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Schülerinnen und Schüler an sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) hatten bisher Probleme mit Online-Lernplattformen. Eine Software aus Heilbronn soll helfen.

Stina sieht nicht so gut. Aufgaben in der Schule bereiten der Schülerin manchmal Probleme. Wenn Stina einen Schub hat, wird alles unscharf.

"Ich habe Schübe, manchmal sehe ich besser, manchmal sehe ich schlechter."

Bisherige Lernplattformen nicht barrierefrei

Die Lernplattformen, die ihr SBBZ für Sehbehinderte bisher für den Heimunterricht nutzte, sind dafür nicht entwickelt. Die meisten Schulen in Baden-Württemberg nutzen Programme, die für Wirtschaftsunternehmen geschrieben wurden. Barrierefrei sind sie nicht.

Das will der "eKlassenraum" aus Heilbronn ändern. Die Lernplattform wurde von einer Gruppe junger Entwickler programmiert. Ihr Ziel: Barrierefreies Lernen für alle - ob im Homeschooling oder vor Ort. Stina Winters Schule ist eine von 150 SBBZ im Land, die in einem Pilotprojekt die Plattform testen.

Sprachausgabe, Bildschirmlupe und Gebärdensprache

"Bitte bereitet schon mal eure Unterlagen vor", sagt eine krächzende Computerstimme, als Stina mit dem Finger über eine Stelle auf ihrem Tablet fährt. Die integrierte Sprachausgabe für Schülerinnen und Schüler, die Sehprobleme haben.

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Wenn wieder ein Schub kommt und alles unscharf wird, aktiviert Stina außerdem die Bildschirmlupe. Das klingt einfach, aber selbst das bieten bisherige Programme nicht.

"Wenn man die Vergrößerungsfunktion aktiviert, wird alles größer, es bleibt aber genauso scharf. So kann ich viel besser damit arbeiten, weil ich auch den Text gescheit lesen kann, ohne zu entziffern, was die Buchstaben oder Wörter bedeuten sollen."

SBBZ sind bisher nicht im Fokus gewesen

Stinas Schulleiterin Kerstin Freudenthaler ist froh, dass sich endlich jemand um SBBZ kümmert. Denn körperlich oder geistig eingeschränkte Kinder seien in der Diskussion um Schulöffnungen, Lernplattformen und Homeschooling bisher viel zu kurz gekommen.

"Es ist extrem wichtig, dass die Schüler eine Plattform haben, mit der sie individuell alle ihre Bedürfnisse abdecken können. Und nicht noch eine Extra-Software brauchen, die sie im Hintergrund öffnen müssen, um Dinge zu vergrößern oder um den Kontrast zu verändern."

Programm entstand aus Eigeninitiative

Waldemar Koch und sein Entwicklerteam haben die vergangenen acht Wochen kaum geschlafen. Sie haben vom Land den Auftrag bekommen, ihre Lernplattform, die sie vergangenen Herbst auf Eigeninitiative und ohne größere finanzielle Unterstützung entwickelt haben, so zu programmieren, dass SBBZ damit barrierefrei arbeiten können - eine große Herausforderung.

"Es war spannend für uns herauszufinden, was es denn für Barrieren gibt beim Lernen oder bei digitalen Lösungen, und wir haben uns jede einzelne Barriere angeschaut von Hören, Sehen bis hin zur Motorik und haben explizit dafür die Lösung entwickelt."

Weltweit erste barrierefreie Plattform

Mit Erfolg: Die Heilbronner Plattform ist die erste weltweit, die komplett barrierefrei ist. Für hörgeschädigte Schülerinnen und Schüler gibt es eine Gebärdensprachfunktion. Das Programm lässt sich aber auch mit jedem handelsüblichen Videospielcontroller steuern - hier es wird für Schulleiter Philipp Schmiedeknecht und seine Schule für motorische Einschränkungen in Bad Wimpfen (Kreis Heilbronn) interessant.

Die Heilbronner Lernplattform "eKlassenraum" lässt sich auch mit einem Videospielcontroller steuern. (Foto: SWR)
Motorisch eingeschränkte Kinder können die Plattform auch mit einem handelsüblichen Spielecontroller steuern.

"Gerade die Steuerung über einen Spielekonsolencontroller finde ich toll, weil es einfach eine teure Hardware nachbildet, die unsere Schüler oft haben über die Krankenkasse, aber natürlich nicht überall dabei haben. So ein einfacher Controller ist natürlich etwas, was man schnell mal einpacken und mitnehmen kann."

Ehrgeiziges Ziel: Kostenlos für alle

Bisher läuft der Pilotversuch mit dem "eKlassenraum" nur in Baden-Württemberg. Auch andere Bundesländer haben schon Interesse angemeldet. Doch das reicht Waldemar Koch und seinem Team noch nicht. Sie wollen mehr. Die Entwickler haben eine Spendenkampagne gestartet, wollen 20 Millionen Euro einnehmen. Denn dann könnten Schulen auf der ganzen Welt mit ihrer barrierefreien Software "made in Heilbronn" ausstatten.

Waldemar Koch startet mit seiner Lernplattform "eKlassenraum" einen Pilotversuch. (Foto: SWR)
Waldemar Koch und sein Team wollen die Software allen Schulen weltweit kostenlos zur Verfügung stellen.

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