Gedenken des 15. Jahrestages der tödlichen Schüsse auf die Heilbronner Polizistin Michele Kiesewetter: Vertreter des Polizeipräsidiums Heilbronn, Innenminister Thomas Strobl (CDU), Heilbronns OBerbürgermeister Harry Mergel (SPD) (von links) (Foto: SWR)

Mord auf Heilbronner Theresienwiese vor 15 Jahren

Kiesewetter-Gedenken dieses Jahr auch im Zeichen von Boxberg-Einsatz

STAND

Der Mord an der Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter jährt sich zum 15. Mal. Der SEK-Einsatz von Boxberg-Bobstadt zeigt: Rechtsextreme Strukturen in der Region bleiben ein Thema.

Blumenkränze und eine Schweigeminute vor der Gedenktafel auf der Heilbronner Theresienwiese - Vertreter des Polizeipräsidiums Heilbronn, der Heilbronner Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD) und Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben am Montagvormittag der getöteten Polizistin Michèle Kiesewetter gedacht.

"Michèle Kiesewetter hat Verantwortung für die Werte unserer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft übernommen und ihr Leben dabei verloren. Ihr Dienst für unser Land und seine Menschen (...) wird in unserer Erinnerung bleiben".

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Auf den Tag genau 15 Jahre ist es am Montag her: Am 25. April 2007 wird die Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter während einer Pause auf der Theresienwiese durch einen gezielten Schuss in den Kopf getötet. Ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Was genau am Tatort passierte, bleibt lange ungeklärt. Bis 2011 herauskommt: Kiesewetter wurde Opfer der rechtsextremen Terrororganisation "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU).

Insgesamt zehn Menschen hat der NSU deutschlandweit ermordet, Sprengstoffanschläge und Raubüberfälle verübt. Die 22-jährige, aus Thüringen stammende Polizistin in Heilbronn ist das letztes Opfer.

Beamte der Spurensicherung der Polizei arbeiten am 25.04.2007 auf der Heilbronner Theresienwiese (Baden-Württemberg) an einem Tatort, an dem zuvor die Polizeibeamtin Michele Kiesewetter getötet wurde. (Foto: dpa Bildfunk,  Bernd Weißbrod/dpa)
Beamte der Spurensicherung der Polizei arbeiten am 25.04.2007 auf der Heilbronner Theresienwiese (Baden-Württemberg) an dem Tatort, an dem zuvor die Polizeibeamtin Kiesewetter getötet wurde. Bernd Weißbrod/dpa

Polizei jagt mit Gen-Spur das "Phantom von Heilbronn"

Jahrelang jagte die Polizei nach dem Mord das "Phantom von Heilbronn": eine vermeintliche Gewalttäterin, der unter anderem sechs Morde angelastet wurden und die ihre "Gen-Spur" auch nach mehreren Einbrüchen hinterlassen hatte. Im März 2009 dann musste der Heilbronner Oberstaatsanwalt Volker Link zugeben: Das Erbgut war beim Verpacken in der Fabrik auf die Wattestäbchen zur Spurensicherung gekommen - und hatte die Ermittlerinnen und Ermittler an der Nase herumgeführt.

Bis zu jenem Tag hatte es keine heiße Spur zu den Mördern der Polizistin Kiesewetter in Heilbronn gegeben. Über vier Jahre gingen die Ermittlungen der Sonderkommission in Heilbronn ins Leere. Als wenige Tage nach einem Wohnmobil-Brand in Thüringen, der zum Auffliegen der Terrororganisation führte, die Waffen der ermordeten Polizistin und ihres Kollegen gefunden wurden, war die Lage aber klar.

Vieles bleibt ungeklärt

Ungereimtheiten bleiben, auch Untersuchungsausschüsse unter anderem in Berlin und Stuttgart konnten kein Licht ins Dunkel bringen. So gibt es zum Beispiel zwar Indizien, aber keine Beweise, dass die NSU-Mitglieder Mundlos und Böhnhardt überhaupt auf der Theresienwiese waren. Und wurde die Polizistin Kiesewetter wirklich zufällig zum Opfer des NSU? Hatte der NSU in Baden-Württemberg nur Kontakte oder auch Helferinnen und Helfer? Der jetzige Innenminister Thomas Strobl (CDU) hofft noch immer, dass es darauf Antworten geben wird, womöglich, weil Mitwisser auspacken.

"Es gibt ja auch Personen, die zur Aufklärung beitragen könnten, wenn sie das wollten. Und insofern denke ich, dass da noch Aufklärung auf jeden Fall stattfinden wird."

Einsatz gegen "Reichsbürger" in Bobstadt ein schmerzlicher Weckruf

Kurz vor dem 15. Jahrestag des Mordes hat die Polizei in Boxberg-Bobstadt (Main-Tauber-Kreis) nun erneut ein Verbrechen mit rechtsextremem Hintergrund aufgedeckt. Bei einem SEK-Einsatz gegen einen mutmaßlichen "Reichsbürger" am vergangenen Mittwoch wurde schweres Kriegsgerät gefunden, Hieb- und Stichwaffen sowie bergeweise nationalsozialistische Devotionalien.

Pressekonferenz Polizei Heilbronn (Foto: SWR, Simon Bendel)
Auch bei dem mutmaßlichen Reichsbürger in Boxberg-Bobstadt gibt es wohl Verbindungen in die rechtsextreme Szene. Simon Bendel

Die Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang. Aber schon jetzt deutet vieles darauf hin, dass es Verbindungen gibt, die über das kleine Bobstadt hinaus reichen. Der Vorfall ist auch ein schmerzlicher Weckruf: Rechtsextreme Strukturen in der Region waren nie weg.

Netzwerk gegen Rechts: "Wir dürfen nicht wegschauen"

Silke Ortwein von der Initiative "Heilbronn sagt Nein!" sieht darin allerdings auch eine Chance, das Thema wieder einer breiteren Öffentlichkeit bewusst zu machen. Das jährliche Gedenken an die Polizistin sei das eine, das Bewusstsein darüber, dass es nicht das einzige rechtsextreme Verbrechen in der Region gewesen sei, das andere.

"Es sind beides Polizisten, die angeschossen oder sogar getötet wurden. In irgendeiner Weise kam jeweils die NS-Ideologie ins Spiel. Wenn man da nicht hinschaut, wird das immer weiter gehen. Wir werden keine Ruhe bekommen in der Region, wenn wir nicht versuchen, uns gegen diese nationalsozialistischen Tendenzen zu stellen."

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