Familie Petruchenko ist aus der Ukraine geflüchtet. Mutter, Tochter und Großmutter berichten von der Flucht und ihrem aktuellen Leben. (Foto: SWR)

"Irgendwann hörte die Welt, in der wir lebten, auf zu existieren"

Von Gostomel nach Heilbronn: Eine ukrainische Geflüchteten-Familie erzählt

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Die hohe Zahl an Geflüchteten aus der Ukraine stellt das Land, aber auch die Stadt Heilbronn, vor immer größere Herausforderungen. Aber auch die Dankbarkeit ist groß.

Die Zahl der Geflüchteten steigt und mit ihr auch die Zahl der Probleme, die bewältigt werden müssen. Nicht nur Wohnraum wird gebraucht, auch Kita- und Schulplätze werden benötigt. 1.462 ukrainische Geflüchtete leben derzeit in Heilbronn. Die Ressourcen werden der Stadt zufolge aber knapper. Dabei ist ein Großteil der ukrainischen Geflüchteten privat, etwa über Freunde und Bekannte untergekommen. Nur ein Drittel ist auf städtische Unterkünfte angewiesen. Derzeit nimmt in Heilbronn auch die Zahl der Geflüchteten aus anderen Nationen als der Ukraine zu. Sollten die Flüchtlingszahlen weiter ansteigen, werde die Situation laut Stadt zunehmend schwieriger.

Eine ukrainische Geflüchteten-Familie berichtet

1.462 Geflüchtete aus der Ukraine in Heilbronn, das ist die Zahl. Dahinter stehen Schicksale. So wie bei der Familie Petruchenko. Das alte Leben von Tochter, Mutter und Großmutter endete vor 8 Monaten, als der Krieg ausbrach. Die Familie lebte in Gostomel bei Kiew. Maya Petruchenko floh zusammen mit ihrer 8-jährigen Tochter und ihrer eigenen Mutter.

"Irgendwann hörte die Welt, in der wir lebten, auf zu existieren."

Erst nach einer Woche unter schwerem Beschuss gelang es Mayas Mann, seine Frau, Tochter Yelizaveta und die Großmutter Keterina Petruchenko zusammen mit 20 weiteren Frauen und Kindern zu evakuieren, erzählt Maya. Mit nur einem Koffer flüchteten die Frauen. Der Vater darf das Land nicht verlassen, die Familie ist zerrissen. Der Weg der Petruchenkos führte über Freunde und mit Hilfe der Freikirche Gemeinde Gottes nach Heilbronn.

Die Dankbarkeit ist groß

Maya Petruchenko hat Arbeit gefunden, räumt in einer Drogeriekette Regale ein, obwohl sie in der Ukraine als IT-Fachfrau gearbeitet hat.

"Wir müssen im Kleinen beginnen."

Dass sie unter ihren Möglichkeiten arbeitet, macht der Ukrainerin nichts aus. Sie sei dankbar, in Deutschland einen "friedlichen Himmel", wie sie sagt, über sich zu haben.

Mit Musik gegen die Sorgen

Mayas Tochter Yelizaveta besucht die Willkommensklasse für ukrainische Kinder an der Josef-Schwarz-Schule in Heilbronn. Die Privat-Schule verlangt von der Familie keine Gebühren, hilft mit.

"Diese Bedingungen, die wir für unsere Kinder haben, sind unbeschreiblich gut. Ich habe noch nie im Leben sowas erlebt, wie liebevoll die Lehrer zu unseren Kindern sind."

Neben der Willkommensklasse besucht Yelizaveta die Musikschule Heilbronn. Auch die Lehrerin der 8-Jährigen ist aus der Ukraine geflüchtet. Der Musikunterricht für geflüchtete Kinder aus der Ukraine wird durch Spenden, die an die Stadt gegangen sind, finanziert. Allerdings nur noch bis zum Sommer nächsten Jahres. Yelizaveta hilft das Klavierspiel, ihre Sorgen um den Vater im Kriegsgebiet zu vergessen.

Ablenkung durch Musik: Der 8-jährigen Yelizaveta Petruchenko hilft das Musizieren bei der Bewältigung ihrer Sorgen. (Foto: SWR)
Ablenkung durch Musik: Der 8-jährigen Yelizaveta Petruchenko hilft das Musizieren bei der Bewältigung ihrer Sorgen.

"Wir wollen, dass Papa kommt, oder wir zu ihm, und wir wollen, dass wieder alles gut wird."

Für Yelizaveta, Maya und Keterina Petruchenko bleiben, solange Krieg in ihrer Heimat herrscht, die Ungewissheit und der Wunsch nach einer Zukunft ohne Furcht und Angst. So wie vermutlich vielen der 1.462 anderen ukrainischen Flüchtlinge in Heilbronn.

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