Der Maßregelvollzug in Weinsberg (Foto: Julian Buchner / Einsatz-Report24)

Sechs Wochen nach dem Ausbruch aus der Psychiatrischen Klinik

"Die anderen Patienten in Weinsberg sind zurecht sauer"

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Sechs Wochen nach dem Ausbruch aus der Psychiatrischen Klinik am Weissenhof hat die öffentliche Aufmerksamkeit den übrigen Patienten die Resozialisierung erschwert.

Die Männer in den blauen Arbeitsjacken schleifen, sägen und leimen. In der Holzwerkstatt des Weissenhofs arbeiten ausschließlich Patienten im Maßregelvollzug. Alle hier sind Straftäter, wegen einer Suchterkrankung aber nicht im Gefängnis. Nach der Arbeit geht es wieder zurück in den Hochsicherheitsbereich der Klinik. Bis dahin ist das hier für sie aber wieder ein kleines Stückchen Normalität, sagt der Leiter der Arbeitstherapie, Ulrich Himmelmann.

"Wir haben hier Bedingungen, wo man sagen kann, das ist fast schon was in einem Handwerksbetrieb und in der Industrie verlangt wird."

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Den Patienten soll das nach der Heilung helfen, einen Job zu finden. Doch bis jemand überhaupt so weit ist, dauert es. Jeder Straftäter, der aufgrund einer Suchterkrankung in die Klinik kommt, startet hinter Gittern. Auf der geschlossenen Station. Selbst der ärztliche Direktor Matthias Michel kommt hier nicht rein ohne das Sicherheitspersonal.

"Hier sind die Aufnahmestationen und auch die Krisenstationen, wo die besonders gesichert sind, eben solange wir die Patienten noch nicht gut kennen oder wenn die Patienten sich in besonderen Krisensituationen befinden."

Von hier sind auch die vier Männer vor sechs Wochen geflüchtet. Sowas komme sehr selten vor, sagt Michel. Aber es sei eben möglich: Denn auch wenn es so aussieht, mit Sicherheitszäunen, Überwachungskameras und schweren Türen - das hier ist kein Hochsicherheitsgefängnis. Die Therapie stehe im Vordergrund - mit vielen kleinen Schritten der Lockerung.

"Das geht los erstmal mit begleitetem Einzelgang im Garten bis hin zu irgendwann, dass man auch mal alleine im Gelände jemand laufen lässt."

Erst wenn das alles klappt, nach mehren Monaten, können die Patienten auf die offene Station. Einer von ihnen spricht mit uns. Er hat Drogen geschmuggelt und genommen. Jetzt ist er in der letzten Therapiephase, darf an den Wochenenden sogar schon nach Hause.

"Die Zeit der Therapie finde ich gut, muss ich sagen. Die Kurzzeittherapien draußen gehen drei bis sechs Monate, da kannst du dich nicht wirklich stabilisieren, auch kommst dann gleich wieder in ein Gefühlschaos, wenn du draußen bist. Hier hat man dann wirklich die Zeit, die dir auch ein Stück weit Sicherheit gibt, Stabilität und Selbstbewusstsein.“

Er und andere Patienten sind deshalb auch sauer auf die Geflüchteten. Sie seien Kriminelle, die den Maßregelvollzug nur nutzten, um abzuhauen. Das schade denen, die hier sind, weil sie wirklich Heilung wollen.

"Das wurde auf gut Deutsch durch den Dreck gezogen. Wir sind nicht alle gleich. Die, die wirklich was für sich tun wollen, können das hier auch für sich erreichen. Es gibt immer solche und solche, es schaffen nicht alle, das ist wie draußen auch."

Nur die, die nicht wollen, würden immer mehr, sagt auch der Klinikchef.

"Die anderen Patienten sind zurecht sauer. Dieses Klientel schafft auch eine andere Atmosphäre, auch auf den Stationen. Das therapeutische Setting, wie wir es uns wünschen, aufrechtzuerhalten, fällt immer schwerer, wenn ich mehr kriminelle Strukturen auf den Stationen habe."

Für die Patienten, die wirklich zurück in die Spur finden wollen, hätten die Therapeuten deshalb immer weniger Zeit.

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