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