Ein paar Cents sind in einer Geldbörse zu sehen. Die Folgen der Corona-Pandemie lassen aus Sicht von Schuldnerberatungsstellen etwa der Caritas und Diakonie immer mehr Menschen in Deutschland in finanzielle Not geraten. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Peter Steffen)

Brackenheimer Diakonie-Leiter: 9-Euro-Tickets oder Tankzuschüsse lösen Probleme nicht

Immer mehr Menschen brauchen finanzielle Hilfe - steigende Energiepreise verschärfen Situation

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Als "sehr angespannt" sieht der Brackenheimer Diakonie-Geschäftsführer die aktuelle Situation von Menschen, mit wenig Geld. Jetzt bereitet auch noch die Gas-Alarmstufe Sorgen.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat unlängst die Alarmstufe im sogenannten Notfallplan Gas ausgerufen. Nichtsdestotrotz werden die Versorger wahrscheinlich erst einmal direkte Mehrkosten nicht auf die Endkunden abwälzen. Doch das kann sich schnell ändern: Wirtschaftsexperten gehen wohl davon aus, dass die Preisanpassungsklausel schon bald aktiviert werdenn könnte. Die Preiserhöhungen würden dann früher oder später doch auf die Endkunden zukommen können.

Was das für Menschen bedeutet, die sowieso schon jeden Cent zweimal umdrehen müssen, liegt auf der Hand. Und das werden immer mehr: Ob in den Diakonie-, in den Tafelläden oder in der Sozialberatung, schon jetzt suchen immer mehr Menschen Hilfe beim Bewältigen der Lebenshaltungskosten, so Michael Marek, Geschäftsführer der Diakonischen Bezirksstelle Brackenheim (Kreis Heilbronn). Auch Nothilfemittel, mit denen Familien kurzfristig unterstützt werden könnten, etwa um eine Wohnung zu retten, seien momentan massiv angefragt.

Bild vom Geschäftsführer der Diakonie-Bezirksstelle Brackenheim Michael Marek (Foto: Diakonie Brackenheim)
Der Brackenheimer Diakonie-Geschäftsfüher macht sich Sorgen um bedürftige Menschen. Diakonie Brackenheim

Regelsätze bei Sozialleistungen nicht mehr kostendeckend

Gefühlt seien rund 25 Prozent an Kunden neu dazugekommen, so Marek. Die gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreise würden den Menschen besonders zu schaffen machen. Die Inflation habe Folgen.

"Für Personen, die bis jetzt am Existenzminimum gelebt haben, für die wird es ganz prekär."

Regelsätze bei Sozialleistungen seien überhaupt nicht mehr kostendeckend, so der Diakonie-Geschäftsführer, der sich in Brackenheim mit 14 Mitarbeitenden um Bedürftige kümmert. Mit großen Schwierigkeiten für etliche Klienten rechnet Marek, wenn die Energieabrechnungen Ende des Jahres kommen. Dann werde sich die Situation aus seiner Sicht nochmal massiv verschärfen. Das müsse die Politik in den Blick nehmen. Auch Heizkostenzuschüsse müssten dringend angehoben werden.

"Mit einem Einmalzuschuss ist es überhaupt nicht getan. Wir brauchen eine dauerhafte Anhebung der Sätze."

Politik handle nach dem Gießkannenprinzip

Mit einem 9-Euro-Ticket oder Tankzuschüssen seien die Probleme der bedürftigen Menschen nicht zu lösen, ist der Diakonieleiter überzeugt. Im Jahr beraten er und seine Kolleginnen und Kollegen rund 1.000 Familien in und um Brackenheim: "Beim großen Mainstream der Politik sind die Probleme nicht angekommen. Man versucht eher, nach dem Gießkannenprinzip zu handeln", sagt Marek.

Die Menschen, die bei der Diakonie Hilfe suchten, bildeten einen kompletten Querschnitt der Gesellschaft ab. Es gebe etwa Ehepaare, die sich trennten. Arbeitslosigkeit oder Krankheiten stürzten Menschen in Krisen und verschärften finanzielle Probleme.

"Wir haben immer mehr Familien, die im minderbemittelten Bereich leben und aufstockende Leistungen beziehen."

Stadtwerke: Gaspreise könnten weiter steigen

Dass die Energiepreise etwa beim Gas wieder zurückgehen, damit rechnet zum Beispiel der Geschäftsführer der Stadtwerke Schwäbisch Hall, Gebhard Gentner nicht. Werde eine "Gasmangellage" ausgerufen, was trotz Alarmstufe noch nicht erfolgt sei, dann könnten die Preise dem Markt entsprechend angespasst werden. Die Folge wären weitere erhebliche Preissteigerungen. Gentner sagt: "Auch in Zukunft werden die Gaspreise weiter steigen. Die Preise sind viermal so hoch wie Anfang des Jahres."

Der Aufruf, Energie zu sparen, sei noch nie ein Fehler gewesen, so Gentner. Aufgrund des hohen Preises werde das Energiesparen für viele jetzt aber "unheimlich wichtig" werden.

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