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Bis Ende kommenden Jahres soll das Kernkraftwerk Neckarwestheim II noch Strom erzeugen. Doch nun warnt ein namhafter Gutachter: Das 32 Jahre alte Kraftwerk sei unsicher, es könne jederzeit zu einem schweren Unfall kommen. Dem SWR liegen seine Angaben exklusiv vor.

Schon vor zwei Jahren kam bei Routineuntersuchungen in Neckarwestheim (Kreis Heilbronn) heraus, dass es an Rohren, die radioaktives Wasser enthalten, Korrosion und Risse gibt. Das Umweltministerium kam nach Prüfung zum Ergebnis: keine Sicherheitsbedenken. Denn falls diese Rohre wirklich kaputt gingen, dann gebe es zuerst ein winzig kleines Leck, aus dem radioaktives Wasser austreten würde. Dies aber würden Sensoren erkennen und das Kraftwerk könne kontrolliert abgeschaltet werden.

Maschinenhaus Neckarwestheim Block 1 Blick von oben beim Rückbau (Foto: SWR, Dambach, Alexander)
Maschinenhaus im benachbarten Block 1 des AKW Neckarwestheim Dambach, Alexander

Gutachter: Spezielle Art der Korrosion in Neckarwestheim

Doch genau dieser Einschätzung widerspricht der ehemalige Leiter der Abteilung "Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen" im Bundesumweltministerium, Dieter Majer. Die Schäden an den Rohren, die radioaktives und unter extrem hohen Druck stehendes Wasser führen, seien schon 2018 als sogenannte "interkristalline Spannungsrisskorrosion" eingeschätzt worden. Diese sehr spezielle Art der Korrosion trete nur auf, "wenn drei bestimmte Voraussetzungen gegeben sind, die in Neckarwestheim gegeben waren", erklärt Majer.

Zunächst habe man geglaubt, solche Bedingungen treten dort nicht auf. Aber Majer betont, dass durch Materialeintragung in den Dampferzeugern eben doch Bedingungen entstanden seien, die dazu geführt hätten, dass das Wasser nicht mehr chemisch neutral ist, sondern einen sauren Zustand angenommen hat. "Salzsäure und ähnliches - ist in diese Dampferzeuger eingetragen worden und dies hat zu dieser Spannungsrisskorrosion geführt". Und eben diese Spannungsrisskorrosion sei dadurch gekennzeichnet, dass es keine Möglichkeit gibt, vorherzusagen wann ein Rohr tatsächlich zu brechen droht.

Neckarwestheim

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Im Kernkraftwerk Neckarwestheim ist bei einem Routinerundgang radioaktives Abwasser in einem separaten Raum entdeckt worden. Es war offenbar aus einer undichten Armatur ausgetreten.  mehr...

Rohrbruch könnte zu schwerem Zwischenfall führen

Aus solch einem Rohrbruch könnte sich dann ein schwerer Zwischenfall entwickeln, bei dem auch größere Mengen Radioaktivität in die Umwelt geraten könnten. Dieter Majer fordert daher, Neckarwestheim II sofort abzuschalten. Hinter dieser Forderung steht auch die "Bürgerinitiative Ausgestrahlt". Sie hatte das Gutachten beim Kraftwerksexperten Majer in Auftrag gegeben.

Umweltministerium reagiert auf Berichterstattung des SWR

Das Umweltministerium reagierte am Nachmittag mit einer Pressemitteilung auf die Berichte des SWR. Dem Ministerium lägen bisher keine neuen Unterlagen vor, nach denen das Problem der schadhaften Heizrohre neu bewertet werden müsste. Das Gutachten haben man bisher nicht erhalten, so das Ministerium. Der SWR hatte das Umweltministerium mehrfach angefragt und Fragen gestellt, die sich aus dem Gutachten ergeben. Gleichzeitig wurde dem Ministerium mitgeteilt, dass man das Gutachten nicht übermitteln werde, da der SWR weder Urheber noch Besitzer des Gutachtens sei. Eine Interviewanfrage an das Ministerium blieb unbeantwortet.

Ein Warnschild, die vor radioaktiven Stoffen oder ionisierenden Strahlen warnt, hängt an einem Fenster zu den Zerlegebereichen in einem Zwischenlager eines Atomlager-Betreibers (Archiv). (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa (Archivbild))
Geht vom Kernkraftwerk Neckarwestheim II eine konkrete Gefahr aus? picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa (Archivbild)

Besteht Handlungsbedarf in Neckarwestheim?

Doch der pensionierte Kraftwerksexperte Majer sieht Handlungsbedarf: Das Umweltministerium stütze sich auf Gutachten, die aber alle nicht nachgewiesen hätten, dass die "Voraussetzung der Kerntechnischen Regeln" gegeben sind, also die Sicherheit garantiert ist. Es sei eben nicht erwiesen, dass die beschädigten Rohre ihre Altersschwäche zunächst per kleinen Lecks erkennen ließen, bevor es einen plötzlichen Bruch geben würde.

Majer warnt eindringlich: "Wenn wir einen totalen Rohrabriss haben, dann haben wir einen massiven Übertritt vom Primärkreis, der hoch radioaktiv ist, zum Sekundärkreis, der nicht radioaktiv sein darf, weil von dort nach außen Öffnungen bestehen."

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